Der Weg meines Lebens, mein „Walk of Life“. Schon seit dem 17. Juli 1985 – und wann zum nächsten Mal?

07.25, Hindelang: Anruf beim Wetteramt Oberstdorf, draußen ist alles grau in grau. Ist heute tatsächlich der Tag der Tage? Immerhin ist es doch ein Mittwoch – genau wie am 17. Juli 1985, dem Tag der ersten Tour auf die Kemptener Hütte auf dem klassischen Weg durch den Sperrbachtobel. Beim vorerst letzten Mal ist es ein Montag gewesen – vor bald acht Jahren, am 26. August 2002.

Dazwischen: Warten, warten, warten –und es dreimal vergeblich versuchen. Immer wieder abgebrochen, immer wieder Asthmaprobleme schon auf dem Anmarschweg. Und heute?

10.13, Oberstdorf, Parkplatz Oybele-Festhalle: Ich renne los, 45 Minuten hinter dem allzu ambitionierten Zeitplan. Eigentlich sollte halb zehn mein bewährter Starttermin auf dieser langen Strecke sein, die ich bei Tageslicht beenden muss, um nicht in Panik zu geraten. Draußen sieht es inzwischen freundlicher aus. Im Rucksack habe ich Mamas Bilderrahmen, den Hammer aus dem Flurschrank zuhause in Münster-Hiltrup und ein Paket Nägel, unterwegs in Sonthofen bei OBI eingekauft.

11.37, Spielmannsau: Eine Stunde und 24 Minuten habe ich bis zum ersten wichtigen Zwischenziel gebraucht. Ich staune nicht schlecht, als ich an der Fassade des linken Hauses die Angabe „1.071 Meter“ entdecke – ich habe die ersten 200 Höhenmeter überwunden und hätte allenfalls mit der Hälfte gerechnet! Ein Spaziergänger ruft mir unterwegs zu: „Da kommt der Alpen-Express!“ Ich antworte: „Schön wär’s!“ und denke mir: „In der Ebene der Alpen-Express – und aufwärts?“ Ich weiß nicht, wie es wird. Aber irgendwie habe ich da eine Vorahnung…

11.52, „Denkerstein“ hinter der Alpe Oberau: Ich muss das Loch zulaufen, dass durch den späten Start entstanden ist. Deshalb beschließe ich, mich nicht lange aufzuhalten und es Punkt zwölf anzugehen. Ich bin auch viel zu sehr gespannt auf den ersten Steilaufschwung vor dem kleinen Elektrizitätswerk bei der Talstation der Materialseilbahn. Im Oktober 2004 hatte ich bereits hier Probleme und das Gefühl, dem „Klassiker“ plötzlich nicht mehr gewachsen zu sein. Aus „Altersgründen“, wie ich dachte. Am 6. September 2004 war ich 38 geworden.

12.45, Alexander-Scholl-Gedenktafel: Zweieinhalb Stunden nach dem Start in Oberstdorf läuft es gut. Ich überhole sogar ein junges Pärchen im ersten dunklen Waldabschnitt und verliere Zeit, weil das Handy andauernd nervt. Als die beiden wieder aufgeholt haben, beschließe ich, das Geklingel von nun an zu ignorieren. Hinter der Alpe Oberau habe ich das karierte Strauss-Hemd aus dem Jahr 2002 gewechselt – so viel früher als damals. 2002 ist es der kalte Gegenwind aus dem Sperrbachtobel, der mich dasselbe durchgeschwitzte Hemd ausziehen lässt. Das langärmelige Baumwoll-Oberteil fühlt sich wohliger an, eine Dreiviertelstunde nach dem Einstieg ist auch das „durch“. Die Luftfeuchtigkeit im unteren Teil des Weges erinnert mich an den Hitzesommer in Münster. „Nicht kippeln!“ schärfe ich mir ein und lege mich um Haaresbreite in die miefig-grüne Vegetation. Mir fällt auf: So schlecht wie im Oktober 2004 läuft es nicht, auch wenn eine nachrückende Gruppe eindeutig aufholt. Kurz vor dem Marterl am Knie lasse ich sie passieren – nette Leute, die meinen Gruß freundlich erwidern. Ihre bunten Anoraks zeigen mir im grünen Dickicht, dass die kleine Kapelle doch noch nicht erreicht ist. Ich spähe und spähe – und höre über mir plötzlich Stimmen. Das muss sie sein! Das Wiedersehen nach fast sechs Jahren fällt überraschend aus: Wie klein dieses Gotteshaus doch ist! Die Gruppe von vorhin hat sich niedergelassen. Unmöglich, Hammer und Nägel hervorzuholen. Ich schnappe mir einen Apfel, setze mich in die hinterste Ecke und beschließe, den Bilderrahmen noch auf dem weiteren Weg mitzunehmen. Etwas irritiert mich hier oben: Der Blick nach Gegenüber, die Dreidimensionalität der grünen Abhänge dreht in meinem Kopf. Nur ganz leicht, aber doch so, dass mir schwindelig wird.

Plötzlich der erste Regen, während sich ringsherum alles tiefgrau zuzieht. Vorhin schien doch noch die Sonne! Eine Frau aus der Gruppe legt sich ihr Regenzeug an und sagt: „Schluss mit luschtig!“ Zum zweiten Mal an diesem Tag beschließe ich, zu überholen und breche vor der Gruppe auf. Die Flucht nach vorn führt tief nach unten auf den Steg über den Sperrbach, den ich so tief nicht in Erinnerung hatte. Ich puste die Backen auf, konzentriere mich…

14.52, oberer Sperrbachtobel: „Zäher Hund!“ entfährt es dem Schlussmann der „Ulmer Gruppe“ (ich habe sie so getauft) und ich frage mich, ob der Kommentar mir gilt. Gute zwei Stunden nach der Alexander-Scholl-Gedenktafel habe ich meinen ersten Aufstieg im Regen hinter mir. Bisher erwischten mich Wetterstürze stets im Abstieg, zuletzt am Sonntag bei meiner Vorbereitungsrunde über den Straussbergsattel. Es ist eine Charakterprüfung: Als es kurz nach dem Knie immer heftiger regnet, denke ich ans Umkehren. Aber bin ich dafür losgelaufen, habe ich mich auf einen Abbruch vorbereitet? Ich lege im Schutz einiger Sträucher eine Verpflegungspause ein, lasse die Gruppe wieder passieren, aus der eine andere Dame besorgt fragt: „Haschd koi Rägejackerl doboi?“. Doch, habe ich! Aber ich will keine vierte Schicht anlegen, bis auf das karierte Hemd vom Morgen habe ich alles übereinander gezogen und fühle mich eigentlich in Ordnung. Vom Sonntag weiß ich, dass diese Kombination einigermaßen warm hält. Auf dem weiteren Weg baut sich mitten im Weg ein dicker Stein auf. Irgendein Witzbold hat einen roten Punkt aufgemalt und die Verheißung: „1 Stunde“. Mir fällt es schwer, bei meinem Tempo an diese Ankunftszeit zu glauben und laufe trotzig weiter. Auf die Stöcke gestützt, lege ich immer wieder Atempausen ein. So mache ich das seit zwei Stunden. Aber ich habe nie das Gefühl, an der Leistungsgrenze zu sein. Wie wird es nach dem ersten Sichtkontakt mit dem Dachfirst sein? 2002 bin ich von hier aus kaum noch vom Fleck gekommen.

15.00, oberer Sperrbachtobel: Der Dachfirst der Kemptener Hütte ist in Sicht! Ich muss augenblicklich aufs Klo, muss zunächst den Schlussanstieg überwinden. Die „Ulmer Gruppe“ nimmt mich an vorletzter Position auf, sie scheinen sich Sorgen gemacht zu haben. Drei Stunden laufe ich seit der Alpe Oberau, zweieinhalb müssten es sein. Bei meinen kurzen Pausen frage ich mich, wo ich die Zeit liegengelassen habe. Unentwegt schaue ich zur näher kommenden Hütte, die verändert aussieht: Diese hochglänzenden Kamine, dieser Anbau – was soll das?

16.05 Kemptener Hütte: Aufbruch nach kurzem Aufenthalt. Der Haupteingang und die Terasse sind verschlossen, der Weg führt durch den kalten, feuchten „Trockenraum“. Ich muss die Schuhe ausziehen und werde im Gastraum umso freundlicher empfangen: „Brauschd a Zimmerle?“ Nein, ich nicht! Dafür spricht die „Ulmer Gruppe“ am Tresen vor: „Volz, wir hatten reserviert“. Nun sind sie wieder DAV-Insider, so wie der große Rest im Gastraum. Ich weiß, um vier mit dem Abstieg beginnen zu müssen – eine Stunde nun hinter dem Zeitplan. Da ich mit 45 Minuten Verspätung gestartet bin, liege ich insgesamt nur 15 Minuten zurück. Ohne Fotopausen, Regen und etwas zu wenig Mut zum Risiko im Sperrbachtobel (ja, auch dieser Abschnitt soll ein „oberes Ende“ haben) wäre ich auf Gleichstand. Es muss machbar sein. Im Abstieg kann ich mich kaum vom Anblick der veränderten Hütte lösen. Acht Jahre hat es seit dem vierten Mal auf der klassischen Route gedauert! Doch ich habe noch etwas vor!

16.31, oberer Sperrbachtobel: der letzte Blick zurück zur Hütte, 91 Minuten war ich dort oben im Reich meiner Träume. Und danach nie wieder.

17.02, Sperrbachtobel: erster Sichtkontakt mit dem Marterl hoch oben über dem Knie. Ich frage mich, warum ich an dieser Stelle so bewegt war, als ich am 26. August 2002 zum letzten Mal hier vorbei kam. Beim Tiefblick auf den Steg schüttelte es mich. Dabei lebte meine Mum doch (noch)…

17.22, Steg über den Sperrbachtobel: Ich bin zurück an der „Schlüsselstelle“ und staune, dass ich den Weg hierher vorhin im Aufstieg tatsächlich gemeistert habe – anscheinend können wir Menschen doch über uns selbst hinauswachsen.

17.35, Marterl am Knie: Anderthalb Stunden nach der Kemptener Hütte ist die Kapelle erreicht. Vergleichszahl vom Aufstieg: zwei Stunden, 45 Minuten von der Alexander-Scholl-Gedenktafel bis ganz oben, 30 Minuten hinter der offiziellen Zeitangabe. Hammer und Nägel hätte ich nicht mitnehmen müssen. Der harte Putz lässt kein Eindringen zu. Ich klemme das Bild neben einer Granitplatte ein und bin ganz froh, nicht genagelt zu haben. Es hätte der Würde des Raumes nicht entsprochen. Auf den gläsernen, gut gefüllten Aschenbecher trifft dasselbe zu. Auf Schlamm und Lehm geht es langsam hinab. Die letzte Begegnung keine zehn Minuten später: eine wohl genährte Dame, die vom „Rindalphorn“ berichtet, dort sei der Schlamm „brrrudal“ gewesen, 300 Meter sei die Gute ins Bodenlose geschlittert. Dass es drei Stunden sein werden bis zum Parkplatz an der Oybele-Festhalle, ahne ich nicht. Viereinhalb Stunden von der Kemptener Hütte zurück nach Oberstdorf – hatte ich verkehrte Zeiten im Kopf? Es ist 20.32, als ich in Sicherheit bin. Um 19.17 bin ich noch auf der Höhe der kleinen Kapelle bei Spielmannsau. Dort bin ich am Morgen eingekehrt. Über dem Altar hat sich jemand mit Filzstift verewigt. „Der Herr ist mein Hirte“, steht dort geschrieben. In einer Stunde und 15 Minuten von Spielmannsau zurück nach Oberstdorf – so schnell wie auf dem Hinweg. Allzu sehr kann mir meine „Königsetappe“ , mein „Walk of Life“ trotz aller Sorge dann doch nicht zugesetzt zu haben.

Zehn Stunden, 15 Minuten, abzüglich 30 Minuten auf der Hütte, geteilt durch den Faktor 2: Das sind weniger als fünf Stunden für den Auf- oder Abstieg. Nach oben oder nach unten macht keinen großen Unterschied. Ich hatte das anders in Erinnerung – oder hatte ich verlernt, über die Schrofen nach unten zu tanzen? Mehr noch: Hatte ich in den acht Jahren vom 26. August 2002 bis hierher meine jugendliche Unbekümmertheit, meine Leichtigkeit, irgendwo liegen lassen? Wer hatte sie mitgenommen?

Nachsatz: Zehn Jahre später, am 3. August 2020 – einem Montag – habe ich es noch einmal versucht, nicht zum letzten Mal. Denn gekommen bin ich wieder nur bis zum Marterl Maria am Knie, dort habe ich einen flüchtigen Blick hinunter zum Steg genommen. Dort teilt sich der Weg meines Lebens, mein „Walk of Life“, in den Zustieg und die eigentliche Königsetappe, die an Schönheit, Wildheit und Ausgesetztheit nicht zu übertreffen ist. Im September 1990, bei meinem schnellsten Solo-Aufstieg, beschloss ich, dass hier oben der Himmel beginnt. Sehr viel später gründete ich dann die EU-Marke „My Heaven Eleven“, freilich ohne durchschlagenden Erfolg. Vielleicht hätte ich die Geschichte von der Idee und der Entstehung dieses Labels früher erzählen sollen. Aber zu spät ist es im Leben eigentlich nie. Auch dann nicht, wenn sich angeborenes Asthma einige Zeit nach dem 50. Geburtstag doch anders auszuwirken beginnt als ursprünglich einmal gelernt. Was bleibt, ist ein 35 Jahre altes Gefühl, das eine schlichte Tafel vor dem Eingang in die Kemptner Hütte in Worte zu fassen versucht: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Wen dieses Gefühl einmal in seinen Besitz nahm, der will es immer wieder.

Text: Carsten Krome (1.708 Wörter; 11.355 Zeichen mit Leerzeichen und Zeilenumbrüchen; 6 Minuten Lesedauer)

Bilder (2010): Carsten Krome