Kaum eine Sport- und Rennausführung von Porsche ist ähnlich begehrt: Der vor 45 Jahren in 49-facher Auflage produzierte Porsche 911 RSR ist der Urahn einer Baureihe, die bis heute Gültigkeit genießt. Experten sind sich sicher, die Ursache für die anhaltende Popularität des pausbackigen „F-Modells“ zu kennen. Sie stellen fest: „Das Auto kommt an. Es trifft den Geist unserer Zeit!“ Warum ist das so? Vorsichtige Annäherung an ein Phänomen.

57. Targa Florio 1973: Porsche Carrera RSR 2.8, #911 360 0020 R2, heute im Porsche Museum am Porscheplatz 1 in Stuttgart-Zuffenhausen; Archivbild: Historisches Archiv der Porsche AG, Jens Torner

Für alle Zeiten ein Schönheitsideal: verbreitere Kotflügel in den nachvollziehbaren Proportionen des Ur-Elfers, garniert mit dem „Entenbürzel“ auf dem Heckdeckel.

Dieser alte Porsche schafft etwas, was oft nicht einmal den klügsten Frauen gelingt: Er macht Männer wehrlos, und das ohne jede Rücksichtnahme. Es mag am Alter und dem damit einhergehenden Reifegrad liegen. Denn eins haben der RSR 2.8 und Heidi Klum, das aus Bergisch-Gladbach stammende Topmodel, gemeinsam: Sie beide sind 2013 40 geworden, und beide haben von ihrer Ausstrahlung nicht das Geringste eingebüßt. Ganz im Gegenteil: Die 1973 aufgelegte Sport- und Rennausführung aus der Weissacher Ideenschmiede ist noch nie so wertvoll gewesen wie heute. Connaisseure sind bereit, ungeahnte Höchstpreise für sie zu zahlen – sofern sie eins der 49 dokumentierten Original-Exemplare erwerben können. Damit sind wir im Thema. Der Seltenheitswert des RSR 2.8 ist mit dem eines 911 S/R 2.3 oder S/T 2.5 zu vergleichen. Und in eine solche Preziose werden inzwischen – abhängig von der sporthistorischen Relevanz und dem Erhaltungszustand – 800.000 Euro und mehr investiert. Der RSR 2.8 muss auf einem ebensolchen Niveau angesiedelt werden, zumal er äußerlich ähnlich attraktiv ist.

57. Targa Florio 1973: Porsche Carrera RSR 2.8, #911 360 0020 R2, heute im Porsche Museum am Porscheplatz 1 in Stuttgart-Zuffenhausen; Archivbild: Historisches Archiv der Porsche AG, Jens Torner

Weit verbreitete Expertenmeinung: auch in unserem heutigen Hochpreis-Zeitalter eine nachhaltige Investition in einen steigerungsfähigen Sachwert.

Experten sind überzeugt, dass es sich bei 800.000 bis 950.000 Euro für ein 1973er Porsche Carrera RSR 2.8 Coupé um gut angelegtes Geld handelt. Professionelle Renn- und Sportwagenhändler sagen: „Das Auto kommt ganz einfach an. Es sind diese einmaligen Proportionen – für viele Kunden ist der RSR 2.8 der klassische Porsche schlechthin!“ Dabei hatten die Weissacher Renn- und Entwicklungsingenieure 1973 nicht unbedingt im Sinn, eine unvergängliche Schönheit zu kreieren. Es ging den betont pragmatischen Urschwaben vielmehr darum, vorn neun und hinten elf Zoll breite 15-Zoll-Felgen von den Radhäusern abdecken zu lassen. Um der Konkurrenz in Gestalt von BMW und Ford besser begegnen zu können, waren Rennreifen in den Abmessungen 230/600-15 vorn sowie 260/600-15 hinten erforderlich geworden. Daraus ergab sich eine Konsequenz, die auch vier Jahrzehnte später noch wahre Stürme der Begeisterung auslöst: Allein an der Hinterachse trieb es die aus Stahlblech bestehenden Verbreiterungen der Seitenwände um jeweils fünf Zentimeter nach außen. Während das Ausgangsmodell, das Carrera RS 2.7 Coupé, in dieser Beziehung dank seiner Schlichtheit Punkte einsammelt, besticht der RSR 2.8 mit Üppigkeit.

Zu seiner Zeit ein kurzlebiges Genie, heute angesagter denn je: So aufregend kann ein Rennporsche auch noch mit über vierzig sein!

Es ist das Gesamtpaket, das Porsche-Enthusiasten in aller Welt begeistert. Die Grundzüge des F-Modells – Hupengitter in den vorderen Kotflügelspitzen, chromglänzende Ringe um die Hauptscheinwerfer, verchromte Scheibenrahmen sowie Außenspiegel-Gehäuse, dazu die Türgriffe – sind beibehalten worden. Die Bug- und Heckschürze zeigen sich zwar an die verbreiterten Kotflügel angepasst. Doch die Linienführung entspricht insgesamt der des „Zwosiebeners“, und dasselbe gilt auch für den charakteristischen „Entenbürzel“ auf dem Heckdeckel. Porsche ist vor mehr als 40 Jahren eine Konstruktion für die Ewigkeit gelungen, auch wenn eine überschaubare Halbwertzeit – keine zwölf Monate später konnten Porsche-Rennkunden ein nochmals verbessertes Nachfolgemodell bestellen – andere Schlüsse nahelegte. Die 49 im Werk produzierten Original-Fahrzeuge überlebten – wenn auch mitunter bis zur Unkenntlichkeit umformatiert. So verwandelte sich ein RSR 2.8 in Schweden in einen 935 turbo mit Doppellader-Antrieb – eine Herkulesaufgabe für diejenigen, die die Rückführung bis auf die Grundsubstanz voranzutreiben hatten oder noch haben! Aufgrund der zu beobachtenden Wertentwicklung erweist sich diese Arbeit jedoch immer wieder als lohnend.

Erster Markt, erstes Leben: Die Sportkarriere des RSR 2.8 war symbolhaft für den Mythos Porsche: kurz, erfolgreich – geheimnisvoll.

Ein schlichter Porsche 911 inmitten der offenen Prototypen großer Werksteams – das ist das Bild, das sich 1973 in die Netzhäute all jener Seh-Leute einbrennt, die die 24 Stunden von Le Mans miterleben. Zwei Carrera RSR in den Farben des Martini Racing Teams geben sich die Ehre, und einer kommt durch: Herbert Müller und Gijs van Lennep belegen die vierte Gesamtposition. Das Pilotenduo aus der Schweiz und den Niederlanden ist in blendender Verfassung. Denn auch bei der Targa Florio, dem legendären Rennen durch die Straßen Siziliens, schlagen Müller/van Lennep zu. Sie sichern sich und Porsche in einem epochalen Marken-Weltmeisterschaftslauf den Gesamtsieg. Es ist das letzte Mal, dass in der Madonie, einer sizilianischen Provinz, um Ruhm und Ehre gerungen wird. Die versammelte Weltelite, angeführt von Sportwagen-Granden wie Jacky Ickx auf dem offenen Ferrari-Prototypen oder Rolf Stommelen auf Alfa Romeo ist geschlagen. Zu den bis heute ungelösten Rätseln, die die Ära der drei bis vier silbergrauen RSR 2.8 im Martini-Ornat umgeben, zählt zweifellos der Verbleib der Startnummer 108. Der schwäbische Porsche-Testfahrer Günther Steckkönig und der einheimische Aristokrat Giulio Pucci steuern es – leider ins Aus, und das obendrein bereits im Training. Über Nacht wird ein Ersatzwagen präpariert, der bis heute in den Beständen des Porsche-Werksmuseums verweilt. Nach offiziellen Angaben handelt es sich um das Chassis Nummer 911 360 0020. Der Verbleib des anderen Wagens, des Unfallwagens notabene, ist indes unbekannt – und ein reicher Nährboden für Spekulationen jedweder Art.

Zweiter Markt, zweites Leben: 1986 verpassen Dr. Christian Wussler und Götz von Tschirnhaus im Veedol-Langstreckenppokal um Haaresbreite den Überraschungssieg.

Die Legende des Carrera RSR 2.8 ist schon fasst verblasst, als ein Lörracher Radiologe sie wieder wachküsst. Es ist Dr. Christian Wussler, der ein entsprechendes Original-Exemplar in den Veedol-Langstreckenpokal Nürburgring mit einbringt. Beim ersten Einsatz im Hochsommer 1986 stellt sich Götz von Tschirnhaus als zweiter Steuer-Mann zur Verfügung. Denn der Kaufmann aus der Hansestadt Hamburg kennt sich bestens aus in der Eifel – und er gibt dieses Wissen auch gerne weiter. Als mehrfacher aktiver Teilnehmer an den 24 Stunden von Le Mans sowie am ADAC-1.000-Kilometer-Rennen auf der Nordschleife hat er sich als Fahrtrainer und Schulungsleiter etabliert. Und auch mit dem Ende der ersten Lebenshälfte in Sicht ist Götz von Tschirnhaus noch immer pfeilschnell unterwegs. Das beweist er in Dr. Wusslers RSR 2.8, der 1986 zur allgemeinen Verblüffung beim Veedol-Langstreckenpokal in Führung schießt. Die Sensation liegt in der Luft, doch dann wird das Rennen mit der roten Flagge abgebrochen. Was ist passiert? Als sich die Nachrichtenlage verdichtet, steht fest: Eine Tragödie hat sich abgespielt. Am Streckenabschnitt Schwalbenschwanz ist der Privatfahrer Wolfgang Offermann zu Tode gekommen – eine Verkettung dramatischer Einzelereignisse. Aus Pietätsgründen wird nicht wieder neu gestartet. Und so bleibt der Traum vom Sensationssieg des zu diesem Zeitpunkt dreizehn Jahre alten Porsche unerfüllt. Mehr noch: Im Nachgang beendet Götz von Tschirnhaus seine aktive Zeit im Motorsport.

Doktor Wussler und die Spätfolgen: neues Grundrauschen im Geschäftsfeld des historischen Motorsports.

„Hello, this is Mauro Borella speaking!“ Ein lebensfroher Mann aus Mailand, gebildet und dem guten Wein zugetan, belebt im neuen Jahrtausend die historische Rennszene mit einem RSR 2.8. Er nimmt an Großveranstaltungen wie dem AvD-Oldtimer-Grand-Prix auf dem Nürburgring teil. Mit seiner Präsenz setzt Borella einen Trend. Zwar veräußert er sein Auto an einen in Portugal lebenden Deutschen, doch gerade diese Transaktion verstärkt das Grundrauschen noch. Sie weckt Begehrlichkeiten, und schon ziehen die Preise an. Im Frühjahr 2013 gerät ein Schwellenwert ernsthaft in Gefahr: eine Million Euro – nicht für Mauro Borellas ehemaligen Streitwagen, sondern für ein sporthistorisch exponierteres Exemplar. In der glaubhaften Dokumentation aller Einsätze sowie dem Nimbus der beteiligten Fahrer und Rennställe oder auch in Ereignissen wie den 24 Stunden von Le Mans liegt neben materieller Unversehrtheit der Schlüssel zu einer gehobenen Positionierung. Interessante Alternativen stellen 911 S 2.4 oder Carrera RS 2.7 Coupés dar, die nachträglich in der Werks-Kundensport-Abteilung auf den Stand des RSR 2.8 gebracht worden sind. Meist können Sonderaufbauten anhand vorliegender Rechnungen und der dazu gehörigen Korrespondenz bis ins kleinste Detail nachvollzogen werden. Wichtig ist das Vorhandensein der Optionsnummer M 491. Diese ist im klassischen Carrera-Zeitalter grundsätzlich der Wettbewerbsversion zugeteilt worden.

Professionell gemachte Replikate: hochwertig, authentisch, im Preis wie im allgemeinen Ansehen gestiegen.

Inzwischen können auch authentisch aufgebaute Replikate am Markt punkten, so sie denn möglichst viele hochwertige Komponenten aus alten Tagen enthalten. So inspirierte die Legende der Targa Florio 1973 einen in England lebenden Deutschen, sich einen der berühmten Martini-Werkswagen bis ins letzte Detail originalgetreu reproduzieren zu lassen. Er hegt verwegene Pläne: Nur einmal im Leben will er die verwinkelten Straßen auf Sizilien Meter für Meter abfahren, will genau hinhören, wenn sich der Schall des doppelflutigen, offenen Renn-Auspuffs zwischen den Häuserzeilen bricht, will die Schauplätze tausendfach gesehener Rennaufnahmen auf sich wirken lassen. Allein dafür hat er sich in England seinen persönlichen „Zwoachter“ herrichten lassen – auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnitten. Bei weltweit 49 bekannten Original-Exemplaren ist die Gefahr eines plötzlich aufkommenden Massenmarktes als überschaubar einzuschätzen. Dirk Sadlowski bestätigt, im Laufe der Jahre zwar den einen oder anderen RSR-Aufbau vertrieben zu haben. Doch dabei habe es sich allenfalls um eine Handvoll – insgesamt ein bis zwei Dutzend vielleicht – gehandelt. Der Hintergrund ist denkbar einfach: Aufgrund der immer teurer werdenden Basisfahrzeuge und steigender Kosten für die wichtigsten, kennzeichnenden Komponenten ist auch die einfachste Nachfertigung mit einem gesichert sechsstelligen Betrag anzusetzen – eine eingebaute Schwelle für all jene, die dem Bann der kurvenreichen, alten Dame erlegen sind.

Fazit. Unvergängliche Schönheit hat ihren Preis – und wahre Ikonen fallen nun einmal nicht im Preis.

40 Jahre Carrera RSR 2.8, 50 Jahre Porsche 911 – die erfolgreichste Sportwagen-Ikone feiert mit all ihren Derivaten runden Geburtstag. Da liegt es auf der Hand, dass das ohnehin schon lebhafte Interesse am klassischen Elfer in seiner womöglich schönsten Form nochmals anzieht. Für den „Zwoachter“ gilt: Noch nie war er so wertvoll wie heute, und die Euro-Million für ein authentisches Original-Exemplar ist schon lange keine Illusion mehr. „Everybody’s darling“ – jedermanns Liebling: von allen gemocht, geliebt sogar, aber letztlich nicht für jedermann zu haben. Es ist das alte Lied von der Schönheit, die edel und unvergänglich ist…

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

Das könnte Sie ebenfalls interessieren: 

Das Maultier – von der Perfektion des Unperfekten: Rekonstruktion der 57. Targa Florio am 13. Mai 1973.

https://www.netzwerkeins.com/2015/08/20/das-maultier-von-der-perfektion-des-unperfekten-rekonstruktion-der-57-targa-florio-am-13-mai-1973/