Welcher ernsthafte Sportwagen-Liebhaber kennt nicht den Leinwand-Klassiker „Le Mans“ von und mit Steve McQueen fast auswendig? Das Epos aus den frühen siebziger Jahren verhalf den Sponsorfarben Blau und Orange zu Weltruhm. Die Ölgesellschaft Gulf hatte sie etabliert. Beide Töne zierten vor allem die Porsche 917, die unter der Regie John Wyers zum Einsatz kamen. Auf der Leinwand besetzten sie neben McQueen die Hauptrollen. Kein Wunder, dienen sie kreativen Köpfen seitdem als leuchtende Vorbilder. Einer von ihnen heißt Torben Kemmler. (Nicht nur) Den Düsseldorfer brachte der distinguierte Look aus dem Marken-Weltmeisterschaftsjahr 1970 auf eine Idee … doch da gibt es ein wichtiges Detail, wie Carsten Krome zu berichten weiß.

Die 1901 gegründete US-Mineralölgesellschaft Gulf Oil gehört zu den traditionsreichsten Geldgebern im Renngeschäft. Dabei ist der Konzern schon lange in einen anderen aufgegangen, nur noch in Luxemburg und auf der britischen Insel existieren vereinzelte Tankstellen. Ab 1966 investierte das Unternehmen in das Sportwagen-Rennteam des Engländers John Wyer, der zunächst zwei Ford GT40 einsetzte. 1969 triumphierten seine Fahrer Jacky Ickx und Jackie Oliver bei den 24 Stunden von Le Mans. Dem Porsche 908 Coupé des Deutschen Hans Herrmann konnten sie einen denkbar knappen Vorsprung abringen – zu knapp für Wyer. 1970 schwenkte die Gulf-Truppe deshalb auf den allgewaltigen Porsche 917 um, der 1969 bereits beim Langstrecken-Klassiker an der Sarthe debütiert hatte. Ein tödlicher Unfall gleich in der Startrunde des 24-Stunden-Rennens überschattete den Einstand des Zwölfzylinder-Coupés. Der Engländer John Woolfe stand mit seinem Porsche 917 #005 stand zwar nur auf dem 21. Startplatz, aber Woolfe war beim Le-Mans-Start einer der Schnellsten und lag am Ende der Hunaudières-Geraden bereits unter den ersten zehn. Eingangs Maison Blanche kam er mit beiden linken Rädern aufs Gras, verlor die Kontrolle über den Wagen und schlug mit hoher Geschwindigkeit rechts in die Leitplanke ein. Nachdem John Woolfe sich beim Start den Sicherheitsgurt nicht angelegt hatte, wurde er aus dem Cockpit geschleudert. Der Tank des Fahrzeugs riss auf, der Porsche 917 #005 ging in Flammen auf. Aus dem hinter Woolfe fahrenden Pulk konnte Chris Amon – der sich einen Ferrari 312 P mit Peter Schetty teilte – nicht mehr ausweichen und prallte in das Wrack. Während Amon unverletzt blieb, starb Woolfe noch an der Unfallstelle. Jahrzehntelang hielt seine wohlhabende Familie die Überreste des Wracks unter Verschluss.

Tragödien wie diese waren bestimmend für die Aura jener Zeit. Sie flossen nicht zuletzt in das Drehbuch des berühmten Rennfahrer-Streifens „Le Mans“ von und mit Steve McQueen alias Michael Delaney ein. Doch selbst im Film gewann der „falsche“ Porsche 917. Subtil verarbeitete das Storyboard tatsächliche Begebenheiten an der Sarthe. Denn es war nicht einer von John Wyers 917, der 1970 den ersten Porsche-Sieg an der Sarthe einfahren durfte. Statt dessen reüssierte Porsche Salzburg mit dem rot-weißen „Kartoffelkäfer“ – und Hans Herrmann, der nach der knappen Niederlage im Vorjahr nun endlich jubeln durfte. Die Konsequenz, ganz anders als im Film: In Le Mans siegte kein Gulf-Porsche 917, nie. Vielen ist dieses wichtige Detail nicht bewusst. Der Blick auf die Vergangenheit verklärt mit der Zeit, allzu menschlich ist das. Erst 1975 war es dem Mirage GR8 Cosworth wieder vergönnt, in blassem Blau, abgesetzt mit Leuchtorange, zu gewinnen. So mancher Leinwand-Kritiker verstand das alles nicht. Man warf Steve McQueens (Meister-)Werk in kultivierter Unkenntnis der Sachlage einen zu dünn geratenen Handlungsstrang vor – eine klare Fehleinschätzung. Denn der Kult um die (Sonder-)Farbe Gulfblau hält auch 50 Jahre später noch unverändert an, insbesondere in Porsche-Liebhaberkreisen. Das mag am Auftritt der beiden Wyer-Porsche 917 in der Marken-Weltmeisterschaft 1970 gelegen haben, die die Fahrerpaarungen Pedro Rodriguez/Leo Kinnunen und Jo Siffert/Brian Redman nahezu im Handstreich einfuhren. Nach dem Doppelerfolg bei den 24 Stunden von Daytona 1970 kamen sie bei sieben von zehn Weltmeisterschaftsläufen 1970 als erste über die Ziellinie. Im darauf folgenden Jahr stellten sich noch einmal vier Triumphe ein – nur eben nicht in Le Mans. Zweifelsohne waren dies Marksteine der Gulf-Saga. Die offenen Porsche 908/3 in den Gulf-Hausfarben Blau und Orange trugen bei der Targa Florio und auf der Nürburgring-Nordschleife gleichsam zum Nimbus der Marke(n) bei. Denn heute offeriert Porsche seinen (Neuwagen-)Kunden eines 911 GT3 der Generation 991.2 eine der Zeit entsprechende Interpretation des Gulfblau an. Ohne die Applikationen in Orange zwar, aber immerhin mit der vom 908/02 anno 1970 entlehnten Schriftsilhouette an den Flanken. Das weiß auch Torben Kemmler, Enthusiast und Sammler aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf ( … ).

(to be continued)

Hier ist die Geschichte noch lange nicht zuende – weiterlesen können Sie gerne in werk1 nine | eleven boxerstories, Ausgabe #002 | 2020.