Bereits am 13. April hatte am Rande des Hockenheimrings ein Blog-Beitrag entstehen sollen, der erst jetzt, sechs Wochen später, unter veränderten Voraussetzungen, auf den Punkt gebracht werden kann. Die Rahmenhandlung: die Rennwochenenden des DMV GTC und des DUNLOP 60. Weit hinaus in die Welt des Motorsports führen sie, an die Wirkungsstätten der ganz Großen dieser Sportart, der Idole, der Unsterblichen. Carsten Krome nimmt Sie mit auf eine Reise, die am 1. August 1976, einem Sonntag in der Hocheifel, beginnt.

Was treibt uns eigentlich an in dem, was wir tun – oder auch nicht? Geht es um Geld, Existenzdruck, Sendungsbewusstsein oder am Ende doch um eine überhöhte Dimension? Man darf sich eine solche Frage durchaus stellen an einem Samstagabend, nach getaner, harter Arbeit, an einer Rennstrecke 953 Kilometer entfernt von zuhause. Und natürlich hat die Nachricht vom Tode Niki Laudas am Dienstag vieles in Bewegung gebracht. Für Menschen wie Du und ich, deren Prägephase in den Tiefen der siebziger Jahre zu verorten ist, muss der Österreicher, der mit bürgerlichem Namen Nikolaus Andreas Lauda geheißen hat, als der Rennfahrer schlechthin gegolten haben, als ein Universalgenie. Wir sind diamals an Zehnjährige mit unseren Kettcars um den Sandkasten gefahren, natürlich um die Wette, mit selbstgebastelten Spoilern aus Pappe, befestigt an Bindfäden. Wir haben uns die Rollen zugerufen, die wir spielen wollten. Damals, in einem Duisburger Hinterhof, mit zwei Dachdeckern schräg gegenüber als zufälliges Publikum. Einer von uns war Hunt, einer Fittipaldi – und einer Lauda eben. Spätestens seit dem 1. August 1976 galt er, der Weltmeister der Formel 1, der höchsten Spielart des Automobil-Rennsports, als schier unsterblich. Den Computer nannten sie ihn, den vielleicht komplettesten und vielleicht intelligentesten Rennfahrer seiner Zeit. Er machte manchen Angst, andere faszinierte er, wieder andere wussten mit ihm nicht viel anzufangen – wie eigentlich immer im Leben, wenn besondere Menschen dazu neigen, zu polarisieren.

Bei Michael Schumacher war das kaum anders, als sein Stern im Sommer 1991 wie ein Komet über dem Himmel von Dpa-Francorchamps aufging, und ich war mehr oder weniger zufällig dabei, als er im grünen Jordan die ersten öffentlichen Gehversuche in der Formel 1 unternahm. 15 Jahre zuvor, als Niki Lauda der Grünen (Feuer-)Hölle nur knapp entkam, war das nicht anders gewesen. Am 1. August 1976 beschlossen meine Eltern sonntagsmorgens am Frühstückstisch, zum zweiten Mal überhaupt an den Nürburgring zu fahren, um ein großes Rennen mitzuerleben. Wir kamen exakt in dem Moment unten an der Breitscheidbrücke, dem tiefsten Punkt der Nürburgring-Nordschleife an, als der Große Preis von Deutschland abgebrochen worden war. Streckensprecher Jochen Luck aus Kassel versuchte das Publikum mit der Aussage zu beruhigen, der verletzte Rennfahrer sei auf dem Weg ins Adenauer Krankenhaus. In den darauffolgenden Tagen überschlugen sich die Tageszeitungen mit Schlagzeilen der Gewichtsklasse: „Wo ist sein Gesicht? Es ist rohes Fleisch!“ Für einen Neunjährigen wie mich war das eine vielleicht nicht ganz jugendfreie Lektüre – aber eben auch der Nährboden für die sich nun anschließende, genau zehn Jahre anhaltende Phase der Heldenverehrung. Als Niki Lauda 1984 an den grundlegend veränderten Nürburgring zurückkehrte, um ausgerechnet dort, in der Hocheifel, um die inzwischen dritte Fahrer-Weltmeisterschaft der Formel 1 zu kämpfen, waren mein Vater und ich wie selbstverständlich zur Stelle. Schon auf dem Fußweg  vom Parkplatz zum eigentlichen Schauplatz der Handlung, im Nieselregen, begegnete uns das Transparent eines Fans. Der hatte die Stimmungslage dieser Tage in einem Raum zusammengefasst: „Niki Lauda hahaha – morgen ist der Bellof da!“