road.trip | reisefieber auf unseren traumstraßen
erster teil: schnell oder langsam durchs oberallgäu

Schlüsselstelle der uralten Frächterstraße über das Joch: Blick von der „Kanzel“ auf Bad Hindelang im Oberallgäu; Panoramafoto: Carsten Krome Netzwerkeins

Der Sonne entgegen
Für Sportfahrer und Genießer gleichermaßen: die kleine Allgäu-Schleife (erster Teil)

Wer seinen Porsche liebt, möchte seiner Leidenschaft nicht immer nur auf der Rennstrecke frönen. In den Bergen ist die Beziehung zwischen Mensch und oftmals sechszylindriger Maschine besonders intensiv. Fernab der allzu stark frequentierten Super-Routen, vorbei an den steinernen Monumenten Südtirols oder Oberösterreichs, lohnen die weniger häufig befahrenen Rundtouren umso mehr. So führt ein Mehrteiler vom Drehkreuz Sonthofen über den Gaichtpass nach Tirol, und von dort weiter an die weitaus weniger bekannten Rückseiten der Allgäuer Bergriesen. Grundsätzlich machbar ist dieser automobile Hochgenuss an einem einzigen Tag. Doch in Wirklichkeit ist es eine Verschwendung, einige hundert Kilometer ein Bergrennen gegen sich selbst zu fahren! Deshalb zerlegen wir die Reise in detailreiche Abschnitte, und laden Sie dazu ein, sich Ihr persönliches Tourenbuch anzulegen: Los geht es also – auf Haupt- und Nebenstrecken des Oberallgäus!

7,5 Kilometer auf direktem Weg, 24,9 Kilometer mit Abstechern, Ziele für einen oder gleich mehrere Urlaubstage – von Sonthofen nach Bad Hindelang

Sonthofen. Stadt im Allgäu, etwas schmucklos stellenweise, und doch geziert von einem großartigen Alpenpanorama. Der himmelsstürmende Bergkranz weiter hinten, im Süden, markiert den Talschluss, wie die Älpler sagen, hinter Oberstdorf. Berühmt geworden ist das Drehkreuz dieser Urlaubsregion – nach Westen geht es weiter in Richtung Bodensee, nach Osten über zwei Passstraßen nach Tirol – durch eine politische Indiskretion. Es war Franz Josef Strauß, der im November 1974 in ihrem Mittelpunkt stand. Ein Mitschnitt seiner wahlstrategischen Rede anlässlich einer Klausurtagung der CDU-/CSU-Fraktion im Bundestag fand den Weg in die Redaktion des SPIEGEL, und der schrieb im März 1975 Geschichte mit den ehemals geheimen Aufzeichnungen. Sonthofen war fortan Schauplatz der großen, eigentlich dem Bonner Regierungssitz zugeschriebenen Bundespolitik – und letztlich doch nur Standort der 1934 in exponierter Hanglage errichteten Generaloberst-Beck-Kaserne. Ein geschichtlich interessanter Platz also, und aufgrund seiner zentralen Lage – 181 Kilometer ab dem Stuttgarter Kreuz über die Autobahnen A8 und A7, weniger als zwei Stunden Fahrzeit – unser Startort zur Allgäu-Runde. Diese führt uns zunächst in Richtung Westen über die Bundesstraße 308 nach Bad Hindelang.

Nach drei Kilometern führt rechter Hand ein oftmals übersehener, gelber Wegweiser nach Imberg – unser erster Abstecher am Wegesrand. Über 1,5 Kilometer führt ein oftmals im Schatten gelegenes, durchgängig befestigtes Sträßchen hinauf in das kleine Bergdorf, in dessen Mitte sich ein urwüchsiger Berggasthof nach der Sonne gedreht zu haben scheint. Er heißt übrigens auch genauso, und die Zeit ist hier oben, auf knapp 900 Metern Meereshöhe, wahrhaft stehengeblieben. Spätestens vor der Schranke, die die Mautstraße zur Straußbergalpe in 1.227 Metern Meereshöhe eröffnet. Exakt 6,2 Kilometer ist der verwinkelte Pfad lang, dabei überwindet er 457 Höhenmeter – bergauf eine Prüfung für den Antriebsstrang, bergab für die Bremsen und alle radführenden Teile. Deshalb Vorsicht! Die stellenweise mit 15 Prozent Steigung gesegnete Bergstraße ist beliebt bei Wanderern und (durchaus selbstbewussten) Bikern – unbedingt ausreichend Raum für die anderen Verkehrsteilnehmer lassen! Oben auf der Straußbergalpe wird seit 2001 ökologisch korrekt verköstigt. Wem dieser Einklang mit der Natur noch nicht genug ist, der lässt seinen Porsche auf dem großzügigen Parkareal hinter den Hütte stehen, schnürt die Wanderschuhe, steigt zum Straußbergsattel auf und erklimmt über den Straußberg in unschwieriger Kraxelei über schrofiges Gestein das Imberger Horn (1.656 Meter), den Hausberg Bad Hindelangs. Aufgrund der Ausgangshöhe hoch oben an der Straußbergalpe sind die verbleibenden Höhenmeter in anderthalb, vielleicht auch zwei Stunden zu bewältigen. Aussicht und Gipfelglück sind phänomenal, abgesehen von den scharenweise auftretenden Fluchtfliegen. Keine fünf Meter unterhalb des Gipfelkreuzes sind sie allerdings schon wieder vergessen, und allein die Sicht auf Bad Hindelang gibt den weiteren Verlauf der Reise vor – wer kann, sollte nach erfolgtem Abstieg und der Talfahrt zurück zur Bundesstraße 308 wenigstens einen Nachmittag oder gar eine Nacht bleiben – zum Beispiel in der „Sonne“, einer stattlichen Unterkunft, die unmittelbar in der Nähe der Kirche gelegen ist, die Sankt Johannes, dem Täufer, geweiht ist. Gässchen, Lädchen, Terassen, Parkanlagen, ja – sogar alpine Galerien, laden zum Verweilen ein. Im Duktus unserer Tage müsste vielmehr vom Entschleunigen die Rede sein, und das ist vor unserer nächsten Wegmarke auch dringend anzuraten – dazu mehr im zweiten Abschnitt!

Keine Angst, das schaffen Sie schon! 360 Meter Höhenunterschied, 107 Kurven, 7,9 Kilometer Streckenlänge: Der Jochpass ist unsere Challenge!

Das Wichtigste vorneweg: Sie müssen nicht gleich eine Nennung für das alljährlich stattfindende Jochpass-Oldtimer-Memorial abgeben, um sich der größten fahrerischen Herausforderung zu stellen, die das Oberallgäu zu bieten hat! Die Jochstraße, dieser uralte Handelsweg der Frächter, die das Salz „über das Joch“ auf die andere, die Tiroler Seite brachten, ist für den öffentlichen Straßenverkehr geöffnet. Außer eben an den zweieinhalb Veranstaltungstagen Anfang Oktober, die der seit 1999 stattfindenden Gleichmäßigkeitsfahrt für Oldtimer vorbehalten sind. Dann wird die steile Rampe hinauf nach Oberjoch abgesperrt. In dieser Feststellung liegen Fluch und Segen zugleich. Denn das Miteinander von Reisebussen, Motorrädern, Autos und Rennrädern erfordert ein Höchstmaß an Konzentration. Hinzu kommt die Strecke, die oftmals durch eingesprengte Passagen führt und obendrein imposante Landschaftsbilder – zum Beispiel auf etwas über 1.000 Metern Meereshöhe an der Kanzel – bietet. Wer sich spontan zum Anhalten durchringen kann, seinen Porsche abstellt, das Knistern allmählich abkühlenden Metalls wahrnimmt, die Straße überquert und schließlich die zur Promenade ausgebaute Aussichtsplattform betritt, dem offenbart sich eine Naturbühne. Von unten windet sich die Passstraße durch karge Wälder, das Auf- und Abschwellen der Motoren lässt einen Hauch von Nürburgring-Nordschleife heranwehen, und immer wieder lassen sich belederte Gestalten zu Bier und Beruhigungszigarette nieder – ein überraschender Ort, der eher zur Eifel und weniger zur königlich-bayerischen Postkartenidylle passen würde! Wäre da nur nicht der Blick hinüber in das wildromantische, mit dem Auto (für Zugereiste) nicht erreichbare, gleich hoch gelegene Retterschwangtal – ein Paradies für Bergromantiker. Nein, so lautet die Erkenntnis bei Brezel und Hefeweizen (einem alkoholfreien natürlich!): Veritable Zweitausender vom Rang und Namen einer Rotspitze oder eines Breitenberges hat die Eifel nicht zu bieten!

Spätestens in diesem Moment juckt es den meisten Sportwagen-Liebhabern in den Fingern und den Fußspitzen: noch einmal in gemäßigtem Tempo zu Tal rollen, es noch einmal versuchen, vielleicht in der Anfahrt vor dem Eintauchen in das Kurvenstakkato nach dem Luitpoldbad etwas mehr Sicherheits-Abstand zu den Vorderleuten lassen? Nach zwei, drei richtig schnellen Biegungen schmilzt dieser nämlich jedesmal auf ein bedenkliches Mindestmaß zusammen. Es gilt die Devise, es ruhig und locker anzugehen – und folgende goldene Regeln zu beherzigen: möglichst wenig schalten, und möglichst wenig am Lenkrad umgreifen, sondern im traditionellen Kreuzgriff (die Lenkradspeichen ruhen in der Daumenbeuge) einlenken! Dann geht es stressfrei dahin, denn der größte Unruheherd im Porsche ist stets der Fahrer. Oder die Fahrerin. Ein Notausgang (ganz nebenbei ein bewährtes Fotomotiv) findet Ihre möglicherweise zutiefst erschrockene Begleitung auf halber Strecke in der scharf nach links abknickenden Anfahrt zum Hirschberg und zur Hirschalpe. So – genug über’s Unwohlsein auf dem „heißen“ Beifahrersitz philosophiert! Denn am oberen Ende der Jochstraße grüßt – wie der Name unschwer vermuten lässt – Oberjoch (1.136 Meter). Das laut eigener Darstellung „höchste Bergdorf Deutschlands“ ist trotz seiner wintersportlichen Ausrichtung auch in den schneefreien Monaten interessant. Zahlreiche, nicht zuletzt an Familien mit Kindern ausgerichtete Top-Hotels sind in jüngster Vergangenheit neu entstanden – und warum sollte man das Porsche-Glück auf großer Allgäu-Tour eigentlich nicht auch in einem Panamera oder Cayenne genießen können? Die fahrdynamischen Potenziale der in Leipzig produzierten Baureihen sind allemal ausreichend, und der kommende Macan wird eine noch ausgeprägtere Alpen-Tauglichkeit an den Tag legen. Zwischenstand: Von Sonthofen bis Oberjoch sind ohne die Extratour gerade erst 14,9 Kilometer zurückgelegt. Ein Geheimtipp für Ruhesuchende: Wer weitere 2,9 Kilometer investieren möchte, rollt über die Bundesstraße 310 nach Obergschwend (1.040 Meter) – ein Refugium für all jene, die sportliche Aktivität mit moderner Urtümlichkeit verbinden möchten, zum Beispiel im Landhaus Lipp & Beck.

Die Szenerie öffnet sich, die Betriebstemperaturen – bei Mensch und Maschine – sinken: über Wertach nach Bühl am Alpsee und zurück nach Sonthofen

Wir sind bei Kilometer 17,8 – und bis zum nächsten Etappenziel werden es auch nicht mehr als 27,7 sein. Der Teilabschnitt von Obergschwend über die Bundesstraße 310 nach Wertach ist unspektakulär – und bestens geeignet, um den Adrenalinspiegel nach der Kurvenhatz über den Jochpass wieder in den Griff zu bekommen! Wenigstens halbwegs. Entspannt erreichen wir Wertach, einen weiteren Verkehrsknotenpunkt des Oberallgäus. Nach links, demnach gen Westen, kann die Reise zurück nach Sonthofen fortgesetzt werden. Wer sich jedoch gen Osten orientiert und 15,1 Kilometer zusätzlich auf sich nimmt, gelangt über Teilabschnitte der B309 nach Nesselwang und Pfronten. Auf der Schlossanger Alp ist die wahrscheinlich abgefahrenste Übernachtungsmöglichkeit Bayerns geschaffen worden: ein Baumhaushotel, das die Betreiberfamilie des nahegelegenen Berghotels Schlossanger Alp am Waldrand errichten ließ! Für 150 Euro pro Nacht (inklusive Korbfrühstück, das am Morgen einfach nach oben gezogen wird) können Väter oder Mütter mit Kind, ehemals Zerstrittene oder auch frisch Verliebte sich (wieder-)finden, und ihre Träume erfüllen. Seelisch gestärkt, geht es – irgendwann, wir haben es längst nicht mehr eilig! – zurück nach Wertach. Die sich nun anschließende Talfahrt nach Burgberg über eine gut ausgebaute Landstraße mit der viel zu nüchternen Bezeichnung „St2007“ (15,8 Kilometer ab Wertach) führt über Rettenberg. Etwas außerhalb ist die private Brauerei Zötler beheimatet, die im Jahr 1447 entstand und in der 20. Generation am Markt präsent ist. Das Brauhaus liegt zu Fuße des Grünten (1.738 Meter), dem Hausberg Sonthofens mit seinem steinernen Obelisken hoch oben auf der Bergspitze. Nach der Verköstigung mit den frischen Spezialitäten des Hauses – das Brauwasser spenden die Gebirgsbäche rundum – lockt ein Ausflug in das mediterrane Bühl am Alpsee.

10,1 Kilometer, zunächst über die „St2006“, im weiteren Verlauf an Immenstadt vorbei über die zu Beginn bereits befahrene Bundesstraße 308, führen zu einem überaus lohnenden Ziel: sonnengegerbte Bootshäuser, Promenaden, Boutiquen – die ungeahnte Seite des Allgäus. Ein Tipp für den 11,6 Kilometer langen Rückweg über die B308 und die B9 nach Sonthofen: Unterwegs säumen verschiedene Factory-Outlets der Sportindustrie den Weg. Wer nach Lust und Laune in Klamotten stöbern möchte, ist zum Beispiel im „Allgäu Outlet“ inmitten Sonthofens bestens bedient. Insgesamt 65 Kilometer (ohne die beschriebenen Extratouren) mögen auf den allerersten Blick wenig reizvoll erscheinen. Doch die Dichte an Sehenswürdigkeiten ist es allemal wert, mit dem Zeitkontingent großzügig umzugehen. Es ist eine Route, die es nicht verdient, in (wenigen) Stunden gemeistert zu werden. In Sonthofen stellt sich überdies die Frage, wie es nun eigentlich weitergeht: Nach Süden zu den hochalpinen Berühmtheiten (Trettachspitze, Mädelegabel und Hochfrottspitze, Heilbronner Weg) des Birgsauer Tals und weiter über den Riedbergpass (1.420 Meter) in den Bregenzerwald? Ja, das könnte eine Option sein – dazu später mehr …

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

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