hidden heroes | die stillen stars

Bergwärts, auf Zeit: Kurt Porsche und sein 1963 in Dortmund ausgeliefertes Porsche 356 B/1.600 S Coupé, das weit über seine Allgäuer Bergheimat hinaus bekannt ist.

Guter Ruf: Der Weg nach Nesselwang-Wank im Allgäu ist weit. 654 Kilometer, um genau zu sein. Dennoch verspricht er, lohnend zu werden.

Ein Samstag im Spätsommer 2013: An den höchsten Allgäuer Bergen hängen Nebelfahnen. Kein halbwegs vernunftbegabter Alpinist käme auf die Idee, mit einem sicheren Wettersturz vor Augen in die zu Stein erstarrte Welt dort oben aufzubrechen. Vielmehr lädt die aufziehende Regenfront zur gemütlichen Einkehr ein. So geht es nach Wank, einem Ortsteil der Gemeinde Nesselwang. Ein Mann hat eingeladen, der überall in dieser Urlaubsregion präsent ist. Porsche heißt er, Kurt mit Vornamen. Bis er vor wenigen Jahren privatisierte, betrieb er vier Fahrschulen. Mancherorts künden noch bunte Werbetafeln davon, die eine Schachbrettflagge – das klassische Symbol für den Motorsport – beinhalten. Der 69-Jährige muss demnach irgendetwas mit forcierter Fortbewegung zu tun haben. Und auch irgendetwas mit der weit verzweigten Porsche-Dynastie? Das gilt es ebenfalls zu ergründen an einem Nachmittag, der zunächst sonnig beginnt. „Sie finden mich da draußen, wo der ‚Smyrna‘-grüne 356er vor dem Haus steht!“, hat Kurt Porsche zur Einstimmung am Telefon erklärt. Tatsächlich erstrahlt das 1963 ausgelieferte Coupé mit den doppelten, silbernen Zierstreifen im allmählich blasser werdenden Licht. Kein Rennwagen, sondern eine 90-PS-Version mit Straßenzulassung in Füssen – dem Fluchtpunkt aller Anhänger König Ludwigs, des Zweiten. Zum Glück sind die Reisebusse und der mit ihnen verbundene Rummel weit genug entfernt, um die Intensität des Ortes erleben zu dürfen und ganz im Moment zu bleiben.

Begegnung mit einem vielschichtig Begabten: ein Ex-Fahrlehrer, der ganz früher einmal ein Opelaner war.

Der Mann, dessen Stammbaum zu so vielen Fragen drängt, tritt vor die Tür. Überraschend groß ist er, gemessen an den kompakten Ausmaßen seines Sportwagens. „Kommen Sie doch erst einmal herein, vor Ihnen war schon der Bayerische Rundfunk hier!“, lädt er ein. Der Vertrauensvorschuss, den er dem unbekannten Besucher entgegenbringt, spricht für ein gehöriges Maß an Empathie, an Einfühlungsvermögen. Später wird er einräumen, viel aus seiner Coaching-Tätigkeit mit körperlich behinderten Autofahrern mitgenommen zu haben. Ihnen hilft er nach teilweise verheerenden Verkehrsunfällen zurück hinter das Lenkrad, zurück auch ins Leben. Historische Schulungsmodelle aus längst vergangenen Fahrschultagen, jedes einzelne beleuchtet und in voller Funktion, zieren die Wände der tief in den Baukörper hinein gefrästen Garage. Mittendrin grüßt eine Fußgängerampel – in Berlin ein beliebtes Motiv auf den T-Shirts internationaler Tagesgäste. Kurt Porsche hat den Blick hinauf zum beleuchteten Verkehrszeichen bemerkt. Er stellt fest: „Ich bin nicht im Allgäu geboren, sondern tatsächlich in Berlin. Mein Vater stammt aus dem Sudetenland, aus Reichenberg.“ Der Einwand liegt auf der Hand: Kam nicht Professor Ferdinand Porsche aus Maffersdorf, im Landkreis Reichenberg, im Sudetenland? Der Konter fällt überraschend tonlos aus: „Um Ahnenforschung habe ich mich niemals gekümmert. Ich kann nur feststellen, dass Michael Macht einige Kilometer entfernt von hier residiert.“ Zur Erläuterung: Nach Dr. Wendelin Wiedekings plötzlichem Rücktritt als Vorstandsvorsitzendem der Porsche AG am 23. Juli 2009 übernahm Michael Macht kommissarisch die Position des Porsche-Chefs. In seine Amtszeit fielen die Präsentation des Porsche 918 Spyder sowie die Einführung der Hybrid-Technologie, klassifiziert als „Porsche Intelligent Performance“.

Im inneren Kern: ein Privatmuseum, dessen wertvollstes Exponat auf vier Lochscheiben-Stahlfelgen steht.

In der linken Garagenwand liegt eine Tür, die Kurt Porsche nun öffnet. Es riecht museal in dem Raum, der dahinter liegt. Wen wundert’s angesichts der akribisch instandgehaltenen Opel-Werkstatt, die vor Jahrzehnten bereits den Betrieb eingestellt hat? Das absolute Highlight: ein komplizierter, vollständig erhaltener Riemenantrieb unter der Decke. Über Umlenkrollen steuert er eine Drehbank an, und augenblicklich wird die wahre Bedeutung einer allzuoft bemühten Phrase offenkundig: Ingenieurskunst. Der gelernte Kraftfahrzeug-Mechaniker war früher einmal ein Opelaner, nicht Porscheaner! In den siebziger Jahren baute er sich obendrein aus Volkswagen-Teilen eine Bugatti-Replika zusammen – nicht ahnend, dass Bugatti, verkörpert durch den Hochgeschwindigkeits-Sportwagen Veyron 16.9, in den Zweitausendern eines der Lieblingskinder des VW-Konzernchefs Ferdinand Piëch werden würde. Seinen Porsche erwarb er, der „Porsche-Kurt“, erst 2001, dank der Ausschüttung einer Lebensversicherung. Dass der Vorbesitzer in Bietigheim – nahe des Stammsitzes in Stuttgart-Zuffenhausen – wohnhaft ist, beschreibt er als eine glückliche Fügung. Er sei dem Modell seiner Wünsche in einer Online-Verkaufsbörse begegnet und habe sich mit dem VW-Transporter und einem offenen, leeren Anhänger auf den Weg ins benachbarte Bundesland Baden-Württemberg begeben. Im Schwabenländle angekommen, sei alles erwartungsgemäß verlaufen – einschließlich einer Probefahrt. Die Substanz habe sich als weitgehend intakt erwiesen. Dennoch: Motor und Getriebe durchliefen eine Revision im Werk, „weil sie dort das am besten können.“ Der 1.600 ccm große Vierzylinder-Treibsatz in Boxer-Anordnung erfreut sich einer Top-Form, die manche Besitzer nominell stärkerer Porsche-Sportfahrzeuge vor unlösbare Denksportaufgaben stellt. Was hat Kurt Porsche und sein 1963er 356 B/1.600 S Coupé eigentlich zu diesem starken Team zusammengeschweißt, das es heute ist? Viele erste Plätze, vorrangig beim Internationalen Jochpass-Oldtimer-Memorial eingefahren, festigten das gemeinsame Image.

Gleichmäßigkeit am Berg: eine Wissenschaft für sich, die ein sekundengenau verwirklichtes Konzept voraussetzt.

Porsche selbst will das so nicht gelten lassen. Nein, der Platzhirsch auf dem Jochpass wolle er nicht sein. Diese Beschreibung träfe wohl er auf den Südtiroler Fuzzy Kofler zu, der ebenfalls einen 356er pilotiere. Fuzzy wer? „Na, Fuzzy Kofler!“, wiederholt er, als sei es eine Selbstverständlichkeit, „der ist im 356 Coupé der Maßstab schlechthin.“ Dass er seit Oktober 1999, dem Zeitpunkt des allerersten Jochpass-Oldtimer-Memorials, ohne Unterbrechung mit von der Partie ist, ist ihm keine Erwähnung wert. Er sei auch nicht von Anfang an mit dem Porsche mitgefahren, sondernvielmehr mit der himmelblauen Replika des Bugatti. Die habe in das damals noch junge Konzept der Veranstaltung gepasst. Der Umstieg auf das 1963er Porsche 356 B/1.600 S Coupé habe ihn kaum schneller über den Berg gebracht, denn: „Ich habe maximal 90 PS zur Verfügung. Bei 5.500 Kurbelwellen-Umdrehungen wird spätestens geschaltet. Je nach Wetterlage benötige ich für die Bergfahrt über den Jochpass zwischen 5.45 und 6.15 Minuten. Da gibt es Leute, die kratzen schon eher an der Grenze zu den vier Minuten Minimal-Fahrzeit, die auf gar keinen Fall unterschritten werden dürfen. Wer sich nicht an die Spielregeln hält, darf ohne Vorwarnung einpacken.“ Der Hintergrund: Beim Jochpass-Oldtimer Memorial handelt es sich um eine historische Gleichmäßigkeits-Prüfung. Das bedeutet, dass jeder Teilnehmer seine eigene Sollzeit setzen muss, von der anschließend allenfalls im einem Delta von wenigen Hundertstelsekunden abgewichen werden darf. Darum läuft in den meisten Fahrzeugen, die nicht nach dem Baujahr 1979 produziert worden sein dürfen, eine mechanisch aufgezogene Stoppuhr rückwärts auf null Minuten und null Sekunden zurück. Vorher wird die ausgefahrene Sollzeit eingegeben, und bei 1.000 Höhenmetern, oben auf der legendären Jochkanzel, bleibt genügend Zeit, 20 Sekunden vor dem Erreichen der Ziellinie einen Zwischenstand abzufragen. Hintergründig lächelnd, offenbart Kurt Porsche: „Ich komme stets vor der Zeit an der Jochkanzel an. Das gibt mir die Möglichkeit, sekundengenau, mit der Stoppuhr im Auge, innerhalb der Sollzeit durchs Ziel fahren.“ Die Abläufe hat er immer wieder durchgespielt, die Startphase in den 14 Tagen vor jeder Veranstaltung bis zu 50 mal trainiert. Obendrein ist die technische Vorbereitung des 50 Jahre alten Zuffenhauseners wichtig. Mal müssen die Bremsen überholt werden, mal die Vorderachse.

Elementare Risiken: Wenn früher Schnee fällt im Alpenraum, gerät das Reifenmaterial an natürliche Haftungsgrenzen.

Spezielle Rennreifen kommen nicht zum Einsatz, sondern normale Gürtelreifen in der Dimension 185/65 R 15 rundum. Auf Schnee stoßen die Pirelli „P 6000“ trotz ihrer Allround-Eigenschaften an ihre Grenzen. Und, man höre und staune: Während des Jochpass Oldtimer-Memorials ist auch schon welcher gefallen. Dann wird es sogar für Routiniers am Steuerrad kritisch. „Ein Wintereinbruch gehört zu den elementaren Risiken einer Wettfahrt, die Anfang Oktober inmitten der Oberallgäuer Bergwelt stattfindet. Zu den Spezifika gehört die Zieldurchfahrt in Oberjoch, einem Eldorado der Skiläufer. Bis das Starterfeld geschlossen zurück ins Tal geführt wird, entstehen leicht bis zu zwei Stunden Wartezeit. Kurt Porsche hat sich ein wirksames Rezept gegen aufkommende Langeweile zurechtgelegt. Er führt Zaubertricks vor, mit denen er sich selbst und die Umstehenden bestens unterhält. Ein Gaukler im Porsche-Cockpit – das hat Seltenheitswert! Inzwischen haben sich draußen vor der Tür die Himmelsschleusen geöffnet. Es gießt wie aus Kübeln, und im letzten Moment ist der wertvolle Porsche-Urtyp zurück in den langen Garagengang manövriert worden. Der Nachmittag wird beschaulich – ein Fest für die vielen Katzen, mit denen Kurt Porsche unter einem Dach lebt. Draußen vor der Tür betreibt er für Urlaubsgäste zwei hölzerne Chalets, die die Urtümlichkeit des Allgäuer Alpenraums bewahren konnten. Trotz des allgegenwärtigen Tourismus gibt es sie noch, die unverfälschten Winkel. Und auch die authentischen Typen, zu den Kurt Porsche, der Ex-Opelaner, Ex-Fahrlehrer, Zauberer und Bergmeister am Volant, unbestritten zählt!

Epilog. After Work Racing – stimmungsvoller Ortstermin mit Freunden des Porsche-Sports auf der Jochkanzel.

Keine 48 Stunden sind vergangen seit dem Hausbesuch in Nesselwang-Wank, als sich ein Wiedersehen mit Kurt Porsche und seinem 1963er Porsche 356 B/1.600 S Coupé ergibt. Auf dem Jochpass haben sich einige Freunde der sportiven Fortbewegung verabredet, und dabei darf der Grand Seigneur aus der Nachbarschaft keinesfalls fehlen! Es wird ein schöner, ein stimmungsvoller Abend. Sebastian „Baschdi“ Sommer, der eigens aus Tuttlingen mit einem 914/6 anrollt, zeigt sich nach drei gemeinsamen Bergfahrten zutiefst beeindruckt. Geschickt hat er sich in den Windschatten des Ortskundigen gehängt und dessen Fahrlinie bis ins kleinste Detail studiert. Dabei hilft ihm eine digitale GoPro-Kamera, die faszinierende Filmaufnahmen für die Auswertung daheim aufzeichnet. Nach getaner Lenkrad-Arbeit setzen sich die Akteure noch in einem italienischen Restaurant an einen Tisch. „Baschdi“ Sommer, nicht einmal halb so alt wie der Vorausfahrende, konstatiert: „Es ist faszinierend, sich diese ungemein spezielle, ausgefeilte, runde Linie anzusehen. Ich nehme die Erkenntnis mit, noch sehr viel lernen zu können!“ Der Gewürdigte nimmt die Laudatio mit gemischten Gefühlen auf. Zunächst vollführt er ein, zwei neue Zaubertricks, ehe er feierlich sein Glas Ramazzotti erhebt mit den Worten: „Ach, Freunde – nun ist es aber gut. Wir müssen übrigens nicht Sie zueinander sagen – ich bin der Kurt, der Kurt mit dem Porsche!“

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

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