Bismarckturm

Nur nicht stehenbleiben! Denn jede Sekunde zählt.

Ein mörderischer Wettlauf gegen die Zeit. Vater und Sohn zwischen Wahn und Wahrheit, zwischen Tragödie und rettender Erkenntnis im allerletzten Moment – und jede Sekunde zählt! Die Entscheidung fällt unten, am Bismarckturm.

Steven-Andersson-Krohnau-BismarckturmEin klassisches Duell im Morgengrauen um Leben und Tod, Vater gegen Sohn, mit uralten Pistolen: Wer in aller Welt lässt sich auf einen solchen Wahnsinn ein? Lars Josef Rommersheim stellt sich diese Frage schon lange nicht mehr. Seit sechs Stunden und 47 Minuten ist er von der Welt, von seinem bisherigen Leben, wie absorbiert, wie abgeschnitten. Er ist auf dem Weg. Zu Fuß, ohne die Möglichkeit einer Handy-Ortung, Rückkehr ist keine Option. Und er kennt die Regeln. Er hat sie sich selbst zurechtgelegt: zwei Männer, Vater und Sohn, verhasst bis aufs Blut, zwei Pistolen, ein Schuss – und endlich Klarheit im Nebel um einen verratenen Traum. Seinen Lebenstraum. Der alte Mann muss sterben! Das weiß er, und im Stechschritt nähert er sich dem Ort, an dem es geschehen wird: nur nicht stehenbleiben! Steven Andersson Krohnau in seinem Debüt als Romanautor. Ein Alptraum, immer und immer wieder geträumt, als Hörbuch und als Buch – nur nicht stehenbleiben! Denn jede Sekunde zählt.

1. Kapitel

Der Wettlauf gegen die Zeit.

Es ist weit nach Mitternacht. 2.17 Uhr, um ganz genau zu sein. Doch ich trage keine Armbanduhr, auch kein Handy. Nicht einmal eins, das ich vorher ausgeschaltet habe. Denn auch die lassen sich orten. Das weiß ich zufällig, auch wenn es niemand offen zugeben würde. Und ich darf nicht geortet werden, unter keinen Umständen! Darum darf ich auch das verdammte Auto nicht fahren. Auch das kann geortet werden. Es hat doch dieses Tracking System, diese Rescue-Funktion – die Karre ist vernetzt. Es muss so sein, und darum hat es nur diese eine Lösung gegeben: zu Fuß gehen! Die ganze Strecke, 47 Kilometer, sechs in der Stunde, das Ganze bei Nacht. 47, geteilt durch sechs, das sind etwas weniger als acht Stunden. Das habe ich gewusst, als ich gesagt habe: “Sechs Uhr, Bismarckturm.” Gestern Abend um acht war das. Und dann habe ich geladen und bin durch die Tür.

Ich laufe also. Dass es jetzt 2.17 Uhr ist, auf die Sekunde genau, zeigt mir die Auslage eines schwach beleuchteten Schaufensters. Es ist ein Uhrengeschäft, über der Digitalanzeige aus roten Ziffern steht etwas von “Jungclaus Chronographen”. Ob ich im Zeitplan bin, frage ich mich nicht. Ich weiß es einfach! Ich stampfe seit Stunden wie eine Maschine durch die stockfinstere Novembernacht, außer meinem steinalten Schießprügel mit zwei Litern Wasser bewaffnet, die ich in einem Trinkrucksack auf dem Rücken trage. Der Alte muss sterben! Um 6.01 Uhr werde ich ihn erschossen haben. Der Schall wird sich brechen, er wird mir nicht mehr in die Augen sehen können, er wird nicht mehr mit mir auf einer Augenhöhe sein, nie wieder, er wird liegen, er wird aus meinem Blickfeld verschwinden, es muss so sein, es muss endlich Schluss sein!

Wie weit ist es noch? 20 Kilometer vielleicht, 21, 22. Nur nicht stehenbleiben! Das habe ich mir geschworen, als ich losgelaufen bin. 47 Kilometer in einer Nacht sind nur im Affekt zu schaffen. Eigentlich. Doch ich fühle mich ruhig, überlegt, kühl. Da ist kein heißer Atem! Wie denn auch? Es hat schließlich 1987 schon alles angefangen. Mit dieser verfluchten Erfindung des Alten. Die, bei Licht betrachtet, nichts weiter war als eine schlecht durchdachte Idee auf einem Fetzen Transparentpapier. Ja, verdammt, er hatte seine Idee auf ein Stück Transparentpapier gekritzelt. Und damit eine Lawine losgetreten. Warum zum Teufel hatte er Martina, meine Freundin, nur um Kohle angebohrt? Warum hatte er sie in den Abgrund gezogen, sie ruiniert, in den Selbstmord getrieben, statt endlich aufzuhören, einfach aufzuhören! Die Drecksau! Und er hatte es dann noch nicht einmal eingesehen. Mir jahrelang die Schuld in die Schuhe geschoben. Anfangs hatte er sich ja noch mit meinen Verkaufszahlen zufriedengegeben. Ich war ja sein Sohn, sein Opfer, sein Prellbock – und sein Vertriebsheini, seit ich 19 war. Aber irgendwann reichte ihm sein Blabla von den miesen Umsätzen nicht mehr. Irgendwann saß er da, in seinem Konstruktionsbüro in Ruhrort, wo sie seit 1960 nicht mehr renoviert hatten, mit einem Cognacschwenker in der Hand, und meinte süffisant, ich hätte sie mal ordentlich vögeln sollen, die Alte mit ihrer Kohle, dann wäre sie auch nicht gesprungen. Von der obersten Aussichtsplattform des Bismarckturms, morgens um sechs. An diesem 17. November. vor zwei Jahren. Es waren nicht seine Worte, die mich zur Weißglut trieben, als er das sagte. Es war sein Gesichtsausdruck, sein selbstgefällig gespitzter Mund. “Sterben sollst Du!”, hatte ich ihn so laut angebrüllt, dass es in meinen Ohren pfiff. Er hatte mich nur teilnahmslos angesehen und erwidert: “Junge, Du weißt längst nicht alles. Du kannst mich ja erschießen. Dann kannst Du Dir sicher sein, den Rest Deines Lebens mit einem Fragezeichen auf der Stirn durch die Gegend zu laufen. Aber damit kennst Du Dich ja aus, Du halbes Hemd!”

“Mit einem Fragezeichen auf der Stirn” – woher kannte der das? Der war doch viel zu weit hinter den sieben Bergen zurückgeblieben, um diesen Slang zu kennen! Oder hatte er doch diese Conny flachgelegt? Seine höchstens 19-jährige Putzfrau mit den drei Kindern von ebenso vielen Vätern? War die Kohle am Ende zu ihr verschoben worden? Es war niemals aufgeklärt worden, wofür Martinas Bargeld-Million am Ende draufgegangen war. Er hatte immer wieder dasselbe gesagt. Immer und immer wieder dasselbe. “Drei halbe Scanner, das weißt Du doch – Du hast doch auch beim Doktor Gaul am Tisch gesessen – oder warst Du wieder zugedröhnt?” Damit hatte er mich jedesmal wieder kleingekriegt. Nur dieses Mal nicht, dieses eine Mal nicht! Ich hatte ihn gestern angerufen, kurz vor acht, am Abend. “Morgen ist der zweite Jahrestag”, schnaufte ich in die Leitung. Martina war am 17. November, vor 24 Monaten, gesprungen. Ins Leere, in den Tod, vom Bismarckturm. “Und – schon ihre weißen Blümelein bestellt?” hatte das Schwein seelenruhig geantwortet. Und hinzugefügt: “Ich weiß, dass Du mich am liebsten erschließen würdest. Aber dazu hast Du nicht die Eier. Dabei hast Du dieselbe Kanone zuhause liegen wie ich – oder hast Du die etwa auch schon verscheuert?” Dann hatte ich eine Minute lang überhaupt nichts gesagt, sogar die Luft angehalten. Er sollte mich nicht atmen hören. Der nicht! Und so redete er in einem Anfall von Realitätsferne einfach weiter: “Weißt Du – ich kann nicht nur viel besser vögeln als Du, Dein Herzchen kannst Du danach ja leider nicht mehr fragen, ich kann auch besser schießen!” Keinen Augenblick lang dachte ich nach, als mich fast flüstern hörte: “Bring Dein Eisen mit. Nichts, was GPS-tauglich ist. Morgen früh um sechs. Wir erledigen das unten am Bismarckturm. Da, wo sie Martina gefunden haben. Du kommst allein, ich komme allein – und ich warne Dich: Lass Deine Karre da, wo sie jetzt ist!” Ich hatte ihn zum Duell aufgefordert. Er wusste das, und ich wusste das auch. Minutenlang schwieg er. Dann stieß er nur diesen einen Satz bevor: “Und Du glaubst, dass sie uns abhören, dass sie uns daran hindern wollen, zu schießen?” Dann lachte er laut los, aber ich lachte nicht. Ich meinte es ernst, todernst. Bevor ich auflegte, gab ich zurück: “Dein Chinesischer Staatszirkus interessiert mich nicht. Ich werde da sein, und Du wirst fallen. Verstehst Du – Du bist derjenige, der fallen wird!” Dann hatte ich das weiße Funktelefon an die Wand geworden und das Gespräch auf diese Weise beendet. Es war in tausend Teile zersprungen.

2. Kapitel

Spectron. Ein digitales Drama.

Kurz vor dem Ortsausgang, hinter der schwachen Beleuchtung der Kleinstadt ohne Namen – ich habe unterwegs auf kein Ortsschild geachtet – erwartet mich wieder die schwarze, dunkle Nacht wie das Tor zu einem Waldstück hier in der Gegend, durch das ich immer und immer wieder gefahren bin. Mit dem letzten Licht erscheint ein rotes Modellauto vor meinen Augen: ein Porsche 959, der jahrezehntelang auf meinem Schreibtisch gestanden hat. Ich hatte die Miniatur 1987 in der Porsche-Vertretung bei uns im Ort von meinem kümmerlichen Sold als Zivildienstleistender gekauft und mich anschließend mit einem Falzbein aus rötlichem Holz ein paar reichlich zerflatterten Bögen Letraset-Buchstaben eingeschlossen, bis ein Schriftzug fertig war: Spectron, the digital future – die digitale Zukunft. Mit diesem Modellauto war ich zur Bank gelaufen, buchstäblich gelaufen, und hatte mich um ein Gründer-Darlehen gekümmert. Mit 19 Jahren. Für die Erfindung meines Herrn Vaters, der die richtigen Worte niemals fand. Und der sich auch nicht bei mir bedankte, als ich mit den ersten 25.000 Mark dastand. Er, der in seiner braunen Wildlederjacke vor mir stand wie ein Schiffschaukelbremser von der Beecker Kirmes, bemerkte nür lakonisch, das reiche hinten und vorne nicht. Er hatte sich nicht einmal angehört, wofür ich die 25 Riesen eigentlich diesem völlig ahnungslosen Bankmenschen aus dem Kreuz geleiert hatte. Ich hatte ihm gesagt, das Geld sei für eine Werbekampagne, Sponsoring im Motorsport mit einem Porsche 959, bestimmt. Ich behauptete, die Firma Spectron existiere bereits, alles sei bereits an seinem Platz, und nur für ordentliche Werbemaßnahmen, verbunden mit Einladungen an mögliche Kunden, sei nichts mehr vorhanden. Ohne Werbung könne sich der Laden aber nicht entwickeln, und schließlich hinge mein Arbeitsplatz als Vertriebsbeauftragter davon ab. Ich erhielt schließlich ein Sonderdarlehen aus einem Fonds für sehr junge Unternehmensgründer. Im Gegenzug musste ich versprechen, für Veranstaltungen der Bank zur Verfügung zu stehen. Und schon hing ich mittendrin, und selbstverständlich existierte der rote Porsche 959 in Wirklichkeit überhaupt nicht. Zwar hatte mein Kumpel Holger in seiner chaotischen Werkstatt, einer Rumpelbude am Rande eines Garagenhofes in Duisburg-Neudorf, einen 1968er Spachtelbomber zu so etwas ähnlichem umgemodelt, aber dieser Haufen war meilenweit davon entfernt, irgendwann einmal schneller als 175 Sachen auf der Autobahn zu machen. Ich legte der Bank trotzdem ein paar Fotos von  Aufbau vor, um zu zeigen, dass es voranging. Auf einem der Bilder war sogar Zora, Holgers Irish Setter, zu sehen. Der Banker hatte das Stillleben amüsiert betrachtet und festgestellt, das sei ja romantisch in meiner Welt – und ob er demnächst einmal vorbeikommen dürfe. Da war mir heiß und kalt zugleich geworden. Ich wollte schon mit 19 nicht in den Knast, und später erst recht nicht.

Epilog.

Das letzte Lied.

Ich habe nie herausgefunden, woher dieses Lied damals kam. An diesem Morgen, Punkt zehn vor sechs, mit der Sonne und dem nahen Tod vor Augen – nicht meinem Tod, aber dem durch mich hervorgerufenen. Was hätte eigentlich schwerer gewogen, hätte es nicht mich, sondern ihn, meinen eigenen Vater, getroffen? Ich habe mir diese Frage mindestens so oft gestellt wie die Frage nach dem Lied, das auf einmal aus dem Nichts kam und das alles veränderte. Der Song hat sogar einen Namen: Stück Nummer zwölf. Auch der Gitarrist, der seine Saite in diesem einen Moment so eindrücklich angeschlagen hat, dass ich unweigerlich zu Boden gehen musste, hat einen Namen: Er heißt Cornelius Quabeck, das ist ebenso real wie der folgende Text, intoniert von Suzie Kerstgens, der ganz und gar realen Sängerin der Gruppe Klee – überhaupt: Wie real ist diese ganze Geschichte, ist sie frei erfunden oder tatsächlich erlebt?

Mein Zimmer

Wenn ich

die Augen schließ,

stoß ich die Tür auf

zu einem Raum

drinnen alle Klänge,

alle Bilder,

alle Geschichten,

und Nick Drake

und Billy Bragg

und ich

neben meinem Bett steht ein Bild

Rabe und Bär schlafen

an diesem Abend hab ich gesagt

ich nehm Dich mit

ich nehm Dich mit

Du musst nicht allein reisen

durch die Nacht

Du musst nicht

allein

sein

Postcriptum. Hier fehlt ein Punkt – nein, er fehlt nicht: Ein fehlender Pinkt an einem Satzende ist wie eine offene Tür. Die Botschaft lautet: Hier hört es nicht auf, hier geht es weiter. Der Alptraum, der zum Tagtraum wurde und dieser Geschichte zugrundeliegt, ist nach zwei Wiederholungen nie wieder zurückgekehrt.