Tach zusammen!

Da, wo ich her bin, begrüßt man sich so. Bei uns zuhause in Moers am Niederrhein mach(t)en das alle so, der Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch zu Lebzeiten allen voran. „Tach zusammen!“ – das bedeutet nicht zuletzt Gemeinschaft: Du und ich, wir sind unter uns hier, gehalten von sinnvollen und auch weniger sinnvollen Systemen.

So wie ich, als ich vor bald zehn Jahren, an Weihnachten 2009, von meiner damaligen Frau Sandra ein Buch geschenkt bekam. Es beschrieb die Alpendurchquerung eines zwei Jahre zuvor aus dem Top-Management einer Investmentbank ausgestiegenen, nur drei Jahre älteren Mannes: Rudolf Wötzel, Jahrgang 1963. Von Salzburg aus lief er 1.800 Kilometer nach Nizza – nicht einfach so. Unterwegs begegnete er wilder Natur, urtümlichen Menschen – und seinen eigenen Schatten.

Ich habe das Buch „Über die Berge zu mir mir selbst“ nie zu Ende gelesen. Ich konnte es einfach nicht ertragen. Während ich auf der Stelle einen rot-grauen Rucksack für mindestens zehn Wandertage kaufte und bis zum heutigen Tag unbenutzt in die Ecke stellte, tat der einstige Leistungsjunkie Wötzel genau das, was ich mir insgeheim erträumte. Denn mein Leben auf der vermeintlichen Insel der Glückseligen war nichts als Attrappe. Zwar war ich Chefideologe einer monatlich erscheinenden Porsche-Zeitschrift, aber die Gehaltszahlungen gingen seit Oktober 2008 mit immer größerer Verspätung und manchmal auch gar nicht ein. Das passte nicht zur Vermutung von Luxus und erfülltem Leben und ich geriet zuerst in Unruhe, später dann in Panik.

Zuhause – da waren ein zweijähriges Mädchen, mein geliebtes Kind, meine studierende, zehn Jahre jüngere Ehefrau. Ich spürte, die Verantwortung nicht mehr lange übernehmen zu können. In genau dieser Zeit nahm ich immer wieder Rudolf Wötzels Buch zur Hand, legte es wieder zur Seite, fand auf meine Fragen keine Antworten. Als sich die Lage zuspitzte, gab ich dem eigenen Missstand im Juni 2013 zwar einen anderen Standort und auch einen veränderten Namen, ich änderte aber am System nichts. Und auch das ging – wie kaum anders zu erwarten – krachend schief. Erst 2018 schwenkte ich, zunächst einer Notlage gehorchend, auf meinen Weg ein. Meinen ureigenen.

Ich war auf den Tag genau ein halbes Jahr auf diesem neuen Weg unterwegs, da verschlug es mich in die Schweizer Berge. Zufällig, ich hatte einen Job in Italien. Auf dem Rückweg ergab es sich, dass ich auf der Passhöhe des Sankt Gotthard auf mehr als 2.000 Metern Meereshöhe eine Rast einlegte – und sofort wie verzaubert war von der so wild zerklüfteten Bergwelt. Mehr noch wunderte es mich, wie frei meine Gedanken auf einmal waren, wie leicht und wie konkret sich Veränderung auf einmal anfühlte. Schon auf meinen alpinistisch unbedeutenden Wanderungen durch die Allgäuer Bergwelt von 1980 bis 2010 hatte ich 30 Jahre lang stets das Gefühl, Gott dort oben näher zu sein als in der Ebene, in Moers, am Niederrhein. Da, wo alle „Tach zusammen!“ sagen und eben nicht „Grüß Gott!“

Im gleichen Moment entstand, hoch oben auf dem Sankt Gotthard, die Idee #BergeVersetzen – gemacht für unternehmerische Menschen, die so sind, wie ich einmal gewesen bin: eigentlich ja am Ziel, und doch weit davon entfernt. Dieser Zustand kann kritisch sein, gefährlich mitunter, zerstörerisch, er kann das Leben kosten. Darum finde ich es so wichtig, Menschen eine Hilfe zu geben auf ihrem Weg zu sich selbst. Nicht jeder macht es wie Rudolf Wötzel und schafft es ganz allein, das „Horu“ inbegriffen. Damit ist das Matterhorn in Zermatt, Schweiz, gemeint – mein Traumberg schlechthin, an dem ich niemals war. Weil mein eigener Weg noch nicht ganz gegangen ist? Ich habe diese Vermutung.

Vielleicht kann ich es eines nicht allzu fernen Tages ertragen, meinem Traumberg gegenüber zu stehen, weil er einfach da ist, fast rosa schimmernd wie auf dem berühmten Bild von Hajime Shirakawa, in der Abendsonne. Vielleicht kann ich dann auch das Buch von Rudolf Wötzel zuende lesen – das Buch und ich, wir hätten es verdient! Denn inzwischen bin ich selbst ein Fachmann in Sachen Veränderung, und daran möchte ich Menschen teilhaben lassen. Ausgerechnet an dem Ort, der 1973 Schauplatz des ersten Veränderungsprozesses meines damals noch sehr jungen Lebens eines Erstklässlers gewesen ist: in Bad Hindelang. Dort lernte ich als asthmakrankes Kind, das bergauf gehen auch mit Atemnot machbar ist und, einmal oben angekommen, sogar glücklich macht.

Es war der erste Berg, den ich versetzt habe, und so viele weitere folgten. Bis zum heutigen Tag.

Ich lade Sie herzlich ein, daran teilzuhaben!

Ihr

Carsten Krome – Solopreneur, Münster