Schlussetappe

Letzter Abschnitt der großen Alpenfahrt: voller Ehrfurcht zu Füßen eines Allgäuer Bergriesen, dem Himmel so nah auf der nächsten Passhöhe, an uralten Häuserfassaden verweilend, vielleicht auch Schusters Rappen dem nächsten Hütten- oder gar Gipfelziel entgegen, allmählich ausrollend vor einer Seenlandschaft – das alles und noch viel mehr hat die Überfahrt vom österreichischen Bundesland Tirol zurück in den Freistaat Bayern zu bieten. Wer sich der Anziehungskraft der Felsformationen bis hierher erfolgreich entzogen hat, ist noch lange nicht aus der Gefahrenzone. Denn der ultimative Prüfstein wartet 29 Kilometer nach dem Start des dritten und abschließenden Wegabschnittes.

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Gerade einmal 419 Einwohner, aber mindestens ebensoviele Möglichkeiten: Der Ort Holzgau in Tirol bietet Beschauliches, Alpinistisches – und Spektakuläres.

Quality Trails – ausgebaute Wanderwege – sind seit einigen Jahren nicht nur in Deutschland ein Thema. Auch im Nachbarland Österreich stehen die Uhren nicht still. So entstand entlang des Flusslaufs der Lechweg. Er verläuft im Großen und Ganzen parallel zur Bundesstraße 198, mit der wir uns in diesem Kapitel beschäftigen werden. Seit seiner Eröffnung im Juli 2012 bietet er eine zeitgemäße Mobilitäts-Alternative im Alpenraum. Wer es leisten kann, das Auto für ein paar Tage stehenzulassen und sich im wahrsten Sinne des Wortes freizulaufen, kehrt mit dem Wanderbus an den Ausgangspunkt zurück. Im Norden der Gemeinde Holzgau ist ein spektakulärer Anreiz geschaffen worden, das Lechtal zu Fuß zu erkunden: Zeitgleich mit dem Lechweg konnte die längste und höchste Hängebrücke der Alpenrepublik ihrer Bestimmung übergeben werden. Das Bauwerk ist 200,5 Meter lang, 1,20 Meter breit und schwebt – stets etwas schwankend – 110 Meter über dem Grund des Höhenbachtals mit dem Simmswasserfall. Tief unten liegt der Aufstiegsweg zur Kemptener Hütte (1891 erbaut, 1.844 Meter über dem Meer), dem Drehkreuz am Europäischen Fernwanderweg E5. Der Hausberg der klassischen Bergsteiger-Unterkunft, der tief zerklüftete Kratzer (2.424 Meter), ist bereits ab Holzgau sichtbar und auf dem etwa dreieinhalbstündigen Normalweg ein ständiger Begleiter. Wer sich nur einen kleinen Spaziergang zugesteht und die silbern schimmernde, Mut und Schwindelfreiheit erfordernde Hängebrücke lieber unterquert, ist mit dem etwa einstündigen Ausflug (einfache Strecke) zur Roßgumpenalpe gut beraten. Zurück in Holzgau, erwarten den Besucher uralte, kunstvoll bemalte Häuserfassaden. Diese sind für den Ort typisch, der ansonsten schmucke Gasthöfe, Alpenländer Gastronomie sowie das Sportgeschäft des ehemaligen Skistars und Porsche-Rennfahrers Josef „Pepi“ Strobl zu bieten hat. Wer der relativen Enge des Lechtals entfliehen möchte und etwas mehr Weite sucht, hat nun die Wahl: entweder zu Fuß in Richtung Weißenbach über den Lechweg oder mit dem (Sport-)Wagen. Über die Bundestraße 198, auch Lechtalstraße genannt, geht die Autofahrt los in Richtung Bach, dem fünf Kilometer von Holzgau entfernten Talort der Jöchelspitzbahn. Diese ist allein schon wegen der Ausblicke im weiten Rund der Bergstation einen Abstecher wert. Das alpine Wegenetz ist vorbildlich angelegt und beschildert. Über einen Panoramaweg nach die Kemptener Hütte auch von dort erreicht werden, abermals mit Blick auf Kratzer, Trettachspitze und Mädelegabel. Alle drei Felstürme sind Wahrzeichen des Heilbronner Höhenweges, einem der meist begangenen Steige im gesamten Alpenraum. Freilich sind mindestens zwei Tage für die Königsetappe einzuplanen, denn die Zustiege sind lang. Vorläufiges Fazit: Es lohnt sich, etwas länger im zentralen Teil des Lechtals zu verweilen als für eine Kaffeepause. Die Bandbreite der Möglichkeiten ist überraschend groß.

Nur 54 Einwohner: Gramais (1.321 Meter) ist die kleinste eigenständige Gemeinde Österreichs – und von Häselgehr im Lechtal zumindest an regenfreien Tagen unschwer zu erreichen.

Elbingenalp, Kilometer 7,5 nach dem Beginn unserer Schlussetappe: Die atemberaubenden Ausblicke auf die zuweilen nah herangerückten Felsdenkmäler der Allgäuer Alpen sind auf diesem Wegabschnitt vorbei und (un-)vergessen. So denkt man vielleicht. Doch in Wahrheit wird 29 Kilometer 29 den eigentlichen Glanz- und Höhepunkt unserer Reise bereithalten – dazu gleich mehr! Zunächst jedoch führt die Route von Elbingenalp ins das sieben Kilometer entfernte Häselgehr. Dort besteht die Möglichkeit zu einem Abstecher nach Gramais. Die kleinste unabhängige Gemeinde der Alpenrepublik ist über ein schmales, bei starkem Regen mit Sportfahrzeugen nicht ganz unproblematisches Sträßlein zu erreichen. Lohn der Auffahrt: nahezu himmlischer Frieden. Fast tonlos ist es hier oben, und ein gutes Buch im Gepäck hat, der wird es auf einer hölzernen Bank mit der Kirche in Sichtweite hervorholen. Wer die Zeit weniger hart ausbremsen möchte, begibt sich einmal mehr auf Wanderschaft. Ein Hochtal über den Dächern von Gramais wirkt fast wie eine Einladung. Zurück am Talboden und auf der Bundesstraße 198, setzt sich der Weg von Häselgehr nach Elmen (Kilometer 19 ab Holzgau) und weiter zur Martinauer Lechbrücke (Kilometer 21) fort. Nach der Ortsdurchfahrt von Martinau (Kilometer 22) wird es kurvenreich, ehe Vorderhornbach seine Gäste begrüßt. Nochmals sind Kurven zu meistern und Tempolimits bis auf 30 km/h hinunter zu beachten, ehe bei Kilometer 29 ein Ortsschild zumindest zum Anhalten, Schauen und Einkehren ermuntert: Hinterhornbach in Tirol. Das Dorf ist der einzige Talort einer Berggestalt, deren Name Respekt einflößt: Hochvogel. Der 2.592 Meter hohe Koloss aus Hauptdolomit besteht aus übereinander geschobenen Gesteinsschichten, die ein horizontal angeordnetes Bändersystem bilden. Die Form des alles beherrschenden Hochvogels ist in der Tat einem Adler ähnlich, der die Schwingen ausbreitet. Die Geschichte der Erstbesteigung ist eng mit Hermann von Barth verbunden, der 1869 – ausschließlich zu Fuß von Sonthofen im Allgäu kommend – in Gipfelnähe übernachtete und am nächsten Morgen gegen Hinterhornbach abstieg. Von Barths Gewalttour, die erst nach vier Tagen in Sonthofen wieder endete, gibt ein Zeugnis der starken Anziehungskraft, die der Berg ausübt. Von keinem Allgäuer Talort ist er zu sehen, und doch gilt er als einer der Marksteine dieser Gegend. Das mag nicht zuletzt auf das Panorama auf dem Gipfelplateau des seit Urzeiten beliebten Nebelhorns zurückzuführen sein. Seit eine Großkabinen-Seilbahn Familien mit Kind und Kegel himmelwärts schweben lässt, ist der Ausblich hinüber zum Hochvogel überall in der Welt in Fotoalben zu finden. Von diesem Rummel ist in Hinterhorn nichts zu spüren. Hier praktiziert sogar noch ein Schuhmacher alter Schule, der „Schuach“, sprich: Bergstiefel, von Hand abformt und fertigt. Ob diese ledernen Kunstwerke freilich geeignet sein können, jeden ihrer Träger auf den höchsten Punkt des Hochvogels zu begleiten, sei dahingestellt. Der Bäumenheimer Weg, der auf den Gipfel führt, ist als ein durchaus ernsthaftes Unterfangen einzuordnen. Ganz gleich, ob sich sein Betrachter der Faszination hingibt und entschlossen losmarschiert oder ob es beim Blick nach oben bleibt – der Pulsschlag wird so oder so hochfahren. Es ist diese einzigartige Aura, die niemanden loslässt.

Langsam auslaufen – und vorher noch einmal steil bergan: über Serpentinen auf den Gaichtpass und durch das Tannheimer Tal zurück in den Freistaat Bayern.

Hinterhornbach, Kilometer 29: Von hier aus sind es noch 20 Kilometer bis Weißenbach am Lech, dem letzten Talort vor dem Anstieg auf den Gaichtpass. Die Stationen unterwegs: Stanzach (38 Kilometer ab Holzgau auf direkter Route ohne den Ausflug nach Hinterhornbach) sowie Forchach (42 Kilometer ab Holzgau. Weißenbach am Lech markiert den 49. Streckenkilometer auf direktem Weg. Von 885 Metern über dem Meer geht es nun, verteilt auf 5,5 Kilometer, empor auf die 1.093 Meter über dem Meer gelegene Passhöhe. Diese ist anhand einer Brücke, einem Kiosk mit Parkplatz sowie einem Aussichtspunkt zu erkennen. Wer Fahrdynamik liebt und zu den verkehrsärmeren Zeiten unterwegs ist, kommt im schnellen Kurvengeschlängel noch einmal voll und ganz auf seine Kosten. Zunächst führt die Tannheimer Bundesstraße B 199 eben aus dem Ort heraus, um in einer langgezogenen Rechtsbiegung schlagartig ernsthafter zu werden. Der Adrenalin-Kick, von dem zahlreiche Motorrad-Videofilme im Internet künden, ist nicht zu unterschätzen. Wer eine freie Auffahrt erwischt, ohne dabei auf andere Fahrzeuge aufzulaufen, simuliert ein Bergrennen. Freilich mahnen Online-Portale wie www.gaskrank.de naturgemäß zur Vorsicht. Diese haben Mitschnitte extremer Fahrten auf den Gaichtpass im Internet hochgeladen. Gaskrank – zur Devise machen sollte man sich das auch mit vier breiten Rädern nicht. Im Gegenverkehr liegt das eigentliche Problem. Denn wer sich am Kurvenausgang zu weit heraustragen lässt, fährt auf Kollisionskurs. Da der Fahrbahnbelag als abschnittsweise schmierig beschrieben wird, ist die Mittellinie rasch überschritten. Am Steuer eines (Sport-)Wagens mit einigen hundert Pferdestärken ist Charakterstärke gefragt. Nach hoffentlich mit Erfolg bestandener Reifeprüfung geht es vorbei am Ort Nesselwängle (Kilometer 56 ab Holzgau) durch weitere Kurven zum Haldensee in Tannheimer Tal (1.124 Meter über dem Meer, 61,5 Kilometer ab Holzgau). Die 73 Hektar umfassende Wasserfläche verbindet Berg- und Badefreuden miteinander. Dank seiner 18 bis 21 Grad Celsius Wassertemperatur bietet sich der Haldensee an heißen Sommertagen zum Schwimmen an. Hoch über dem Ufer erhebt sich der Aggenstein (1.986 Meter über dem Meer). Das Bergdorf Grän-Haldensee ist im Vergleich zum Hauptort Tannheim (64,5 Kilometer ab Holzgau) mehr als eine Nummer kleiner. Schmucke Läden sind einmal ein guter Grund zur (inneren) Einkehr, ehe es über Zöblen (68,5 Kilometer) und Schattwald (70 Kilometer talauswärts in Richtung der deutschen Staatsgrenze geht. Oberjoch (75,5 Kilometer ab Holzgau) war schon einmal ein Thema in der werk1-Erstausgabe. Dasselbe gilt für den 7,9 Kilometer langen Jochpass, Hindelang und den verbleibenden Transfer nach Sonthofen, unserem Ausgangspunkt. Ab Oberjoch sind 14 Kilometer einzuplanen, 89,5 sind es insgesamt. Interessant ist, dass die vor zwei Monaten beschriebene Schleife („Hinter das Hohe Licht“( rund um den Alpen-Hauptkamm annähernd gleich lang ist, nämlich 92 Kilometer. Die Summe beider Abschnitte beträgt 181,83 Kilometer – eine zumindest tagesfüllende Herausforderung zu jeder Jahreszeit.

Zusammenfassung: vier Stunden, vier Pässe, viel Arbeit am Lenkrad – die 181,83 Kilometer lange Schleife durch zwei Nationen und drei Bundesländer hat es in sich.

Riedbergpass, Hochtannbergpass, Gaichtpass, Jochpass – in manchen Biker-Foren mögen sie als vergleichsweise harmlos beschrieben werden, doch erst ihre Kombination macht den Reiz aus. Hinzu kommen ständig wechselnde Landschaftsbilder und Eindrücke – von lieblichen, grünen Matten bis hin zu kalten, abweisenden Felstürmen. Da diese dennoch die Phantasie beflügeln, kann eine Rundreise von fast beliebiger Länge geplant werden – oder eben nicht. Gerade das ungeplante, spontane Verweilen ist eine der Optionen der großen Route durch das bayerische Allgäu, Vorarlberg und Tirol. Testfahrten mit einem privaten, modifizierten Porsche 944 S haben einerseits deutlich unter Beweis gestellt, dass die Umfahrung des Allgäuer Hauptkamms in vier Stunden harter Arbeit am Volant machbar ist. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von km/h. Aber mal ganz ernsthaft: Wird das dem Charakter motorisierter Genuss-Kletterei gereicht? Wohl eher nicht! Der Schluss liegt auf der Hand, es ruhig angehen zu lassen. Und aus vier Stunden vier Tage zu machen. Oder vier Wochen.

Verantwortlich für Text und #Fotografie: #CarstenKromeNetzwerkeins

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