„Ich bin dann mal weg.“ Für den Recklinghäuser Schauspieler und Komiker Hans-Peter „Hape“ Kerkeling wurde dieser Satz im Jahr 2001 zum Leitmotiv. Er pilgerte nicht nur über den Jakobsweg nach Santiago di Compostela in Spanien, sondern veröffentlichte später auch ein Buch darüber. Es wurde zu einem Bestseller, das Hörbuch ebenso. 2015 folgte die Verfilmung mit Devid Striesow in der Hauptrolle. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Hape Kerkeling kann Steffan Irmler aus Drebber in Niedersachsen kaum verhehlen. Und obwohl der seit heute 51-Jährige kein berufsmäßiger Witzbold ist, steht auch er häufig in der Öffentlichkeit. Und er näherte sich seinem heutigen Betätigungsfeld in ähnlich erfrischender Weise: Noch als Schüler verschickte er einen lebensverändernden Bewerbungsbrief. Wesentlicher Unterschied: Nicht die großen Bühnen waren seine bevorzugte Zieladresse, sondern die nicht minder große Plattform des Tourenwagen-Rennsports in Deutschland. Gehör fanden schließlich beide, wie Weggefährte Carsten Krome zu berichten weiß.

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26. Oktober 1991, DMV-Münsterlandpokal-Rennen, Nürburgring-Nordschleife: Beim zehnten und abschließenden Wertungslauf des Veedol-Langstreckenpokals startet in der Gruppe H bis 1.300 ccm Hubraum ein weißer Opel Corsa A mit feinen, hellgrauen Diagonalstreifen. Original-Archivbild: Carsten Krome Netzwerkeins

26. Oktober 1991, DMV-Münsterlandpokal-Rennen, Nürburgring-Nordschleife: Beim zehnten und abschließenden Wertungslauf des Veedol-Langstreckenpokals startet in der Gruppe H bis 1.300 ccm Hubraum ein weißer Opel Corsa A mit feinen, hellgrauen Diagonalstreifen. Der Fronttriebler ist erst seit den Sommermonaten mit von der Partie, sein Besitzer ist ein 22-jähriger Youngster aus Niedersachsen: Steffan Irmler, Opel-Enthusiast und Rennfahrer. Mit dem exotischen Corsa, den er mit seinem Vater Eberhard zuhause in Drebber im Landkreis Diepholz eigenhändig aufgebaut hat, macht er bald auf sich aufmerksam. Aber nicht nur das: Einmal jährlich ist bei ihm in der Nachbarschaft, auf dem Fliegerhorst der Bundesluftwaffe, die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft, kurz: DTM, zu Gast. Steffan Irmler verbindet mit dem Flugplatzrennen, das in seinen Glanzzeiten mehr Besucher mobilisiert als die Kreisstadt Diepholz Einwohner zählt, eine besondere Episode. Im Vorfeld des Flugplatzrennens 1985 verschickt er, der selbst noch Schüler ist, einen Bewerbungsbrief an einen Teamchef in der DTM: Ludwig „Luggi“ Linder aus Pfronten im Allgäu. Für Winfried „Winnie“ Vogt und Dr. Josef Gerold setzt er zwei schneeweiße BMW 323i E30 Gruppe A mit feinen, hellgrauen Diagonalstreifen ein. Steffan Irmler fasziniert der leichtgewichtige, hocheffiziente Renntourenwagen mit dem hell singenden Reihen-Sechszylindermotor – da will er unbedingt hin, da will er zur Not auch ehrenamtlich schrauben, da will er am liebsten mit seinem Motorroller bis ins Fahrerlager durchgelassen werden!

Und tatsächlich: Ludwig Linder zeigt ein Herz für den Jungen aus der niedersächsischen Provinz – Drebber, Drebber, wo liegt das bitte? Linder selbst stammt aus einer Region, die für Alpintourismus und Holzbau bekannt ist, nicht aber für den Automobil-Rennsport. Vor dem Großen Preis der Tourenwagen 1980 auf der Nürburgring-Nordschleife kennt ihn außerhalb der Allgäuer Bergheimat kein Mensch. Doch dann bringt er, der „Luggi“ aus den Bergen, einen roten BMW 320i Gruppe 2 zum deutschen Lauf der Tourenwagen-Europameisterschaft in die Eifel. Er setzt den Österreicher Dieter Quester ans Volant, der dreht prompt die schnellste Trainingsrunde – doch vor dem Start rollt die Fuhre einfach nicht an: aus und vorbei! Ein jeder bekommt das Drama mit, und irgendwie schließen sie den Pechvogel aus dem Urlaubsparadies in ihre Herzen. 1983 kehrt er mit dem allerersten BMW 323i E30 Gruppe A zurück in die Europameisterschaft, Winfried „Winnie“ Vogt ist sein schneller Pilot – ein neues Traumpaar der Tourenwagen-Szene, das süddeutsche Duo eilt von Erfolg zu Erfolg. 1985 ist Ludwig Linder in der Deutschen Produktionswagen-Meisterschaft angekommen. Er realisiert ein Zweiwagen-Team, seine Autos sind in Weiß mit hellgrauen Diagonalstreifen gehalten – und beim Flugplatzrennen Diepholz schraubt ein junger Kerl aus der Umgebung mit: Steffan Irmler hat es tatsächlich geschafft, hat Gehör gefunden, sich durchgesetzt. Ein paar Jahre zuvor hat es Hans-Peter „Hape“ Kerkeling nicht anders gemacht. Mutig schreibt der Junge, der mal an die frische Luft muss, eine Bühne und ein Funkhaus nach den anderen an – bis er schließlich ankommt.

Bilster Berg Cars and Faces – Vol. 1 | 2020_0884

Samstag, 14. März 2020, Bilster Berg | Driving Business: Steffan Irmler stellt mit dem Opel Vectra Supertouring im Sponsorlook der Biermarke Stella Artois ein 1996 produziertes Autogrammkarten-Motiv mit dem damaligen Stammpiloten Pierre Alain Thibaut aus Belgien nach; Fotografie: Carsten Krome Netzwerkeins

Für Irmler, der noch minderjährig ist, ist es eine prägende Zeit. Nach dem Diepholzer Rennwochenende 1985 wird er noch zu weiteren Einsätzen eingeladen. Er lernt die Rennstrecke von Zolder in Belgien kennen und den schwedischen Rennfahrer Per-Gunnar „Peggen“ Andersson. Sechs Jahre später wird er seinen zweiten eigenen Rennwagen, einen Opel Corsa A, besitzen und diesen ganz genauso in Weiß mit hellgrauen Diagonalstreifen dekorieren wie einst den Linder-BMW 325i des Jahrgangs 1985. Der Weg dorthin führt zunächst über einen gelben Opel Kadett D in der Gruppe H. Auslöser der Leidenschaft für schnelle, sportliche Fronttriebler mit dem Blitz im Kühler ist der Opel-Tuner Helmut Kissling aus Opelhausen, pardon: Oberhausen. Lange Jahre verbringt Steffan Irmler viel Zeit in der dortigen Rennwerkstatt, er lernt Schlüsselpersonen wie Helmut Kisslings Söhne Christian und Stefan, aber auch den DTM-Piloten Heinz-Friedrich „Bimbo“ Peil immer besser kennen. Bei einem Treffen zuhause bei den Kisslings kommt das Projekt „1,6 Liter 16V Big Block“ auf den Tisch. Ein solches Aggregat soll, in einem eigenhändig aufgebauten Corsa A 1.600, neue Dimensionen eröffnen. Im Sommer 1991 wird der kleine Fronttriebler seinen Einstand feiern. Das Einsatzgebiet: wie schon zuvor der Veedol-Langstreckenpokal auf der Nürburgring-Nordschleife. Mit dem gelben Opel Kadett D macht sich Irmler, 1989 in seinen Zwanzigern angekommen, mit dem Eifelkurs vertraut. Zur gleichen Zeit lernt er auch Volker Strycek kennen, der seit dem Gewinn der Deutschen Produktionswagen-Meisterschaft 1984 ein Star ist. Er sitzt in der DTM 1989 in einem Opel Kadett E, den er als gelernter Kraftfahrzeug-Mechanikermeister größtenteils selbst auf seine Einsätze vorbereitet. Der Zufall will es, dass Irmler und Strycek in Helmut Kisslings zusätzlich angepachteter Werkhalle nebeneinander ihre Arbeitsplätze beziehen: Da kommt man allzu leicht ins Gespräch, da tauscht man sich gerne aus, da gibt der Profi dem Nachwuchsmann wertvolle Tipps, weil er schnell bemerkt: Der Junge will nicht nur an die frische Luft, der Junge will es wissen! Dass beide drei Jahrzehnte später Rennen zusammen fahren werden, selbstverständlich auf einem Opel mit Frontantrieb, ahnen beide zu dieser Zeit wohl kaum.

Es passiert ja auch viel, 1990 zum Beispiel. Da fasst Steffan Irmler den Beschluss, noch vor der Premiere des Opel Corsa A, eigene Wege zu gehen. Er trennt sich von Kissling Motorsport und betreibt das Tuning künftig in eigener Regie. Erst 1999, nach dem verheerenden Brand in Helmut Kisslings neuem Betrieb in Bad Münstereifel, kommen der Opel-Liebhaber und sein einstiger Impulsgeber wieder zusammen. Er beliefert ihn mit MBE-Kabelsätzen und Steuergeräten, um den Einsatz der unversehrt gebliebenen Gruppe-A-(Kunden-)Fahrzeuge zu beschleunigen. 1999 hat sich eine Zeitschrift mit 77.000 verkauften Exemplaren Monat für Monat am Markt etabliert: „flash Opel Scene International“. Acht Jahre zuvor, anlässlich der Essen Motor Show 1991, kommt der neue Titel mit überraschendem Erfolg auf den Markt. Steffan Irmler schafft es mit dem Opel Corsa A in die Pilotausgabe. Anschließend stoppt aber die soeben erst in die Gänge gekommene Rennfahrer-Karriere des 22-Jährigen. Er zieht es vor, sich weiterzubilden und 1995 beruflich selbstständig zu machen. In Rehden eröffnet er eine eigene Werkstatt mit Rennsport- und Tuning-Schwerpunkt. Kunden aus dem nationalen Sport, Slalom- und Rallyefahrern, gilt in den nächsten zehn Jahren sein Hauptaugenmerk. Durch eine glückliche Fügung ergibt sich ein neues, ein zweites Geschäftsmodell: Prüfstecker. 2006 folgt ein weiterer, entscheidender Entwicklungsschritt: Steffan Irmler (37) eröffnet in seiner Heimatgemeinde Drebber einen Fachbetrieb für Präzisionsmechanik und CNC-Fertigung. Prüfstecker-Adaptionen sind seine Spezialität – ein Wachstumsgarant. Zu dieser Zeit trifft der Unternehmer und Familienvater eine Vernunftentscheidung: Er verkauft nach 15 Jahren Standzeit den Opel Corsa A. Ewig hält die selbst verordnete Enthaltsamkeit vom Tourenwagen-Rennsport nicht. 2009 findet sich in der Schweiz ein BMW 325i Gruppe A, der aus Ludwig Linders Ära stammt – aber kein Linder-BMW ist. Bei „Liesal“, einem 1986 aufgebauten Original aus der ersten Saison der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft, handelt es sich um ehemaliges Inventar des Vogelsang-BMW-Rennstalls aus Recklinghausen.

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90 Jahre Nürburgring am 18. Jun 2017i: Beim zweiten Lauf der Tourenwagen Classics wird für Steffan Irmler und Volker Strycek nach einem Defekt an der Hinterachse im Zeittraining eine Sonderschicht erforderlich, die einen Ersatzteil-Express aus Drebber und zwangsläufig auch eine Reparatur bis 2.00 Uhr in der Nacht nach sich zieht. Original-Archivbild: Carsten Krome Netzwerkeins

In akribischer Detailarbeit reformiert Irmler den reichlich umgemodelten „Dreier“. Bei dieser Gelegenheit kommt er auf die Idee, das klassische Ronal-Racing-Rad in veränderter Form neu zu konstruieren, er kehrt nach 20 Jahren Absenz auf die Rennstrecken zurück, holt sogar sein schwedisches Jugendidol Per-Gunnar „Peggen“ Andersson an Bord – und kommt trotzdem nicht richtig an. Der Vogelsang-BMW ist keiner von Ludwig Linder, und ein BMW ist kein Opel. So einfach ist das. 2015 spürt Steffan Irmler, dass er etwas anderes will und erwirbt zusätzlich einen südafrikanischen Opel Astra Stufenheck aus den Anfangsjahren des Zweiliter-Supertourenwagen-Reglements. Er macht den Rüsselsheimer Renner wieder fahrtüchtig, 2016 steigt er damit bei den neu geschaffenen Tourenwagen Classics ein. Auf dem Salzburgring teilt er sich das Cockpit mit dem ehemaligen Opel-Werksfahrer Alexander Burgstaller – eine Pionierleistung in der neu geschaffenen Rennserie für klassische Renntourenwagen. Irmler, nun 47-jährig, kehrt zurück zu seinen Wurzeln, er ist wieder in seinem Element, und er fährt 2017 mit Opel-Leitfigur Volker Strycek zusammen. Zum Ende der Saison 2017 verkauft er den BMW 325i Gruppe A nach einer Reunion mit den Bonner DTM-Heroen Olaf Manthey und Marc Hessel an Ralph Bahr, dem Hauptakteur der Tourenwagen Classics. Seinen Fundus an Opel-Originalteilen und Rennkarossen baut er weiter aus: Aus Südafrika holt er das Schwester-Chassis des Astra Stufenheck zu sich in den Landkreis Diepholz, aus Schweden einen Vectra A, den einst Jeff Allam in der britischen Supertourenwagen-Serie pilotiert. Bei beiden Fahrzeugen handelt es sich um Restaurierungsfälle, die von einer Fertigstellung noch ein gutes Stück entfernt sind. Beim AvD-Oldtimer-Grand-Prix auf dem Nürburgring 2018 reiht sich auch der bereits existierende Briggs-Astra Stufenheck in diese Reihe ein. Ein Abschuss durch einen Schweizer BMW-Fahrer reißt Steffan Irmler aus seiner Umlaufbahn. Der Zwischenfall hinterlässt einen beträchtlichen Schaden.

Im Bewusstsein, mehrere sporthistorisch bedeutende Opel-Renntourenwagen zu besitzen, aber keinen in fahrtüchtigem Zustand, beschließt Stefan Irmler, auf der Britischen Insel einen weiteren Zweiliter-Supertourer zu erwerben. Dabei handelt es sich um jenen Opel Vectra STW, der 1999 beim vorletzten Rennen der ADAC-Supertourenwagen-Meisterschaft auf dem Nürburgring in ein Scharmützel verwickelt ist. Die Beteiligten: Uwe Alzen im schwarzen Werks-Opel Vectra von Holzer, Christian Abt im hauseigenen Audi A4 Quattro – und Roland Asch im Vorjahres-Vectra des Tuner-Urgesteins Günther Irmscher aus Remshalden. Der silbergraue Viertürer ist ursprünglich von Konrad Schmidt in Cadolzburg aufgebaut und vom Wiggensbacher Franz Engstler gesteuert worden. Roland Asch besetzt im Abschiedsjahr der STW-Meisterschaft das Cockpit. Mit einem Schubser – beabsichtigt oder auch nicht – in der Schlussrunde des STW-Semifinals 1999 auf dem Nürburgring gehen er und der Irmscher-Opel mit den eigens für dieses eine Projekt gegossenen Ronal-Felgen in 19-Zoll-Größen in die Annalen des Motorsports ein. Nach dem kontroversen Manöver, über das 20 Jahre später noch immer gesprochen wird, beginnt in Deutschland die neue Ära der DTM 2000. Der Vectra wird nach England verkauft und weiterhin eingesetzt. Steffan Irmler entdeckt ihn 2018 bei einem britischen Festival. Mit dem Eigentümer wird er bald handelseinig und holt das 1998er-Chassis in sein Ursprungsland zurück. Anlässlich der Bremen Classic Motorshow im Februar 2019 wird erstmals öffentlich auf die Konstellation Irmler – Irmscher – Vectra hingewiesen. Fast drei Jahrzehnte nach dem Einstieg ins Renngeschäft, darf es laut gesagt werden: 1989, als er damit begann, seine (schnellen) Runden zu drehen, hielten viele die Aufschrift „Irmler“ aus der Ferne für ein „Irmscher“ – was natürlich ein Irrtum war. Inzwischen hat sich der Kreis geschlossen. Die mögliche Devise lautet: „Ich fahr dann mal weg. Schnell“.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

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Gerne, gleich hier – auf seiner offiziellen Homepage:

https://www.irmler-racing.de

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