Der Eberbacher Zahnarzt Dr. Siegfried Brunn teilte mit Reinhold Joest die Leidenschaft für offene Rennsportwagen. Folglich schlug der Dentist denselben Weg ein. Wie Joest akquirierte Brunn zwei der insgesamt elf existierenden Porsche 908/3 des Jahrgangs 1970. Jürgen Barth unterstützte die sporadischen Auftritte in der Marken-Weltmeisterschaft. Mit dem Dreiliter-Achtzylinder-Saugmotor standen Brunn/Barth langfristig jedoch auf verlorenem Posten. 1981 adaptierte der Privatier das Konzept des Joest-908/3 mit der Chassis-Endnummer 008. Auch er erschien mit 2.140 ccm großem Turbomotor im Chassis #908 03 013. Der Solinger Egon Evertz hatte es bei den 24 Stunden von Le Mans 1976 für sich und Leo Kinnunen eingesetzt. Damals war bereits ein Einzellader der ab 1974 gebräuchlichen Machart installiert. Brunn modernisierte dieses Auto und baute es für die Saison 1981 neu auf.

Am 10. Mai 1981 glückte ihm der internationale Durchbruch. Beim 1.000-Kilometer-Rennen von Silverstone belegten Dr. Siegfried Brunn und der spätere Formel-1-Rennstallbesitzer Eddie Jordan Platz drei beim Marken-Weltmeisterschaftslauf. Zwei Wochen später, beim ADAC-1.000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring am 23. Mai 1981, saß der Schweizer Herbert Müller im schneeweißen Porsche 908/3 turbo, Chassis #908 03 013. Rolf Stommelen, Vorjahressieger im Joest-908 03 008, hatte ursprünglich fahren sollen, „Stumpen-Herbie“ ließ sich mit 41 Jahren aber noch einmal zur Teilnahme überreden. Aufgrund eines defekten Radlagers ging Startfahrer Dr. Brunn allerdings mit fünf Minuten Rückstand in den Wettbewerb. Nach sieben Runden lag er im Feld der 64 Konkurrenten bereits an 17. Stelle. Der Porsche 935 K3 #009 00016 der US-Besatzung Bob Akin/Bobby Rahal fiel bereits in der ersten Runde aus. Der 350.000 D-Mark teure IMSA-Bolide blieb nach einer Kollision entgegen der Fahrtrichtung im Streckenabschnitt „Kesselchen“ auf dem Grünstreifen liegen – mit 110 Litern Treibstoff im Tank.

Die Gefahrenstelle lag in direkter Verlängerung der Ideallinie auf der linken Seite einer leicht abfallenden Rechtskurve. Die Spitzenleute nahmen sie mit gut und gerne 220 km/h im vierten Gang. Herbert Müller (41) übernahm von Dr. Brunn am Ende der achten Runde. Nach fünf Runden rückte der Sportwagen-Haudegen an Position elf vor. Sein sechster Umlauf wurde „Stumpen-Herbie“ zum Verhängnis. Zwei Runden vor dem nächsten geplanten Tankstopp kam Müller genau dort von der Fahrbahn ab, wo der vollgetankte Porsche 935 abgestellt war. Er traf das parkende Benzindepot frontal. Müller hatte keine Chance. Er starb vermutlich bereits durch den Aufprall bei mehr als 200 km/h. Allgemeiner Tenor: ein Unfall, wie er nur auf der Nürburgring-Nordschleife passieren kann. Dr. Siegfried Brunn sprach von einem „Freak Accident“ und erklärte an Ort und Stelle den Rücktritt. Mit rund 40 Litern Restbenzin im doppelwandigen Gummiblasen-Sicherheitstank brannte sein Porsche 908 03 013 eine Viertelstunde lang, außer einem Haufen Asche blieb nichts davon übrig.

Am 21. März 1982 mischte Dr. Siegfried Brunn auf einmal wieder mit, wie gewohnt im weißen Porsche 908/3 mit Doppelturbo-Motor! Freunde und Patienten ermunterten den Zahnmediziner zum Weitermachen. Sie bauten einen Neuwagen mit altem Wagenpass auf, basierend auf der Chassisnummer 908 03 011. Am 26. Juni 1982 schlug dem Gemeinschaftswerk auf dem Nürnberger Norisring eine Sternstunde. US-Boy John Paul junior gastierte in Brunns 908/3. Der 22 Jahre junge Amerikaner mit holländischen Wurzeln, ein Shooting Star in der US-amerikanischen IMSA-Serie, markierte die Trainingsbestzeit. Das Erfolgsrezept: ein höher verdichteter Motor und ein größerer Ladeluftkühler. Paul konnte den Ladedruck bis auf 1,8 bar hochschrauben. Im Rennen am 27. Juni 1982 bremste ihn jedoch ein gebrochenes Heckflügel-Hauptblatt. So sprang nur der sechste Rang heraus. Am 6. November 1982 startete die Überraschung vom Norisring dann noch in Südafrika. Drei Miet-Fahrer finanzierten den Trip nach Kyalami, der erneut einen sechsten Platz bescherte.

Dr. Siegfried Brunn knüpfte geschäftliche Kontakte und bereitete sein zweites Leben als Restaurateur historischer Rennwagen vor. Der Übergang verlief fließend. Am 17. Juni 1984 war er im Porsche 936.004 von Reinhold Joest ein Hauptdarsteller des ersten Sportwagenrennens auf dem damals neuen Nürburgring-Grand-Prix-Kurs. Er belegte den zweiten Platz und sprach wieder einmal von seinem letzten Rennen. Offenbar spürte er stets die Gefahr, die von von den faszinierenden, offenen, nach Benzin und Glasfaser-Laminat duftenden Rennboliden ausging. Am 1. Juni 1986 steuerte er mit Ernst Schuster und Rudi Seher den Joest-Porsche 936 C auf den sechsten Rang bei den 24 Stunden von Le Mans – wie vier Jahre zuvor bei den 9 Stunden von Kyalami. Anschließend war wirklich für ihn Schluss. An Herbert Müller, seinen auf brutale Weise aus dem Leben gerissenen Weggefährten, erinnerte an der Unfallstelle zumindest bis 1990 noch ein Kreuz am Rande der schaurig-schönen Nordschleife. Später verschwand es dann – warum, ist nicht bekannt.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

Drei Links, drei Lesetipps – weitere Juwelen aus dem Rennfahrerleben des Herbert Müller:

Magic Stripes – magische (Martini-)Streifen: von Vermouth-Brigadisten, wüstem Saftflaschen-Gepolter und einer Heldentat.

https://www.netzwerkeins.com/2019/06/10/11-juni-1977-magic-stripes-von-vermouth-brigadisten-wuestem-saftflaschen-gepolter-und-einer-heldentat/

„Porsche 936“ (und 908/3) von Jürgen Barth und Bernd Dobronz: ein absolut fesselndes Stück Zeitgeschehen – Rezension mit Bildergalerie.

https://www.netzwerkeins.com/2016/05/03/porsche-936-von-juergen-barth-und-bernd-dobronz-ein-absolut-fesselndes-stueck-zeitgeschehen/

Ebenfalls sehr zu empfehlen: Augenzeuge Rudi Idzebski arbeitet auf einer eigenen Website die Tragödie am 24.Mai 1981 minuziös auf.

http://www.i-t-d.net/Nurburgring/Nurburgring_81/nurburgring_81.php