Thilo-Paluszkiewicz-Ruediger-Kaiser-Porsche-Scene-Live-Reunion-Norisring-2022-Jul-10-0359

Thilo Paluszkiewicz, Rüdiger Kaiser, Nürnberg, Sonntag, 10. Juli 2022 – Fotografie: netzwerkeins GmbH, Carsten Krome

Am (Sonn-)Tag nach dem elften “Treffen der Freunde von Porschefahrzeugen” im Kurpark von Bad Füssing kam es, noch immer auf königlich-bayerischem Boden, zu einem Wiedersehen alter Freunde. Bald zwei Jahrzehnte nach einer fotografischen Turnübung am Jochpass hoch oben in den Allgäuer Alpen feierten der Allgäuer Rechtsgelehrte Thilo Paluszkiewicz, der Krumbacher Textilveredler Rüdiger Kaiser und der Sportjournalist Carsten Krome ihr erstes Klassentreffen. Anders als bei der ersten Begegnung zu Füßen der Hirschalpe über Bad Hindelang rief eine Hochburg des Rennsports als Treffpunkt. Ganze acht Tage nach der großen DTM-Gala winkte abermals der Norisring im Herzen der Stadt Nürnberg. Es wurde zwar kein weiteres Sonnenbad bei exaltierten Temperaturen, dafür trotz des Temperatursturzes ein denkwürdiges Ereignis.

Wiedersehen macht Freu(n)de – vor allem dann, wenn man sich auch nach längerer Zeit auf Anhieb (wieder-)erkennt. Als Thilo Paluszkiewicz seinem 718 Boxster Spyder entsteigt und die blaue Rennjacke überstreift, ist alles so wie damals. Der Rechtsgelehrte aus Laichingen hat seinen langjährigen Weggefährten Rüdiger Kaiser mitgebracht. Schon vor zwei Jahrzehnten lautete das Motto des Textilchemikers aus Krumbach bei Augsburg: „Take Five“. Fünf Generationen des Porsche 911 hatte er miteinander verbinden wollen – eine Herausforderung, die er gern früher angenommen hätte. Bereits im zarten Knabenalter von zwölf Jahren waren ihm schwarz umrandete Fingernägel an seinem Englischlehrer aufgefallen. Juvenile Recherchen ergaben, dass der Pädagoge ein Porsche 356 C Cabriolet besaß. Auf der Stelle entbrannte im bayerischen Schüler eine Leidenschaft, die hin und wieder auch Leiden schafft.

Bis zu seinem 19. Geburtstag musste Rüdiger Kaiser warten, ehe er den ersten eigenen Porsche in Empfang nehmen durfte – einen 911 2.4 T in targa-Ausführung. Sein eigentliches Traummodell: der Carrera RS 2.7 mit dem „Entenbürzel“ hintendrauf. Er ist nämlich zu jener Zeit groß geworden, als ihn nur 500 Männer fahren durften – laut Werbetext. Fallen Entwicklung und Produktion solcher Leistungsträger in die Prägephase eines Heranwachsenden, können eigene Ansprüche zurückbleiben. So versteht es sich fast von selbst, dass sich Rüdiger Kaiser seit Jahrzehnten schon mit 356 und 911 beschäftigt. Wobei er sie nicht nur fährt, sondern auch verändert. Das dürfte auf die kreative Seite seiner Profession zurückzuführen sein – wer hochklassige Stoffe veredelt …

Aus einem originalen Porsche 356 A Coupé ließ Rüdiger Kaiser einen Retro-Racer in panamerikanischer Kriegsbemalung entstehen. Der Anschlusstreffer: ein 911 SC Coupé, partiell verwandelt in einen RS 2.7 – selbstverständlich mit „Entenbürzel“. Der Hobby-Designer hatte sich zum (ehrgeizigen) Ziel gesetzt, eine Symbiose aus 30 Jahre geltendem Maßstab und Zuffenhausens letztem Luftgekühlten zu schaffen. Elemente des 993 4S sollten Akzente setzen. Rüdiger Kaiser war nicht entgangen, dass in den 993 Reminiszenzen an den Porsche Nummer eins und dessen frühe Nachfolger eingeflossen waren. Das Fundament machte eine Gebrauchtwagen-Postille ausfindig. Der Aufgabenstellung war in Ansätzen vorgegriffen worden: Glasfaser-Komponenten hatten ein altehrwürdiges SC-Gehäuse tatsächlich in den ersehnten 993 4S verwandelt.

Obendrein verfügte der Unvollendete über den potenteren Teilchenbeschleuniger des Carrera 3.2. Beim Interieur kam es zu keinen nennenswerten Eingriffen. Einzig Haftschalen in schwarzem Leder aus dem 930 turbo gewährten besseren Seitenhalt. Das kompliziertere Kapitel: die Einbettung des „Entenbürzels“ in die aufgebügelte Karosserie. Den Zuschlag erhielt ein Modellbauer aus Bad Tölz, der spezialisiert auf die Verarbeitung von Kunststoffen war und ist. Zunächst nahm er einen Abdruck vom Originalflügel, fertigte daraus einen Abguss. Anschließend sägte der Fachmann das fertige Produkt in der Mitte auseinander, denn: Die Motorhaube des 993 ist sowohl kürzer als auch breiter.

Außerdem wollte Rüdiger Kaiser die am 993 verwendeten, formschönen Türgriffe sowie die Frontspoiler-Lippe vom Carrera RS adaptieren. Fünf Neunelfer-Generationen hatte er miteinander verbunden. Ihm glückte die Symbiose aus Herrlichkeit der Neunziger und einem Monument der rauen Siebziger. Was er vor 20 Jahren für die Zukunft plante? Bayerns bekannterer (Fußball-)Kaiser meinte dereinst: „Schaun mer mal!“ Einverstanden – solange unser Freund Rüdiger nicht auf den grünen Rasen wechseln würde. Heute steht fest, dass er zweigleisig fahren und den Wohnort wechseln würde, wobei das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Denn in Heimbrechts – einer Stadt im oberfränkischen Landkreis Hof – fand er nicht nur sein privates Glück, sondern auch eine Doppelgarage. Darin verweilen inzwischen ein grüner Porsche 912 und ein weiterer Kreativbeitrag auf Rädern, ein Neunelfer der ersten Generation 996.

Der Kaiser hat ihn nicht nur mit einem weiteren „Entenbürzel“ versehen, sondern in gewisser Weise an den einstigen Generationssprung auf SC-Basis angelehnt. Thilo Paluszkiewicz tat ihm die (automobile) Zweigleisigkeit nach. Neben einem restaurationswürdigen Porsche-Klassiker aus altem Bauernstand hat er den seinerzeit mit an den Jochpass gebrachten 356 gegen einen 718 Boxster Spyder der neuesten Bauart eingetauscht, der seine Hochklassigkeit in vielerlei Beziehung hinter ausgesprochener Schlicht- und Nüchternheit zu verbergen versteht. Dieses Understatement steht in einem Gegensatz zum ungleich lauteren Auftritt des 996, der ein bisschen so wie der “Urban Outlaw” alias Magnus Walker sein soll.

Die ungleichen Porsche sind Ausdruck ihres jeweiligen Kutschers – und Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Die Arena Nürnberger Versicherung mit ihrer kolossalen Freitreppe bietet die Kulisse der Gegenüberstellung. Einziger Nachteil: Es bedarf eines Straßenkehrers, um die einzelnen Stufen von dem zu befreien, was der geneigte Fan so alles fallen und liegen lässt. An Sonntagen müssen auch schon einmal Sportjournalisten die Stadtreinigung ersetzen und eine Stunde vor dem geplanten Treffen zurückgelassene Zigarettenstummel und allerlei Unrat aus dem späteren Bild schaffen. So fällt der Gang durch das fast menschenleere Fahrerlager, das nun, eine Woche nach dem Norisring-Rennen, kein Fahrerlager mehr ist, deutlich kürzer aus als geplant. Da ist der Blick auf die Zeppelinwiese: Vor einer Woche noch Hotspot der rasanten Gesellschaft, liegt das Areal nun so gottverlassen da wie die Freitreppe der Sportarena.

Und der Jochpass? Der liegt 304 Kilometer oder knapp drei Autostunden entfernt, auf der Landkarte fast lotrecht in südlicher Richtung. Fotografien und Erinnerungen an das Stelldichein damals in Oberallgäu landen auf der Freitreppe der Sportarena wie auf einem Spieltisch. Mögliches Motto: “Was denn, das bin ich damals gewesen?” Der dritte Porsche im Bunde, ein bunt-karierter 944 S, weilt seit mehr als zehn Jahren ebenfalls im bayerischen Raum. Insofern wechselten alle drei Sportfahrzeuge der Protagonisten ihren jeweiligen Besitzer. Geblieben ist neben Bildern ein Gefühl von Zugehörigkeit und Freundschaft. Darauf kommt es unter Gleichgesinnten am Ende des Tages doch am meisten an, weniger die Auflistung meist aufpreispflichtiger Ausstattungen. Ein weitaus spannenderes Detail an diesem Roadtrip durch Bayern: Kaiser heißt nicht nur der Rüdiger, sondern auch der Christian (Kaiser): Tags zuvor ist er der Gastgeber beim elften “Treffen der Freunde von Porschefahrzeugen” im Kurpark von Bad Füssing im allertiefsten Südosten des Freistaats gewesen – fürwahr ein “kaiser-liches” Wochenende.

Fazit: zwei Tage, zwei Kaiser – und weitere im positivsten Sinne Beseelte. Fortsetzung? Einerseits in einem etwas zugigen Biergarten in Nürnbergs Stadtteil Fischbach im Anschluss an den Fotostopp vor der Freitreppe gegenüber des Fußballstadions, andererseits (vielleicht) in 20 Jahren. Die Liebe zur Sportwagenmarke Nummer eins ist unvergänglich, und sie wird auch in Zukunft bunte Blüten treiben – vermutlich mit “Entenbürzel”. Den hat im Falle des 996 der prominente Porsche-Couturier Alois Ruf geschaffen: Auch das potenziell der Stoff, aus dem weitere Boxerstories gemacht sind.

Text: Thilo Paluszkiewicz mit Carsten Krome

Fotografie: netzwerkeins GmbH, Carsten Krome

8.107 Zeichen (mit Leerzeichen und Zeilenumbrüchen)