Es ist wahrlich nicht der erste motorsportliche Erfolg, aber wahrscheinlich der bislang prägnanteste: Gemeinsam mit dem zweimaligen DTM-Vizemeister Olaf Manthey sicherte sich das Saarländer Brüderpaar Peter und Jürgen Adi Schumann den Meistertitel im 2022 neu geschaffenen DTM Classic Cup, dem Rennen fahrenden Geschichtsbuch der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM). Das Besondere daran: Mit dem 1983 in der Tourenwagen-Europameisterschaft eingesetzten BMW 635 CSi Gruppe A zeigten sie dem Publikum einen der ältesten Rennboliden im Starterfeld. Längst haben sich die Selfmade-Unternehmer aus Saarbrücken auf Restauration und den sportlichen Betrieb des bayerischen Coupés spezialisiert. Neben dem diesjährigen Siegerwagen bauten die Langstrecken-erfahrenen Hyundai-Händler einen Fundus an Komplettfahrzeugen, Karosserien und Komponenten auf. Es wäre also durchaus möglich, dass sich der jüngste Erfolg duplizieren ließe.

Die Schlagzeilen:

Sieg der Nachhaltigkeit: Peter und Jürgen Schumann, Sieger der Youngtimer Trophy 2010 und 2011, legen 2022 mit ihrem erfolgsverwöhnten BMW 635 CSi Gruppe A noch einmal nach.

Auf breiterer Basis: Zusätzlich aufgebauter BMW 635 CSi M Coupé Gruppe 5 glänzt im DTM Classic DRM Cup 2022 und beim 1.000-Kilometer-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife.

Seit mehr als vier Jahrzehnten: Eine 1981 übernommene Esso-Tankstelle markiert den Anfang der Unternehmensgeschichte, inzwischen sind 45 Mitarbeiter am Standort Rodenhof tätig.

Rückblende: Am 11. März 1984 beginnt beim Bergischen Löwen im grenznahen Zolder die Erfolgsgeschichte der DTM. Als Deutsche Produktionswagen-Meisterschaft startet sie, um das Erbe der unbezahlbar gewordenen Rennsportmeisterschaft, der DRM, anzutreten. Statt aufwändiger Prototypen der Gruppe C sollen mit der Serie enger verwandte Tourenwagen der Gruppe A das Rennen machen. Der erste Siegerwagen: ein knapp 300 PS leistendes BMW 635 CSi Coupé, gesteuert von Harald Grohs aus Essen. Auch die beiden weiteren Podiumsränge gehen an die zuverlässigen Zweitürer aus München, die seit dem Vorjahr als ein Teilekit zum Selbstbau an Kunden veräußert werden. Der Preis für eine Karosserie liegt anfangs bei 120.000 D-Mark, der Reihen-Sechszylindermotor kostet weitere 35.000 D-Mark. Bis zu drei dieser Fahrzeuge setzen die Beckinger Rolf und Herbert Hartge in der Tourenwagen-Europameisterschaft ein. Das Saarländer Brüderpaar tritt zweigleisig auf: Neben einer Tuning-Werkstatt nimmt der Rennbetrieb mehr und mehr an Format an. Beim Grossen Preis der Tourenwagen am 10. Juli 1983 belegen der Schweizer Walter Nussbaumer, Teambesitzer Herbert Hartge und der aufstrebende Jörg van Ommen auf der Nürburgring-Nordschleife den sechsten Gesamtrang. Das ist für ein anderes, ebenfalls aus dem Saarland stammendes Brüderpaar eine Inspiration. Peter Schumann hat zwei Jahre zuvor, 1981, eine Esso-Tankstelle mit anliegender Wartungshalle mitten in Saarbrücken übernommen. Sechs Monate später steigt der zwei Jahre jüngere Motorenspezialist Jürgen Adi Schumann in das Start-up-Unternehmen ein, der Mitarbeiterstamm wächst schon bald auf fünf Angestellte. Inzwischen werden nicht nur Werkstattleistungen, sondern auch Gebrauchtwagen angeboten. 1991 wird die Esso-Tankstelle in eine Handelsvertretung der südkoreanischen Automobilmarke Hyundai umfunktioniert, ein Jahr später erfolgt der Neubau eines Gewerbebetriebes im Saarbrücker Stadtteil Rodenhof. Heute umfasst das dortige Firmengelände nach drei Erweiterungen 12.000 Quadratmeter, der Personalbestand umfasst aktuell 45 Arbeitnehmer – eine Erfolgsgeschichte.

Eine 150 Quadratmeter große Werkhalle beherbergt die Motorsport-Abteilung, die auf eine noch längere Tradition zurückblickt als der Hauptbetrieb. Als sich Peter Schumann, heute 62-jährig und gelernter Kraftfahrzeug-Mechaniker, als Mitarbeiter einer freien Werkstatt noch mit französischen Fabrikaten beschäftigt, versucht er sich bereits mit einem Ford Escort im Rallyesport. Jürgen Adi Schumann macht den Beifahrer, lange bleibt das Duo auch in dieser Disziplin zusammen. Nach Ausflügen in den Bergrennsport und auf die Rundstrecke schließt sich 1999 ein wegweisendes Kapitel an. Mit dem Einstieg in den Veedol-Langstreckenpokal ist nicht nur die Annäherung an die Nürburgring-Nordschleife verbunden, sondern auch eine neue Freundschaft. Einer der Boxennachbarn ist nämlich der zweimalige DTM-Vizemeister Olaf Manthey, der Mitte der neunziger Jahre einen erfolgreichen Porsche-Rennstall aufbaut und im Langstreckenpokal, kurz VLN, immer mehr Rennen fahrende Kunden bedient. Die “Schumänner” und der Rheinländer liegen auf einer Wellenlänge, das zeigt sich früh. Zu dieser Zeit zeigt auch eine andere (Geschäfts-)Beziehung ihre Wirkung. Herbert Hartge, der nach wie vor in Beckingen ansässig ist, lässt bei Schumann Sonderteile fertigen und erwähnt irgendwann, noch zwei BMW 635 CSi Gruppe A zu besitzen. 14 Tage später kommt es zum Gegenbesuch in den riesigen Werkhallen. Der Fundus umfasst zwei revisionsbedürftige Renntourenwagen, sechs Hochregale voller Ersatzteile, dazu mehr als eine LKW-Ladung an aufgekauften Restbeständen nach der Ablösung der BMW-Baureihe BMW E24 durch den kompakteren Typ E30. Einer der beiden Überlebenden des Zeitalters der Gruppe A ist ausgerechnet jenes Exemplar, das Walter Nussbaumer, Herbert Hartge und Jörg van Ommen 1983 gefahren haben. Freilich ist ein Neuaufbau auf einer Rohkarosse erforderlich, doch davon lassen sich Peter und Jürgen Adi Schumann nicht schrecken. Einmal angefixt, steht für sie nur eins im Vordergrund: “Wir haben den Hartge-635er immer schon ganz großartig gefunden”, erklären beide unisono, “da gab es für uns kein Halten mehr! Wir erhielten allerdings die Auflage, zumindest ein Auto zurück auf die Rennstrecke zu bringen.” Im Großraum Bremen findet sich zufällig ein ungenutztes Ersatz-Gehäuse in den Kellerräumen eines ehemaligen Karosseriebau-Unternehmers, der auch im Ruhestand eine ausgeprägte Sammelleidenschaft pflegt – sehr zum Leidwesen seiner Gattin, die eines Tages auf Auflösung des Kellerbestandes drängt.

Im Jahr 2008 sind die Arbeiten weitgehend abgeschlossen, die Youngtimer-Trophy ist erste Anlaufstelle des unermüdlichen Brüderpaares. Am 28. Mai 2008 feiern Peter und Jürgen Adi Schumann beim 500-Kilometer-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife ihren ersten großen Erfolg: Klassensieg und achter Gesamtrang für den neu aufgebauten BMW 635 CSi Gruppe A, 25 Jahre nach dem Großen Preis der Tourenwagen an gleicher Stelle. Mehr als 60 weitere Klassensiege folgen, gekrönt von den Meistertiteln 2010/2011 in der Youngtimer Trophy. Zu dieser Zeit – 2010 nämlich – gesellt sich mit Olaf Manthey ein dritter Mann dazu. Zumindest bei ausgesuchten Langstrecken-Ereignissen treten die Boxennachbarn aus der VLN als Trio in Erscheinung. Was anfangs ein Hobby-Engagement ist, gerät für den Erfolgsteamchef immer mehr zur Zeitreise. Hier findet er den Geist wieder, der ihn und seine Ehefrau Renate seit 1978 Gefallen am Rennsport finden lässt: Man reist mit dem Wohnmobil an, grillt und lacht im Fahrerlager, bereitet sich dennoch sorgsam auf die Fahrerei vor. “Ich setze mich nicht in jedes Auto”, lobt Manthey den Job seiner neu gewonnenen Freunde im Motorsport. “Schließlich will mir auch im fortgeschrittenen Alter nicht wehtun.” 2022 findet das Miteinander im soeben geschaffenen DTM Classic Cup seinen vorläufigen Höhepunkt. Mit dem 14 Jahre zuvor fertiggestellten 340-PS-Boliden wechseln Manthey und die Gebrüder Schumann sich in allen fünf Doppelveranstaltungen am Lenkrad ab, sie leisten sich keine Ausfälle, punkten praktisch immer in der Klasse 5 für Renntourenwagen der ersten Stunde in der Deutschen Produktionswagen-Meisterschaft. Es ist ein Erfolg der Zuverlässigkeit: Auch wenn deutlich jüngere, schnellere und technisch aufwändigere Semester im Starterfeld vertreten sind, sammelt das schneeweiße Coupé aus dem Saarland die meisten Punkte – Spiel, Satz und Sieg … und eine Duplizität der Ereignisse: 1984 ist es Volker Strycek, der mit dem BMW 635 CSi das erste Meisterstück in der Produktionswagen-Meisterschaft abliefert. Der gebürtige Essener gewinnt zwar kein einziges Rennen, erweist sich aber als überaus emsiger Punktesammler. All diese historischen Fakten faszinieren die Gebrüder Schumann. 2010 bauen sie den zweiten 635er aus den alten Hartge-Beständen neu auf, diesmal im Design einer französischen Zigarettenmarke. Nicht nur dieses Coupé markiert die Anfänge von historischem Kundensport auf professionellem Niveau, sondern auch ein parallel reaktivierter BMW M3 der Baureihe E30. Die hauseigene Rennabteilung etabliert sich. Zwei hauptamtliche Rennmechaniker, einer von ihnen mit langjähriger DTM-Erfahrung aus dem Team des Schweden Ingmar Persson, widmen sich gemeinsam mit Junior Max Schumann der altehrwürdigen Hochleistungs-Technik. Längst sind Komplettfahrzeuge entstanden, die interessierte Kunden entweder erwerben oder in Vollbetreuung – neudeutsch Fullservice – anmieten können.

Das gilt möglicherweise auch für einen weiteren BMW M3 der Modellreihe E30 auf dem ersten Homologationsstand von 1987, eine 2.3-Liter-Version also. Entweder wird der Vierzylinder für einen Kunden in Betrieb genommen oder auf das Unternehmen Titelverteidigung angesetzt. Es kann sogar sein, dass dazu sowohl der M3 als auch der 635 CSi herangezogen werden. Dann könnte Olaf Manthey unter Umständen sogar mit beiden Fahrzeugen starten – das Reglement des DTM Classic Cups mit zwei Läufen an einem Wochenende lässt diese Möglichkeit offen. Der DTM Classic DRM Cup erlaubt noch mehr: nämlich die Reminiszenz an die Deutsche Automobil-Rennsport-Meisterschaft und die Gruppe 5. Peter und Jürgen Adi Schumann haben 2021 eine solche Gruppe-5-Ausführung auf einer weiteren Rohkarosse aufgebaut und mit einem Vierventilmotor ausgerüstet. Während das Gruppe-A-Modell immerhin 340 PS leistet, bringt es die XXL-Variante mit exotischem Flügelwerk auf 480 Pferdestärken aus 3.8 Litern Hubraum. “Das alles entspricht den Regularien der Gruppe 5”, verweist Organisator Peter Schumann. “Hintergrund war das verstärkte Aufkommen der Porsche Carrera RSR in der Youngtimer-Trophy. Mit dem Gruppe-A-Coupé kamen wir im Gesamtklassement nicht mehr so richtig nach vorne, also brauchten wir eine schärfere Waffe.” Auch im Fahrwerksbereich waren mehr Freiheiten gegeben, Olaf Manthey bringt seine guten Verbindungen zum Fichtenberger Hersteller KW ein. So entsteht ein vielfach einstellbares Setting, das am 17. September 2022 seine Schlagkraft demonstriert. Abermals auf der Nürburgring-Nordschleife setzen sich Manthey, die Gebrüder Schumann und Joachim Kiesch beim mit zahlreichen Neunelfern stark besetzten 1.000-Kilometer-Rennen als Gesamtsieger durch – eine sensationelle Bestätigung des eingeschlagenen Weges. Davon beflügelt, putzen die Erfolgreichen zwei Tage lang ihren Neuzugang, bis alles wieder glänzt. Am Dienstag, drei Tage zuvor hat das Rennen stattgefunden, sind sie schon wieder auf großer Fahrt, diesmal an den Red Bull Ring im fernen Österreich. Auch dort springt ein Podiumsrang heraus, miterlebt von mehr als 115.000 Zuschauern allein in der deutschsprachigen Livestream-Übertragung. Die “Schumänner”, wie Olaf Manthey sie zu nennen pflegt, registrieren dies alles mit einem hintergründigen Lächeln – der Spaß steht nach wie vor im Vordergrund. Und was wäre, wenn jetzt ein Interessent daherkäme und ebenfalls ein solches Sportgerät wollte? “Dann könnten wir das nicht nur in zehn bis zwölf Monaten liefern”, ist Peter Schumann sich sicher. “Wir könnten es auch mit zu den Rennstrecken bringen, unser Truck und Teamzelt sind groß genug.” Bis es im Frühjahr mit den ersten Testfahrten losgeht, wird nicht nur viel Wasser die Saar hinunter geflossen, sondern auch die eine oder Werkstattstunde geleistet worden sein – echte Familienbande eben, die schon so manchem dichten Eifel-Nebel über der Nürburg widerstanden haben.

Verantwortlich für den Inhalt: netzwerkeins GmbH, Carsten Krome

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