Eine 1975 verlassene Bergrennstrecke ist der Ausgangspunkt einer Rundreise, die zu den reizvollsten in Deutschlands Mittelgebirgen zählt. Im Teutoburger Wald dreht sich nicht alles um das von 1838 bis 1875 errichtete Hermannsdenkmal. Wer Natur, Genuss und Geschichte mit echtem Fahrvergnügen verbinden möchte, liegt in dieser Gegend genau richtig.

Land des Hermann: Seit Urzeiten regt der Mythos der Externsteine bei Holzhausen die Phantasie der Menschen an. Foto: Carsten Krome

Montag, 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit. Wer heute, an diesem Feiertag, auf der 345 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Gauseköte im Lipperland mit einem Besucheransturm rechnet, der irrt. Still ist es oben auf der Passhöhe, man kann den Tieren des Waldes zuhören, hin und wieder kommt auch ein Auto vorbei. Da eine streng überwachte Geschwindigkeitsbegrenzung gilt auf der kurvenreichen Strecke, bleibt es still. 1975 war das anders, als letztmals das ADAC Bergrennen Teutoburger Wald stattfand. Die Bergprüfung existierte seit 1924, als der legendäre Rudolf Caracciola (* 30. Januar 1901 in Remagen; † 28. September 1959) mit dem Kompressor-Rennwagen von Mercedes-Benz große Erfolge feiern konnte. Lange Zeit erinnerte die allmählich verblassende Ziellinie an die Ära des Bergrennens, die natürlich auch Einheimische wie Wilhelm Rinne aus Rinteln an der Weser prägten. Von seinem Porsche 911 existieren Bilder, die ihn ihm ausgelassenen Drift zeigen. Inzwischen mutet zumindest der untere Abschnitt der Landesstraße 937 wie ein Alpenpass mit hohen Wänden zu beiden Seiten an. Vom Anspruchsniveau her entspricht der Kurventanz einer Entspannungsfahrt. Sicher lohnt es sich, mehr als einmal mitzuschwingen – mit dem Cabriolet oder dem Oldtimer. Anders als in Italien, wo die Aura einer – wenn auch ehemaligen – Bergprüfung zumindest zum Betrieb einer Cafeteria anregen würde, ist an der Gauseköte nichts Vergleichbares zu finden. Gerade das lässt sie so reizvoll erscheinen. Die alte Pfadspur in die Vergangenheit lädt zum Forschen ein, zum Schmökern in vermufften Antiquariaten – die gibt es hier, in dieser Gegend, die einst von Kur- und Badegästen lebte, durchaus noch.

Spurensuche: Wilhelm Rinne aus Rinteln an der Weser beim Bergrennen Schaumburg/Lippe mit dem Warsteiner-Porsche von Wilhelm Bartels, Chassisnummer 911 460 9073. Foto: Privatarchiv Wilhelm Rinne

Ganz früher, ab 1789, um genau zu sein, war das Lipperland ein Fürstentum mit Detmold als Regierungssitz. Auch heute ist die Große Mittelstadt mit 75.000 Einwohnern Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Essen und Einkaufen in jeder Preiskategorie, Bummeln und Besichtigen: Das alles ist in „Lippe Detmold, einer wunderschönen Stadt“ möglich. Das Fürstliche Residenzschloss ist ein Relikt aus der herrschaftlichen Zeit und das Postkartenmotiv schlechthin. Die Ursprünge gehen auf das Jahr 1366 zurück, noch heute stammen einige Mauern aus dieser Zeit. Von der Gauseköte bis hierher führen zwei Wege. Der kürzere misst zwölf Kilometer und führt über die bereits erwähnte Landesstraße 937, der längere bezieht einen Teilabschnitt der Bundesstraße 1 mit ein. Die alte B1 erstreckt sich auf 778 Kilometern von der niederländischen Grenze bei Aachen im Westen bis zur polnischen Grenze in Küstrin-Kietz an der Oder im Osten. In den Kreisen Paderborn und Lippe ist sie eine wichtige Verkehrsader, die die Verbindung zu den Autobahnen herstellt und tief ins Herz des Teutoburger Waldes und des Eggegebirges mit der geheimnisvollen, 464 Meter hohen Velmerstot als höchste Erhebung hineinführt. Ihr Doppelgipfel, durch einen Kammweg miteinander verbunden, ist gleichzeitig der abschließende Glanzpunkt auf dem 158 Kilometer langen Hermannsweg, einer in Rheine beginnenden Wanderroute oder neudeutsch: einem Trail. Immer wieder kreuzt die Autoroute durch das Land des Hermann auch den uralten Fußweg, von dem Gelehrte sagen, er führe über so genannte Leylinien, Kraftadern. Dasselbe sagen Gläubige auch dem Jakobsweg nach. Wie dem auch sei – die Kraft der Teutonen wird allenthalben spürbar. Darum auf zur Grotenburg, auf das Denkmal, das diesem Landstrich und unserer Tour den Namen gab: zum 1838 bis 1875 durch den Baumeister Ernst von Bandel errichteten Hermannsdenkmal auf 386 Metern Meereshöhe! In den vergangenen Jahren hat sich erfreulich viel dort oben getan. Aus den Relikten des Ausflugstourismus der sechziger und siebziger Jahre ist ein Besucherzentrum entstanden, wie man es auch im Alpenraum erwarten könnte.

Land des Hermann: Die Grotenburg mit dem Hermannsdenkmal ist der Glanzpunkt einer ganzen Region. Foto: Carsten Krome

Das Monument selbst ist bis zum Sockel der 26,57 Meter hohen Statue aus Kupferplatten über eine Wendeltreppe begehbar. Es ist dem Cheruskerfüsten Arminius und der siegreich geschlagenen Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus gewidmet. Von der Gauseköte führt der Weg hierher zunächst durch den Talort Berlebeck mit seiner Adlerwarte (6 Kilometer über Kreuzkrug) und weiter über die L828 auf die Grotenburg mit dem Hermannsdenkmal. Da Parkgebühren erhoben werden, bietet sich eine Einkehr in der lokalen Gastronomie an. Wer im Wortsinn speisen möchte, findet im 15 Kilometer entfernten Detmold das definitiv abwechslungsreichere Angebot. Überhaupt bietet die Tour immer wieder die Möglichkeit, an verschiedene Stationen zurückzukehren, sozusagen Schleifen zu drehen. Detmold ist auch die bevorzugte Übernachtungsadresse mit einer Auswahl gut geführter, erfrischend bodenständiger Hotelbetriebe. Bad Meinberg mit seinem hübschem Brunnentempel und dem weitläufigen Kurpark mag über die L758 nur zehn Kilometer entfernt sein, übernachten ist dort aber Geschmacksache. Mag der Ort auch an die längst vergangene Herrlichkeit eines staatlichen Kurbades erinnern, so ist ein morbider Charme heute kaum zu übersehen. Anfang der neunziger Jahre stellte sich das Entwicklungspotenzial noch anders dar, als eine Kunstgalerie im Kurpark Weltoffenheit ausstrahlte. Dieses Juwel steht inzwischen leer.

Land des Hermann: Brunnentempel im Kurpark von Bad Meinberg zur Adventszeit. Foto: Carsten Krome

Über die allgegenwärtige Bundesstraße 1 führt der weitere Weg in das zehn Kilometer entfernte Leopoldstal. Der auf 242 Metern Meereshöhe gelegene Ort liegt an der Flanke der 222 Meter höheren Velmerstot, deren höchster Punkt sich von unten nicht zeigt. Eine reizvolle Wanderung führt durch das Silberbachtal zu den Externsteinen, einer weltberühmten Felsformation und Kultstätte. Auf halber Strecke lädt die Silbermühle zum Verweilen ein – das Haus steht unter neuer, ambitionierter Führung, es ist Restaurant und Hotel zugleich, ein wahrer Geheimtipp. Wer sich anmeldet, kann sogar mit dem Auto vorfahren. Für die Schranke auf halbem Weg kann in der Silbermühle ein Code abgerufen werden. Auf der weiteren Wanderung zu den Externsteinen mit neuem, multimedialem Besucherzentrum sind dann keinerlei Tricks mehr möglich. Auf diesem Teilabschnitt des Hermannsweges muss gelaufen werden, stetig bergauf und bergab. Zurück an der Silbermühle, kann die Velmerstot in einer mehr als lohnenden Etappe überschritten werden. Nach der Besichtigung des hölzernen Eggeturmes mit großartiger Aussicht erfolgt der Abstieg in einer schwungvollen Partie auf der gegenüberliegenden Seite des Berges. Nach soviel sportlicher Aktivität steht einigen vielleicht der Sinn nach mehr – mehr Sport hinter dem Lenkrad. Das Bilster Berg Drive Resort bei Nieheim ist ab Leopoldstal nach elf Kilometern über die L954 erreicht – doch an der Einfahrt in die Clubanlage trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer den ehemaligen Militärstandort, der seit 2013 ein selektiver Rundkurs ist, aktiv erleben möchte, muss zuvor angefragt oder sich einem Trackday-Veranstalter angeschlossen haben. Spontane Individualbesuche entsprechen nicht den Regeln. Auf der schnellen Fahrt über den 4,2 Kilometer langen Bilster Berg mit seinen 19 Kurven drängt eine markante Erhebung in den Blick: der 500 Meter hohe Köterberg mit Holzhaus und Sendeturm. Die Entfernung ab dem Drive Resort: 28 Kilometer über die L755 und L886.

Land des Hermann: Motorräder und Automobile im harmonischen Gleichklang vor dem Köterberghaus. Foto: Carsten Krome

Auf dem Plateau vor dem Köterberghaus ist immer etwas los: Motorradclubs, Cabrioclubs, Sportwagenclubs, Wanderclubs. Im ersten Stock des verwitterten Gebäudes befindet sich eine einfache, saubere Gastronomie mit Mittelgebirgs-Panorama und Atmosphäre. Welch ein Kontrast erwartet den Besucher im mondänen Bad Pyrmont! Ausnahmsweise ist die kürzeste Verbindung nicht zu bevorzugen. Der 29 Kilometer lange Abschnitt führt über die L614 und die Kreisstraße 70 nach Schieder-Schwalenberg und weiter am rund 90 Hektar großen Emmerstausee, einem vielgestaltigen Wassersportzentrum, vorbei. Wer ein stilleres Wasser bevorzugt, findet mit dem Norderteich bei Billerbeck eine Alternative. Der Abstecher ab Schieder-Schwalenberg zurück in Richtung Horn-Bad Meinberg ist mit 10 Kilometern (einfache Strecke) überschaubar. Etwas länger ist das verbleibende Wegstück über die L 614 nach Bad Pyrmont: 15 Kilometer sind auf dieser Etappe zu veranschlagen. Für viele mag hier bereits der Endpunkt der Reise sein, denn allein der Kurpark mit Palmengarten ist Grund genug für mehrere Tagesaufenthalte. Zur Adventszeit wird rund um den Brunnentempel „Der Hyllige Born“ ein Weihnachtsmarkt mit allerlei Ständen aufgebaut, und im Kurhaus laden ausgesuchte Geschäfte zum Verweilen ein. Auch Theater wird gespielt, und auf das jeweilige Programm machen einfallsreiche Hinweise aufmerksam. Da kann es passieren, dass ein Türanhänger mit der Aufschrift „Ich brauch ein Zimmer für heute Nacht!“ mehr als neugierig auf die Darbietung der Saison macht.

Land des Hermann: Weit schweift der Blick hinaus zur Weser, frisch weht der Wind auf dem Hochplateau des Köterbergs. Foto: Carsten Krome

Wer es sich leisten kann, hastet bewusst nicht in einer Stunde bis zur Ostwestfalenstraße und weiter zur Autobahn A2, sondern besucht Lemgo mit seinem Hexenbürgermeisterhaus und der Sanct-Nicolai-Kirche. Nicht minder sehenswert sind Bad Salzuflen und Bielefeld natürlich mit dem Lenkwerk, einer Heimstatt der Fahrkultur. Selbst eine Schleife zu Fuß, über den Hermannsweg und noch einmal über das Hermannsdenkmal zur Velmerstot und an den Schlusspunkt nach Leopoldstal, wäre möglich. Da sich dort eine absurd minimalistische Bahnstation – eher eine Bushaltestelle mit Schienenbetrieb – befindet, könnte die Reise zurück nach Bielefeld und zum dort geparkten Wagen ohne einen Hol- und Bringdienst mit der Bahn erfolgen. Dies ist nur ein Beispiel für die zahllosen Varianten, die im weiten Land des Hermann möglich sind. Wer es ernsthaft darauf anlegt, kann wochenlang dem Getöse der Großstadt und des geschäftlichen Lebens entkommen – oder gleich dort bleiben.

Land des Hermann: Am Entenkrug bei Bad Meinberg, Rundweg um den Norderteich. Foto: Carsten Krome

Verantwortlich für Fotografie und Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

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