„Es lohnt sich, an die DTM in ihrer Urform durch Veranstaltungen dieser Art zu erinnern und damit ein Grundbedürfnis vieler Motorsport-Enthusiasten zu erfüllen“. Das sagte Rennfahrer und Markenbotschafter Marc Hessel am 8. August 2015 anlässlich des 43. AvD-Oldtimer-Grand-Prix auf dem Nürburgring vor 52.000 Zuschauern. Mögliches Motto: „Wir sind Helden!“ Mit dem Düsseldorfer BMW-Rennstall 2.0 Automotive kehren er und sein Rennstallkollege Frank Schmickler am Wochenende an eine andere Rennstrecke zurück, die mit dem Kult um die DTM, die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft, enger verwoben ist als der Eifelkurs. Auf dem Norisring wollen die Rheinländer in den Straßen Nürnbergs zeigen, dass die Legende lebt – und das mit guten Aussichten auf einen Sieg in Klasse 3.

Rückblende: Am 28. Juni 1987 hat es zunächst den Anschein, als könne ein 22-jähriger Zauberlehrling schon zum zweiten Mal in dieser DTM-Saison den arrivierten Herrschaften ein Schnippchen schlagen und einem weiteren Triumph entgegen fahren. Marc Hessel, vielversprechender Aufsteiger aus der Formel Ford, BMW-Junior im Werksteam Zakspeed, Sohn eines Bonner Alfa-Romeo-Händlers und Architekturstudent, ist bereits bei seinem zweiten Auftritt mit dem neuen M3 E30 zur allgemeinen Überraschung allen davongefahren. Im belgischen Landregen von Zolder ist ihm der Sieg nicht zu entreißen. Nicht einmal Olaf Manthey, wie Hessel in der Bundeshauptstadt am Rhein zuhause und bei Nässe mit fast schon übernatürlicher Bodenhaftung gesegnet, kann dem Jüngling mit dem Mecki-Haarschnitt folgen. Zwei Monate und zwei Wochen später sieht es anfangs nach einer Wiederholung aus. Der Schauplatz diesmal: nicht Zolder, sondern der Norisring. In den Straßen Nürnbergs tobt Marc Hessel in 0:58,330 Minuten um den Kurs – das ist Rundenbestzeit und eine klare Ansage.

Der Start des sechsten Laufs der DTM-Spielzeit 1987 bringt die Wende. Schon auf den ersten Metern kommt es zum Karosseriekontakt zwischen Hessel und dessen belgischem Rennstall-Kollegen Eric van de Poele. Anschließend sieht die Beifahrertür aus wie nach einem Stock-Car-Rennen. Obendrein wird der Zakspeed-M3 mit der Startnummer 1 umgedreht und ganz an den Schluss des Feldes zurückgereicht. Marc Hessel, der sich schuldlos wähnt, startet zur fulminanten Aufholjagd. Vorne nutzt währenddessen nutzt Olaf Manthey die Gunst der Stunde. Mit dem privat eingesetzten M3 von Heinz Isert will der Driftkönig von der Nürburgring-Nordschleife zeigen, dass er nicht nur außerhalb der Eifel gewinnen kann, sondern auch bei trockener Piste – was ihm schließlich auch gelingt. Als jedoch Marc Hessel hinter ihm auftaucht und noch den zweiten Platz erobert, reibt sich der neun Jahre ältere Heckantriebs-Dompteur mit dem charakteristischen Zwirbelbart verdutzt die Augen. Weitere zwei Monate später, am 23. August 1987, kann der Youngster einen Matchball im Ringen um den Meistertitel verwandeln. Eigentlich. Doch auf dem Salzburgring ist es Eric van de Poele, der in einer hochdramatisch geführten Partie den Titel holen darf – ausgerechnet er, der Teamgefährte und Unfallgegner von Nürnberg.

Anschließend wechselt Marc Hessel die Marke und geht für AMG-Mercedes-Benz weiterhin in der DTM an den Start. Mit Eric van de Poele fährt er inzwischen wieder Rennen, sogar im belgischen Landregen von Zolder, im Rahmenprogramm der heutigen DTM – mit dem Fahrzeugtyp von damals. Der Düsseldorfer Profi-Rennstall 2.0 Automotive, von Sebastian Küppers und dem früheren Fußballprofi Martin Stranzl federführend getragen, stellt Hessel schon im zweiten Jahr einen BMW M3 E30 2.3 Gruppe A auf dem Technik-Stand von 1988 zur Verfügung. Das Besondere am vollrestaurierten Originalchassis: Es stammt aus dem Eifeler Zakspeed-Team, Hessels einstiger Mannschaft in der DTM-Spielzeit 1987. Sein heutiges Einsatzgerät ist zur Urzeit ein Test- und Erprobungsfahrzeug gewesen, schließlich stand der knapp 300 PS leistende Renntourenwagen noch am Anfang seiner 1992 erst eingestellten Entwicklung. Am Wochenende startet der kantige Zweitürer mit guten Erfolgsaussichten. Auf dem Norisring ist kein anderer Siegenwärter in der Klasse 3 gleich mit zwei DTM-Helden der guten, alten Zeit besetzt. Neben Marc Hessel kommt der Kölner Frank Schmickler  zu seinem dritten Gastspiel im BMW von 2.0 Automotive. Mit Otto Rensing und Klaus Panchyrz waren zwei weitere Zeitzeugen in jüngster Vergangenheit für das Düsseldorfer Team aktiv.

Beim stimmungsvollen Saisonfinale 2018 auf dem Hockenheimring gab „Schmicki“, Michael Schumachers einstiger Teamkollege in der Formel 3, seinen Einstand als Renn-Einsatzfahrer bei der Truppe, die im Herzen der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens im früheren Bagel-Haus an der Grafenberger Allee beheimatet ist. Pikantes Detail: Nachdem Marc Hessel zur DTM-Saison 1988 in den AMG-Mercedes-Benz 190E 2.3-16 gewechselt war, kam Frank Schmickler als sein Nachfolger ins Zakspeed-BMW-Junior-Team. 1989 stiegen beide in die Formel 3 um: Hessel mit einem eigenen Rennstall, Schmickler an Michael Schumachers Seite im Stuttgarter WTS-Team von Klaus Trella und Wilhelm F. Weber. „Unsere beiden DTM-Profis im Cockpit harmonieren perfekt“, schätzt Sebastian Küppers die Ausgangslage vor dem Rennen auf dem Nürnberger Norisring ein, „das war schon im Oktober des vergangenen Jahres auf dem Hockenheimring so.“ Und er fügt hinzu: „Wir kommen nicht nur als Tabellenführer in der Klasse 3 für DTM-Tourenwagen vom alten Schlag ins fränkische Monaco. Natürlich wollen wir zusätzlich auch unsere Gesamtführung, die wir uns seit dem gemeinsamen Start von Marc und Eric van de Poele am 18. Mai in Zolder Stück für Stück aufgebaut haben, festigen. Aber das wird harte Arbeit, angeführt von unseren Markenkollegen Harald Grohs und Kris Nissen haben wir wirklich starke Gegner. Andererseits haben wir uns gemeinsam mit unseren Industriepartnern minuziös auf unser Saisonhighlight am Dutzendteich vorbereitet, und da wollen wir einfach gut aussehen!“

An der Noris wird sich einmal mehr zeigen, welch starke Anziehungskraft von den einstigen Tourenwagen-Helden ausgeht. Da werden von den Fans alte Fotos – manchmal mit zitternder Hand vor lauter Aufregung – zur Unterschrift hervorgeholt, da wird nach Smartphones gefingert, da werden (Fach-)Gespräche geführt und Erinnerungen wieder aufgefrischt. Marc Hessel, der sein Architektur-Studium nach der Rennfahrer-Karriere zum Abschluss brachte und seitdem als Event-Manager für große Automobil-Konzerne tätig ist, ist sich sicher: „Es lohnt sich, an die DTM in ihrer Urform durch Veranstaltungen dieser Art zu erinnern und damit ein Grundbedürfnis vieler Motorsport-Enthusiasten zu erfüllen“. Damals, zu seiner Zeit, waren Siege noch ohne Werksfahrerstatus möglich, anfangs ein Ankerpunkt im Konzept der DTM. Nur so konnte ihn Olaf Manthey im privaten Blaupunkt-M3 vor 32 Jahren in Nürnberg besiegen. Heute wäre das undenkbar. Mögliches Motto: Schön war die Zeit – und für einen kurzen Augenblick lebt sie noch einmal auf! Obendrein wird auch Eric van de Poele am Wochenende im Rennanzug von 2.0 Automotive aktiv sein. Der belgische DTM-Ex-Meister präsentiert beim prestigeträchtigen Goodwood Festival of Speed auf der britischen Insel einen BMW M3 E30 des Endstand-Jahrgangs 1992.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

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