[#Alpine Cruising, zweiter Teil]
Hinter das Hohe Licht geführt: von Sonthofen über den Riedbergpass ins österreichische Bundesland Vorarlberg und weiter zum Hochtannbergpass.
Einkehrschwung nach Westen: Der Riedbergpass eröffnet neue Perspektiven – um den Allgäuer Hauptkamm in den Bregenzerwald und weiter ins Lechtal.
Wie ein Sperrriegel steht der Allgäuer Alpen-Hauptkamm hinter Oberstdorf am Horizont. Weit über 2.500 Meter ragen die Felstürme der Bergriesen in den Himmel. Der Heilbronner Weg verbindet sie miteinander. Dieser kühn angelegte, hochalpine Pfad führt bis in die unmittelbare Nähe von Trettachspitze und Mädelegabel, den Wahrzeichen der Region. Beide Erhebungen sind nicht die allerhöchsten – der Große Krottenkopf hat noch ein paar Höhenmeter mehr zu bieten. Dennoch sind sie so etwas wie zu Stein gewordene Diven: wunderschön, anziehend und abweisend zugleich. Wer auf ihren Gipfeln stehen will, muss ein konditions- und willensstarker Berggeher sein. Wem es wichtiger ist, ihre Aura mit gebotener Distanz zu erleben, kann sie ganz einfach mit dem eigenen Sportwagen umfahren – über eine geschwungene, an Kilometern nicht übermäßig weite Autostraße. Diese führt gleich hinter Sonthofen auf 1.420 Meter Meereshöhe. Bevor sich mit dem Riedbergpass ein Prüfstein für besonders leidensfähige Radsportler eröffnet, geht es zunächst einmal beschaulich zu. Nach zwei Kilometern ist der Ortsausgang Sonthofens erreicht, nach weiteren 5,5 Kilometern (oder insgesamt elf Minuten) führt der Weg durch Fischen. Es ist eine liebliche Sommerfrische mit Veranstaltungszentrum und anliegendem Restaurant im Mittelpunkt. Mit ausreichendem Sicherheitsabstand grüßen Nebelhorn und “raues Horn”, das Rubihorn. Wirklich spannend wird es bei Kilometer 9,5 – dem Eintritt in die Beslerstraße. Kartographisch profan trägt sie die Bezeichnung “OA9”, und mit dem Schwenk in Richtung Westen beginnt allmählich der Anstieg auf die Passhöhe. Tief eingeschnitten beginnt das Tal, und es ist mehr als beeindruckend, den Radfahrern bei ihrer Pedal-Arbeit zuzusehen. Bei Kilometer elf beginnt das Kurven-Stakkato, das fünf Kilometer andauert und Präzision am Volant erfordert. Auf der Passhöhe öffnet sich zur rechten Hand ein großzügiges Freizeit-Zentrum mit Gastronomie, Lift, Kinderspielplatz und einigem mehr: Grasgehren. Die Atmosphäre ist für eine Anlage dieser Kategorie überraschend ruhig. Sie lädt zum Verweilen ein, auch wenn 16 Kilometer Gesamtstrecke durchaus überschaubar sind. Sportwagen-Clubs sind häufig hier oben anzutreffen. Manche treffen sich zum Gruppenbild unter freiem Himmel, andere legen auf ihrer (Tages-)Reise an den Bodensee eine Pause ein. Die sich anschließende Fortsetzung der Tour bietet bis zur Einreise nach Österreich bei Streckenkilometer 27 sportliche Akzente. Bergab geht es ebenso schwungvoll ums Eck, und wer es darauf anlegt, kann weitgehend auf einem Geschwindigkeitsniveau bleiben, Tempo und Strecke machen. Wer es entspannter mag, erfreut sich an einem Landschaftsbild, dem eine ausgeprägte Lieblichkeit nicht abzusprechen ist: Grüne, wellige Matten säumen die Strecke, ein wenig wie im Bundesland Kärnten am Rande der Nockalmstraße. Dort ließ Ferry Porsche einst den Ernstfall proben, besonders gern in grimmigsten Wintern hoch oben auf der Turracher Höhe. Solches ist von der #AlpineCruising-Route, die hinunter führt vom Riedbergpass in die Gemeinde Hittisau bei Kilometer 35 – der Chronograph zeigt 48 Minuten Fahrtzeit an – nicht überliefert.
Darf ich bitten? Auf zum Tanz der tausend Kurven! Spannend wird es bei Kilometer 35, dem Ortsausgang von Hittisau, mit dem Eintritt in die Bundesstraße 200.
War die Route vom Riedbergpass bis hierher leicht und tendenziell entspannt, so wird es allmählich sportlicher. Mit der Einfahrt in die Bundesstraße 200, noch in der Gemeinde Hittisau, reiht sich eine Kurvenfolge an die nächste. Der weitere Reiseweg führt durch die Ortschaften Lingenau (Kilometer 39, 55 Minuten Fahrtzeit bis hierher), Gschwend und Egg (Kilometer 41, 57 Minuten Fahrzeit), bis nach 63 Kilometern (eine Stunde und 25 Minuten) der Schepfauer Tunnel erreicht ist. Bis zum Zwischenziel, Au im Bregenzerwald, sind es jetzt noch fünf Kilometer. Die auf 800 Metern über dem Meer gelegene, vom Tourismus geprägte 1.703-Seelen-Gemeinde lädt zu einem Zwischenstopp ein. Die Hotellerie vor Ort ist auf Sport und Wellness ausgerichtet, das Skigebiet zu Füßen des Diedamskopfes (2.090 Meter) liegt in unmittelbarer Nähe. Wie viele andere Flecken im Allgäu oder auch hier, im österreichischen Bundesland Vorarlberg, bietet Au im Bregenzerwald viele Vorzüge einer Ganzjahres-Destination. Sie empfängt ihre Besucher im Sommer wie im Winter. Letzterer kann schneereich sein, und ein Abstecher über die B193 ins nahegelegene Damüls (1.428 Meter) führt geradewegs hinein in den Skizirkus – und weiter hinauf auf den Flexenpass (1.773 Meter), eine so reizvolle wie spektakuläre Variante.
Da wir jedoch unsere kleine Alpen-Durchquerung fortsetzen wollen, orientieren wir uns zunächst an der B193 in Richtung Lechtal. Nach 200 Metern erwarten uns die B200 und mit ihr weitere Kurvenkombinationen. Schoppernau (Kilometer 72, 1.29 Stunden Fahrzeit) und Schröcken (Kilometer 82, 1.40 Stunden Fahrzeit ) laden zum Verweilen ein. Andererseits sind es nur noch fünf Kilometer bis zum Hochtannbergpass. Diese streckenweise überbaute Hochgebirgsstraße führt bis auf 1.676 Meter Meereshöhe empor. Sie verbindet die Bregenzer Ach bei Schoppernau mit dem Lechtal bei Warth. Oben auf der Passhöhe beeindruckt der Ausblick auf den Großen Widderstein (2.533 Meter), den Schlussberg des Kleinen Walsertals auf der Allgäuer Seite. Interessanterweise beginnt der Normalweg auf den Gipfel gleich hier oben, am Hochtannbergpass, und der Erstbesteiger soll ein Geistlicher der Gemeinde Schröcken im Jahr 1664 nach Christus gewesen sein. Wie dem auch sei – wer die Atmosphäre einer hochalpinen Bergunterkunft liebt, kann zu Fuß in rund einer Stunde Gehzeit die Widdersteinhütte auf 2.009 Metern Meereshöhe erreichen. Diese Wanderung ist übrigens aufgrund der günstigen Ausgangshöhe ideal zum Akklimatisieren geeignet. Die Höhenanpassung erfolgt aufgrund der geschwungenen, an Kilometern wahrhaftig nicht langen Autostraße bis hinauf auf den Hochtannbergpass in gleichmäßigem Tempo. Körper und Geist haben genügend Zeit, ganz oben anzukommen. Auf einer weitläufigen Hochebene sollte eine längere Fahrtunterbrechung einkalkuliert werden, um das eindrucksvolle Szenario in all seiner Intensität in sich aufzunehmen und die Steiganlage auf den Widderstein zu studieren. Wer ein Fernglas dabeihat, entdeckt vielleicht sogar Alpinisten, die dem höchsten Punkt entgegenstreben.
Ausfahrt aus der Hochtannbergpass-Galerie, Ankunft in Warth (1.495 Meter): Sie haben vielleicht noch nicht Ihr Tages-, aber zumindest Ihr Etappenziel erreicht!
92 Kilometer Fahrstrecke ab Sonthofen und annähernd zwei Stunden reine Lenkzeit: Wer das Volant nun aus der Hand geben will – und sei es aus Rücksichtnahme auf die Begleitung auf dem Beifahrersitz – findet in Warth so manches Refugium vor, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Etwas oberhalb von Warth liegt der Weiler Hochkrumbach mit dem in jeder Hinsicht faszinierenden Hotel Adler, der Einkehr unserer Wahl am bislang höchsten Punkt der Tour.
Wer mit der Weiterfahrt, vorbei an Lechleiten, hinunter nach Holzgau noch warten möchte, kann in Richtung Süden auch von hier aus einen Abstecher nach Lech, Zürs und über den Flexenpass nach Sankt Anton unternehmen. Der Phantasie sind so gut wie keine Grenzen gesetzt. Und wer einen relevanten Gipfel am Heilbronner Weg erklimmen will, hat in Warth auch dazu die Gelegenheit. Bis auf 2.599 Meter Meereshöhe führt der Biberkopfsteig, der gleich hinter dem Gasthof Alpenrose (nur für alpin Geübte) beginnt. Empfehlenswert ist die Einbindung der Rappenseehütte (2.091 Meter) in diese Tour. Die Alpenvereinshütte liegt im Südosten des Allgäuer Hauptkamms. Mit 304 Schlafplätzen ist sie die größte aller 327 Herbergen des Deutschen Alpenvereins. Sie ist die klassische Übernachtungsadresse all jener, die den Heilbronner Weg angehen. Und auch das Hohe Licht (2.651 Meter) ist von Warth aus über ein Hochalptal erreichbar. Zurück am Ausgangspunkt, rufen Holzgau im Lechtal und das kleine Bergsteigernest Hinterhornbach – dazu mehr in einem weiteren Teil unserer alpinen Runde!
Verantwortlich für Inhalt, Fotografie und Grafik: netzwerkeins GmbH, Carsten Krome