37. ADAC-Zürich-24-Stunden-Rennen Nürburgring 2009: 170 Starter, 118 Fahrzeuge in Wertung, 235.000 Zuschauer und ein neuer Distanzrekord. Die Siegermannschaft legte 3.933,59 Kilometer zurück – soviel wie noch nie. Marc Lieb, Timo Bernhard, Romain Dumas und Marcel Tiemann mussten alles einsetzen, um den vierten Manthey-Triumph in ununterbrochener Reihenfolge zu erkämpfen. Audi erwies sich nicht nur auf der Nordschleife als harter Gegner, sondern auch auf dem politischen Parkett. Die Konsequenz: Nach 155 Runden entschied ein einziger Umlauf über Erfolg und Niederlage. Der eigentliche Gewinner büßte drei Runden auf den siegreichen RSR ein. Als am Cup S – ebenfalls von Manthey Racing eingesetzt – eine Antriebswelle brach, waren 24 Minuten außerplanmäßige Standzeit dahin. Das entspricht drei Durchfahrten bei Start und Ziel – die Entscheidung gegen einen jederzeit möglichen Doppelschlag gegen die Herren der Ringe.

“Schönen Gruß nach Ingolstadt!”

Menschen, die alles erreicht haben, sagt man eine gewisse Lockerheit nach. Man glaubt auch, gerade diese Lockerheit mache sie unbesiegbar. Die unsichtbare, manchmal quälende Faust im Nacken – von der sind sie erlöst. Olaf Manthey (54) gewann als Rennstallbesitzer dreimal hintereinander das 24-Stunden-Rennen auf seiner Hausstrecke, dem Nürburgring. An den Wertvorstellungen der Motorsport-Branche gemessen, hat der Rheinländer zwischen 2006 und 2008 alles erreicht. Doch bei den diesjährigen 24 Stunden sieht er zu keinem Zeitpunkt danach aus: Wie in Trance überquert er bei Einbruch der Rennnacht das schmale Stück Asphalt zwischen Box und Kommandostand, das Headset immer auf Empfang. Manthey steht trotz – oder wegen – seiner drei Siege unter Dauerstrom, ist nur über Bordfunk ansprechbar. Als oben bei Start und Ziel die Flagge schon längst gefallen ist – abgewinkt wird nach Ablauf der 24 Stunden, nicht nach Durchfahrt der Sieger – ist ihm bloße Anspannung anzusehen. Zwar liegt sein gelb-grüner Porsche wieder einmal in Führung, abgeschirmt vom erstmals gleichfarbigen Schwesterfahrzeug auf dem dritten Platz. Eigene Siegchancen hat der Flankenschutz nach Antriebswellendefekt und 24 Minuten Reparaturzeit verloren. Das Tandem ist auf die lange, etwas ansteigende Gerade zwischen der “Döttinger Höhe” und der “Schikane Hohenrain” eingebogen, als Manthey plötzlich zu reden beginnt. Er funkt mit seinem Schlussfahrer Marc Lieb, der den designierten Siegerwagen steuert. Was er genau sagt, wird ein Geheimnis bleiben.

Während dieses letzten Funkverkehrs passiert die Startnummer eins jene Stelle, an der Mantheys Rennen fahrender Freund Ulli Richter 2001 verunglückte. Wie eng Triumph und Niederlage beieinander liegen, weiß der Mann unter dem Headset. Später an diesem Nachmittag des 24. Mai 2009 wird Christopher Mies als erfolgreichster Fahrer unter 21 Jahren einen Sonderpokal entgegennehmen, der Mantheys Sohn Marcel gewidmet ist. Fast zwei Jahre liegt sein Unfalltod schon zurück. Das Rennvolk erwartet einen jubelnden, einen gelösten Gewinner des 24-Stunden-Rennens. Als es endlich passiert ist, der vierte Erfolg in ununterbrochener Folge feststeht, eine ewige Bestmarke aufgestellt ist, erfüllt der Meistermacher die Erwartungen. Er freut sich und sagt, es sei der “emotionalste Erfolg von allen vieren” gewesen. Auffallend schnell schwenkt er in die Analyse über. Hinter ihm liegt ein ungleiches Duell mit Herausforderer Audi. Ungleich deshalb, weil sich Energieeffizienz erstmals in der Geschichte des Langstrecken-Rennsports nicht lohnt. Das Reglement fordert künstlich auf einen Nenner gezwungene Tank- und Standzeiten. Will ein Porsche 90 Liter nachfassen, wird er genauso lange an der Box festgehalten, als sei er ein Audi R8 LMS und müsse 120 Liter auf einen Stint mitnehmen. Begeisterung ruft die merkwürdige Neuregelung nicht hervor. Von Dirigismus ist die Rede und von Wettbewerbsverzerrung. Ein Porsche-Rennstallbesitzer aus dem Westerwald stichelt im Frühjahr: “Das haben die sich auf der Kappensitzung ausgedacht!” Zur Erläuterung: Eine Kappensitzung beschreibt die Hochphase des Kölner Karnevals. Wie dem auch sei – unter diesen Voraussetzungen führt der Weg zum Erfolg auch über die möglichst geringe Zahl der Boxenstopps, um die von vornherein vorgegebene Standzeit zu umgehen.

Jedenfalls bezwingt Manthey trotz aller verordneter Handicaps Audi, den Hauptrivalen mit vier Werkswagen. “Schönen Gruß nach Ingolstadt!”, kommentiert er im Augenblick seines vierten Triumphs. Seine vier Fahrer – drei sind Werkspiloten bei Porsche – stellen bei idealer Wetterlage einen neuen Distanzrekord auf. “Wahnsinnig stolz” sei er auf Marc Lieb, Timo Bernhard, Romain Dumas und Marcel Tiemann, diktiert der Teamchef in die Notizbücher. Der zuletzt Genannte trägt sich nach 2003, 2006, 2007 und 2008 zum fünften Mal in die Siegerliste ein – auch das ein einsamer Rekord. Möglich wird all dies durch einen kühnen Fahrplan. Der RSR, ein 2008er Chassis aus der FIA-GT-Meisterschaft, hält das Tempo vom ersten Kilometer an hoch. Timo Bernhard erklärt, er könne mit dem ausgereiften Wagen 24 Stunden lang volles Risiko gehen, eine Qualifikationsrunde nach der anderen drehen, puschen. Der RSR vertrage das, fasst der abgezockte Pfälzer zusammen. In der Hinterhand folgt der neu in Dienst gestellte 997 Cup S, der allerdings am Abend die Lücke zum Vordermann zufährt und sich zur grün-gelben Doppelspitze formiert. Diese Strategie setzt Audi unter Zugzwang. Noch während der ersten Runde gerät der erste der vier Werkswagen in Schwierigkeiten, bleibt stehen. Von den anderen drei leistet nur einer Führungsarbeit, und das konsequent. Zwischen der Startnummer 99 und dem Manthey-Pärchen kommt es zum Schlagabtausch über 19 Stunden. Nur diese drei Protagonisten befinden sich in ein- und derselben Runde, als es Mitternacht wird und die Schlacht erst acht Stunden alt ist. Die breit aufgestellte Exotenriege von Alpina-BMW über Ford GT, Dodge Viper, Chevrolet Corvette, BMW Z4 Coupé und Lexus kommt nach dem ersten Drittel der Distanz für eine der vorderen Platzierungen nicht mehr in Frage. Auch das Strohfeuer des trainingsschnellsten Ford GT ändert nichts an dieser Situation.

Manthey versus Audi – auf dieses Duell reduziert sich das sportliche Geschehen. Eine Vorentscheidung fällt, als am R8 LMS mit Startnummer 99 die Verschraubung der Antriebswelle zerbirst. Von diesem Zeitpunkt an fährt der grün-gelbe RSR auf Siegkurs. Andere haben ihre Hoffnungen begraben müssen. Einer der tragischen Fälle der 37. Auflage des Eifel-Klassikers ist Jürgen Alzen. Der Betzdorfer bleibt mit der 2006 in Dienst gestellten “Little Nelly”, einem eigenhändig aufgebauten 997, in den Morgenstunden bei Breitscheid stehen. Die nüchterne Diagnose: Kolben durchgebrannt, dem Vernehmen nach ausgelöst durch den Regelzugriff der Traktionskontrolle ins Motorsteuergerät. Noch vor zwei Jahren hat er ein ähnliches Aggregat des Allgäuer Tuners Reinhold Schmirler über die Runden gebracht. Damals war es in einem Cayman installiert, der “Little Nelly” 2007 ablöste. 2008 folgte ein 911 turbo, der aber den Einschnitten im sportlichen Reglement zum Opfer fiel. “Turbinchen II” darf 2009 nur im Vorprogramm der 24 Stunden auftreten und dominiert standesgemäß. Drei Strategiewechsel in ebenso vielen Jahren haben der Kontinuität des Teams geschadet. Wenn andere ihr Konzept Schritt für Schritt weiterentwickeln, setzt Jürgen Alzen immer wieder neu an – mal Mittelmotor, mal Sauger, mal Zehnzylinder, mal Doppellader. Dabei überrascht Startfahrer Christian Menzel mit erfrischendem Tempo und Rang sieben nach der ersten Stunde. Gleichzeitig demonstriert jedoch der ebenfalls in der “Specials”-Kategorie SP7 startende Wochenspiegel-997 GT3 MR, wo der Hammer inzwischen hängt. Manthey-Schüler Martin Ragginger peitscht das auf 460 PS limitierte Vierliter-Exemplar zeitweise bis auf den zweiten Rang nach vorn. Als der Motor eingeht, beginnt für die Truppe um Georg Weiss ein langer Leidensweg, an dessen End- und Tiefpunkt eine Kollision mit der einzigen Dodge Viper im Feld steht.

Die setzt aber nicht, wie erwartet, Zakspeed ein, am Steuer sitzen auch keine Profis wie Sascha Bert. Der lässt sich nämlich von Uwe Alzen für den “Music Monster” getauften 997 GT3 Cup verpflichten. Der ehemalige Porsche-Werksfahrer – 1998 mit dem GT1 Zweiter in Le Mans – feiert seinen Einstand als Teamchef. Die Entscheidung, eigene Wege zu gehen, fällt sechs Wochen vor der Eifel-Hatz. Alzen zieht sein Projekt eisern durch und formiert eine schlagkräftige Mannschaft. Alfred Herberth, sein Meistermacher im Carrera Cup 2007, verstärkt Alzens Personal mit eigenen Mitarbeitern. Neben Sascha Bert und Uwe Alzen besetzten Christopher Mies und Ex-Werksjunior Lance David Arnold die Fahrerplätze. Um 40 PS Leistungsnachteil gegenüber einem 997 Cup S auszugleichen, legt sich das Quartett eine geradlinige Marschrichtung zurecht: so wenige Boxenstopps wie eben möglich – auch wegen der künstlich verlängerten Tankzeit. 14 Mal steht das “Music Monster”, um Reifen zu wechseln und betankt zu werden. Mit Ablauf der ersten Rennstunde liegen Alzen/Bert/Mies/Arnold bereits auf Rang neun, 23 Stunden später sind sie sensationelle Vierte und drittbeste Porsche-Equipe. Diese Leistung beendet die Ära der gut situierten Gelegenheits-Rennfahrer, die dank einer Mietzahlung bei den Spitzenteams unterkommen. Ganz vorne können sich nur noch Vollblut-Sportler behaupten, die ihr Material zu hundert Prozent einzusetzen wissen. Vorbei sind die Zeiten, als ein begabter Pilot zwei oder drei schwächere Kollegen mitziehen konnte. Die Luft ist dünn geworden. Nach Zufallsprinzip zusammen gewürftelte Fahr-Gemeinschafen, an Rennoveralls in unterschiedlichsten Schnittformen und Farben zu erkennen, sind kaum noch anzutreffen. Wer Erfolg haben will, muss mindestens ein halbes Jahr vorher planen, um die Akteure miteinander vertraut zu machen. Oder verdammt gut sein.

Olaf Manthey hat das verinnerlicht: Seine RSR-Piloten Marc Lieb, Timo Bernhard, Romain Dumas und Marcel TIemann sind seit 2007 an sämtlichen Triumphfahrten beteiligt. Bernhard und Tiemann gehören bereits 2006 zur Gipfelmannschaft, als die Erfolgsserie ihren Lauf nimmt. Damals sind auch Lucas Luhr und Mike Rockenfeller, Absolventen des Porsche-eigenen Förderprogramms, dabei. Beide wandern 2007 mit Blick auf einen Prototypen-Einsatz bei den 24 Stunden von Le Mans zu Audi ab. Nicht einmal die unpopuläre Durchflussregelung bei den Tankstopps hat den grün-gelben Manthey-Porsche hinter die vier vom Reglement begünstigten Audi R8 LMS zwingen können. 235.000 Zuschauer verfolgen das Spektakel draußen an der Nürburgring-Nordschleife – eine selten dagewesene Kulisse. In Zeiten der Wirtschaftskrise sind sie Zeugen eines 24-Stunden-Klassikers. Denn die Geschichte, die dieses Rennen 2009 schreibt, hat sich in der Eifel vor 21 Jahren schon einmal zugetragen. Politische Schachzüge eines Autoherstellers können die Kräfteverhältnisse wieder nicht zurechtrücken. Hatten wir das 1988 nicht alles schon einmal?

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