Am 8. Juni 2023 feierte der BILSTER BERG, der erste Rennstrecken-Neubau im Westen Deutschlands seit über 80 Jahren, sein zehnjähriges Betriebsjubiläum – ein Grund zur Freude. Wenig später, am 17. Juni 2023, kam es dort zu einer außergewöhnlichen Premiere. Zwar gehörte das „6. Aircooled Race“ nicht zu den offiziellen Feierlichkeiten, es setzte dennoch ein Ausrufezeichen. Denn erstmals trafen sich die Freunde der luftgekühlten Käfer-Kultur und ihrer nahen Anverwandten an Europas schönster Test- und Präsentations-Rennstrecke, um einen sportlich aktiven Fahrerlebnis-Tag miteinander zu verbringen. Auch wenn es sich um gar kein Rennen im ureigentlichen Sinne handelte: Das große Krabbeln auf den 4,2 Kilometern verdient eine Nachbetrachtung – denn der Urahn des Neunelfers von Porsche lebt, und wie: 500 Menschen vor Ort wollten sich das bunte Treiben nicht entgehen lassen.
Das große Krabbeln: eine Nachbetrachtung
Das „6. Aircooled Race“, erstmals am BILSTER BERG ausgetragen, passte hervorragend zu den Jubiläums-Feierlichkeiten der nunmehr zehn Jahre jungen Test- und Präsentations-Rennstrecke.
Samstag, 17. Juni 2023, BILSTER BERG. Vor ein paar Tagen erst ist die 4,2 Kilometer lange Rennstrecke, die in ihrer offiziellen Lesart eine Test- und Präsentations-Rennstrecke ist, zehn Jahre jung geworden. Die feierliche Eröffnung mit allerlei Prominenz aus Sport und Gesellschaft fand am 1. Juni 2013 statt. Dem waren eine fast sieben Jahre lange Planungs- und Genehmigungsphase und eine Bauzeit von knapp 20 Monaten vorausgegangen. Die erste neue Rundstrecke im Westen Deutschlands seit mehr als 80 Jahren etablierte und entwickelte sich – nicht zuletzt dank ihrer immer wieder herausfordernden Topografie ähnlich der Nürburgring-Nordschleife in der Eifel. Die absolute Höhendifferenz auf der Gesamtlänge beträgt 72 Meter, das größte Gefälle beträgt 26 Prozent, die größte Steigung 21 Prozent. Der Höhenunterschied je laufendem Kilometer: immerhin 17 Meter. 19 Kurven durchmessen das Ensemble aus parkähnlicher Landschaft und gehobenem Sportstätten-Ambiente. Es ist nicht einfach, eine Runde optimal zu treffen und die Zwei-Minuten-Schallgrenze deutlich zu unterschreiten. Der in vielerlei Hinsicht große Walter Röhrl hat einst am Layout der Anlage mitgewirkt und dabei unverkennbare Spuren hinterlassen.
Universelle Könner am Volant sind gefragt und immer wieder aufs neue gefordert – auch am dritten Samstag im Juni des Jubiläumsjahres 2023. Doch während bei manch anderen Anlässen am BILSTER BERG die hoch wirksame Aerodynamik – siehe 992 GT3 RS – auch bei instabilen Fahrzuständen ausreichend Anpressdruck zu bieten verspricht, haben 80 Liebhaber des luftgekühlten VW Käfer am 17. Juni von all dem nichts zu erwarten. Kugelrund und in den meisten Fällen auch Spoiler-los sind ihre oft über viel Jahre hinweg hergerichteten Renner. Da drückt kein aktives Flügelwerk die Fuhre zu Boden, wenn es draußen auf der Strecke einmal grenzwertig wird. Das wissen die Aktiven, und darum achten sie eher beiläufig auf ihre Rundenzeiten. Ihnen geht es vielmehr um den Spaß, um die Gemeinschaft, das gesellige Miteinander – einfach um einen schönen Tag in passender Umgebung. Nach den fünf bisherigen Veranstaltungen in Meppen ist ihr „Airccoled Race“, das bei genauerer Betrachtung gar kein Rennen ist, an den BILSTER BERG umgezogen. Berührungsängste kennt die Szene nicht, im Gegenteil: Da werden über einen Online-Shop im Vorfeld Tageskarten verkauft, bis das Kontingent lange vor dem Termin bereits erschöpft ist, da werden die Teilnehmer über eine Gruppenseite im sozialen Netzwerk „Facebook“ angesprochen – und da gibt es auch eine Schlüsselperson, sozusagen einen Klaus Morhammer der Neuzeit. Der umtriebige Bayer war einst der Schöpfer des Käfer-Cups in den frühen neunziger Jahren, und einige Originalfahrzeuge aus alter Zeit sind ebenfalls vor Ort.
Ein besonderer Nimbus eilt diesen rollenden Relikten voraus. Es heißt, zwischen ihnen und den nachträglich auf einem Serien-Käfer aufgebauten Sportfahrzeugen bestünde eine nicht ganz ernstzunehmende Rivalität. Beim ersten Rundgang durch das untere Fahrerlager am BILSTER BERG wird indes deutlich, dass das alles Blödsinn ist. Einträchtig stehen sie nebeneinander, sie haben ihre Zelte mitgebracht, ihren halben Hausstand und der eine oder andere (semi-)gewerbliche Aussteller auch einen ob seiner Beladung scheinbar ächzenden Tapeziertisch. Es geht zu wie bei einem Treffen der VW-Szene in den anbrechenden neunziger Jahren: bunt, volkstümlich, sogar ein bisschen rebellisch. Mittendrin ruht die Schlüsselperson, die Bochumer Antwort auf den „Morhammer Klaus“ aus Bayern: der „Ruppi“. Eigentlich heißt er ja Andreas Ruppert, was an den Seitenfenstern seines mitgebrachten Rennkäfers im Orangerot leicht abzulesen ist. Seit dem Erwerb des Führerscheins besitzt er ihn schon, seinen ganzen Stolz auf Rädern, der auch an diesem Samstag zum Einsatz kommt. Dabei ist Ruppert der organisatorische Kopf des „6. Aircooled Race“, er kümmert sich um alles und um jeden, sogar eigens eingeflogene Gäste aus Australien begrüßt er per Handschlag. Nur Filmkameras mag er nicht so gerne, er nimmt sich selbst eben weniger wichtig als den Käfer, dessen Flanken ein bekannter Name ziert: Gerd Tafel. Der PS-Tüftler aus Herdecke an der Ruhr prägte mit seinen Käfer-Varianten den Beschleunigungssport, sprich: das Dragracing der achtziger und der neunziger Jahre.
Auf Gerd Tafels Internet-Seite sieht man einen silbernen Käfer mit abgehobener Frontpartie, so sehr schiebt der Vierzylinder-Boxer im Heck an. Ganz so wild treibt es sein Freund und Kunde, der „Ruppi“ dann zwar nicht. Sein eigenhändig immer weiter entwickelter Käfer ist dennoch ein veritables Sportgerät voller moderner Technik auf dem Kommandostand, das zeigt eine Sitzprobe in einer der Boxenhallen. Währenddessen zieht draußen auf der Stecke eine Formation nach der anderen ihre Bahn: Aufgereiht wie an einer langen Perlenschnur, werfen sich Käfer und Anverwandte in die Kurven, ohne sich dabei zu nahe zu kommen. Die Zahl der Gelbphasen ist geringer als bei vergleichbaren Anlässen, man geht betont fair miteinander um und ist sich womöglich auch der Tatsache bewusst, dass oft genug jahrelanges Bemühen hinter jedem einzelnen Luftheuler steht. Auch ein VW Typ 2 T1, die ab 1967 produzierte zweite Generation der VW-Bus-Reihe von Volkswagen, ist dabei. Der „Bulli“ geht das Tempo locker mit und zieht die Blicke auf sich. Und als wäre das Ganze nicht schon Porsche-affin genug, mischen auch zwei 914/4 mit – ganz abgesehen von dem einen oder anderen Neunelfer-Motor im Käfer-Heck. Ein solches Derivat hat Ingo Brinkmann aus Bielefeld-Ummeln mitgebracht: mit seinem Rennen fahrenden Sohn Manuel Brinkmann ein alter Hase im Käfer-Geschäft, der schon lange mit seinem dunkelblauen Gefährt flott unterwegs ist – und das nicht nur am BILSTER BERG, sondern bei aller Umsicht auch im Alltagsverkehr.
Schließlich ist bereits die Anreise durch den reizvollen Teutoburger Wald, vorbei am Hermannsdenkmal, den Externsteinen und dem 464 Meter hohen Velmerstot, ein Erlebnis für sich. Baut man auf dem Rückweg noch den Altenbekener Viadukt in die Route ein, haben viele der touristischen Glanzlichter im Land des Hermann am Wegesrand gelegen – und damit noch einmal zurück zum BILSTER BERG, dem Jubilar mit nun zehnjähriger Historie! Seine Lage macht ihn einzigartig und zeichnet ihn im Vergleich mit so manch anderer Anlage aus. Aber nicht nur das. Es sind die vielen Menschen am Berg, die Bergmenschen, die das Leben auf und abseits der Piste ausmachen. Die meisten von ihnen sind im BBOC organisiert, dem BILSTER BERG Owners Club. Auch Dirk gehört zu ihnen, ein leidenschaftlicher Fahrer und Sammler eines anderen Volkswagen-Typs, des Golf GTI TCR. Letzteres steht für „Touring Car Racing“, einer mindestens 350 PS leistenden Rennausführung – allerdings einer mit Wasserkühlung. Darum darf er beim „6. Aircooled Race“ auch nicht mitfahren. Seinen Spaß hat der Sauerländer trotzdem. Mit Freunden macht er es sich am „Clubhaus S“, einer technisch besonders anspruchsvollen Passage, gemütlich und schaut dem großen Krabbeln mit fast schon juveniler Begeisterung zu. „Da, schau mal – so einen hatte ich auch!“, jauchzt der Unternehmer und freut sich: „Ist ja richtig was los heute an unserem Berg!“ Geht es nach dem Willen aller Beteiligten, wird es auch im kommenden Jahr wieder ein „Aircooled Race“ auf den 4,2 Kilometern bei Bad Driburg geben – und das ist gut so.
Verantwortlich für Inhalt und Fotografie: netzwerkeins GmbH; Carsten Krome








6. Aircooled Race Weekend | das große Krabbeln | erstmals am BILSTER BERG – Cars and Faces #02.2023.
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