Dass es in der Motorsportwelt ausschließlich um Geld, noch mehr Geld und Sekundenbruchteile geht, ist ein hartnäckig verwaltetes Gerücht. Das fünfte diesjährige Event-Wochenende der Rennsportserie „DMV GTC“ war eine Kampfansage an solche Stereotype. Livestream-Presenter Carsten Krome erlebte seinen Einsatz in Norditalien – es ging nach Monza in die Lombardei – als eine Kulturreise. 200 Kilometer vor und nach dem Ziel erlebte er Bergzauber in einer überraschenden Intensität. Sein neuer Blog-Beitrag gilt vor allem einer Frage: Geht es (Erfolgs-)Menschen wirklich nur darum, auch in ihrer Freizeit zu siegen – egal, wo und wie? Sind sie am Ende süchtig danach? Oder geht es auch um andere Erlebniswerte – so wie an den letzten Tagen im Juni 2018 beim Peroni Race Weekend im Königlichen Park?

Eine Oase der Ruhe auf 2.091 Metern über dem Meer: Passhöhe des Sankt Gotthard oder San Gottardo, der Nord-Süd-Verbindung von der Schweiz nach Italien; Fotografie: Sylvia Pietzko, Netzwerkeins

Es ist Sonntag, der erste Tag im Juli 2018. Heute vor einem Jahr habe ich zusammen mit der 78-jährigen Sportreporter-Legende Rainer Braun, meinem großen Vorbild, gemeinsam am Mikrofon gesessen. Zum ersten Mal überhaupt. Der Anlass: das Gastspiel der Rennsportserie „Tourenwagen Classics“ im Vorprogramm der heutigen DTM auf dem Norisring, inmitten der Stadt Nürnberg. Zwei weitere Mal pilgere ich anschließend in die Franken-Metropole, um des Ereignisses zu gedenken, und Konsequenzen hat der Auftritt vor annähernd 100.000 Menschen schlussendlich auch. Am 19. März 2018 verpflichten mich die Chefs gleich zweier Motorsport-Formate, mit ihnen neue Wege zu gehen. Livestream-Übertragungen soll oder darf ich kommentieren, neben den „Tourenwagen Classics“ ruft auch der DMV GTC mit dem DUNLOP 60 als einstündiger Langstreckenprüfung. Als Drahtzieher im Hintergrund agiert Lars Zander, der mit seinem Projekt 3D Race Log die technische Umsetzung beider Rennserien übernimmt und den entscheidenden Impuls gibt. Seine Losung lautet: We go live!

Auf den doppelten Einsatz eingestellt bin ich nicht – und dafür eigentlich auch viel zu alt. Mit 23 Jahren habe ich zuletzt zwei Rennsportserien zugleich begleitet, 1990 war das. Doch die Herausforderung, die Zukunft des Motorsport-Broadcastings mitzugestalten, ist größer als jeder Vorbehalt. 2013 ist das nicht anders, als ich im Auftrag der Telekom Deutschland GmbH beim Jochpass Oldtimer Memorial eine der ersten Livestream-Übertragungen in den Fokus der allgemeinen Wahrnehmung bringen darf. Es ist die ungleich preisgünstigere Alternative zur Übertragung im Fernsehen, ein bisschen subversiv und damit schon von vornherein gut. Die Technologie, sie kommt aus der US-amerikanischen NASCAR-Serie, wird in 1.000 Metern Meereshöhe auf der „Kanzel“ der alten Frächterstraße mit ihren 107 Kurven hoch über dem Allgäu aufgebaut. Da es vor Ort keinen Strom gibt, sind Ortskenntnisse gefragt. Ich rate dazu, den Kiosk in Sichtweite der Aussichtsterrasse anzuzapfen. Und so können wir die ersten Live-Bilder senden – aus einer einzigen Kurve zwar, dennoch ist es ein gänzlich unbekannter Service. Er korrespondiert mit einer eigens dafür geschriebenen App, die die exakte Position bestimmter Fahrzeuge in Echtzeit anzeigt. Ein Slogan fällt mir zu, fast wie von selbst: „Jeder kann mitfahren. Online. In HD-Qualität.“

Fünf Jahre später nehme ich den Faden wieder auf, mit einigem Sicherheitsabstand vom „Stresslevel-Monitoring“, das zwischenzeitlich in der Hocheifel praktiziert worden ist. An den Rennsportserien DMV GTC und DUNLOP 60 reizt mich vieles: tolles Starterfeld, wertschätzende Organisation, spannende Termine – eine kleine, heimliche Europameisterschaft. 1997, in der FIA-GT-Meisterschaft, bin ich für das Schweizer Wochenblatt „Motorsport aktuell“ um die halbe Welt gefahren, bin als der deutsche Journalist mit den meisten Auslandseinsätzen identifiziert worden, habe mir von einem schwäbischen Autohersteller mitten im Fahrerlager von Mugello die Formel-1-Frage stellen lassen, habe dankend abgelehnt – und trotzdem bis heute Gefallen am Unterwegssein. Ralph Monschauer, der gemeinsam mit seiner Frau Lena sowohl DMV GTC als auch DUNLOP 60 organisiert, greift all das auf. Am 7. Oktober 2017 erhalte ich urplötzlich die Chance, mit nachweislich weniger als zehn Minuten Vorbereitungszeit, das Einstunden-Rennen des DUNLOP 60 auf dem Hockenheimring im Livestream zu kommentieren. Jan Wolber, Toningenieur bei 3D Race Log, sagt unvermittelt: „Komm Du mal mit!“, und so tapse ich hinter ihm her. Er, der einen Kopf größer ist als ich, hätte mich im Tunnel unter der Rennstrecke auch abmurksen können. Aber das passiert nicht. Über den Bildschirm des provisorisch eingerichteten TV-Studios gleitet Sekunden vor dem Grünen Licht der Halbsatz: „We go live“ – da war doch was?! Dieses Mantra, es wird zu meiner Passion, zu meiner Leidenschaft. Wenn ich das Headset auf dem Kopf habe, öffnen sich ein bis zwei Türen. Dann bin ich im Moment.

Am 19. März 2018 sage ich zu, weil ich ganz einfach Lust habe. Einige Wochen später, im Fahrerlager des Hockenheimrings schließlich angekommen, treffe ich Menschen, denen es so geht wie mir – jedem auf seine Weise. Ja, es stimmt schon: Gänzlich mittellose Idealisten, Spinner, sind im ehemaligen, 1990 aus der Taufe gehobenen „Hockenheim Cup“ nicht mehr vertreten. Doch auch bei 20 GT3-Fahrzeugen lautet die Losung: „Value for money“. Wer hier mitfährt, ist nicht bereit, für noch viel mehr Geld in der „Blancpain“-Meisterschaft um 35. Plätze zu fahren – oder bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps einer von 60 GT3-Kunden zu sein. Für die Cup-Klassen gilt dasselbe: Einen neuen Porsche 911 GT3 Cup Mk2 muss man nicht zwingend im überhart umkämpften Carrera Cup mitlaufen lassen – ebensowenig einen TCR-Tourenwagen in den einschlägigen Crash-Formaten. „Unsere Serie“, charakterisieren Ralph und Lena Monschauer ihre 2014 übernommene Veranstaltungsreihe, in der es um den alten, den guten Geist des Motorsports geht. Auch wenn es hin und wieder zünftig kracht unter all den Alpha-Tieren in dee feuerfesten Rennwäsche, genauso zünftig sitzen sie nach (verbal) geschlagener Schlacht beieinander. Bei Bier und Brezel – und in Italien eben bei all den Gaben der mediterranen Kulinarik.

Nach zwei oder drei heißen Renntagen ins 40 Kilometer entfernte Lecco am Comer See, den Zikaden in den Bäumen lauschen, vorbei an schattigen Trattorias schlendern – das gibt es nur in Monza, und alle wollen anfangs dorthin, nach Norditalien, in die Lombardei, wenige Kilometer von Mailand entfernt. Die mehr als 900 Kilometer lange Reiseroute markiert zwei Stunden vor dem Ziel eine Schlüsselstelle der Alpintouristik, die 2.091 Meter über dem Meer gelegene Passhöhe des Sankt Gotthard im Schweizer Kanton Uri. Die Witterung ist in dieser hochalpinen Gegend ausschlaggebend. Donnerstags kann es kalt, neblig und windig sein, am Sonntag kann bei offenem Himmel schon wieder die Sonne strahlen. Dann breitet sich ein Bergzauber aus, der zu einer Transitroute nicht so recht passen will – im positiven Sinne. Ein regionaler Förderverein richtet bei unkritischer Wetterlage regelmäßig Passmärkte aus, die die Bio-Produkte heimischer Kleinstbetriebe mit sphärischem Wohlklang verbinden. Da steht zwischen allerlei Grillgut und berglerisch-schlichtem Kunsthandwerk ein rotblonder Mann mit seinem Saiteninstrument, ganz unaufdringlich, fast einen Schritt zu weit nach hinten versetzt.

Einem ohne Korpus gerade nach unten gezogenen, langen Griffbrett entlockt er einen Glockenklang, der das gesamte Hochplateau erfüllt. Nein – er erfüllt es nicht, er verzaubert es. Das ist Bergzauber in einer sehr urtümlichen Weise, die fast alle von uns in unseren Herzen tragen, die wir mit unseren Eltern nur einziges Mal in die Sommerfrische gereist sind. Damals, als wir Kinder waren. Der Passmarkt hoch oben am San Gottardo – so nennt die italienische Fraktion ihren Sankt Gotthard – ist ein Gegenentwurf zum harten, lauten Rennbetrieb, auch zum Erheben meiner Mikrofon-Stimme, wann immer Rennen sich entscheiden im DMV GTC, im DUNLOP 60, auch bei den Tourenwagen Classics. Eine Viertelmillion ist 2018 während einer einzigen Livestream-Übertragung bereits erreicht worden und ich frage mich, mit einer Bratwurst auf der Hand, ob die wohl alle auf diese Passhöhe zwischen historischem Hospiz und Gotthardsee passen würden.  Wahrscheinlich nicht, und das macht die Größe des Ganzen deutlich. 2013 ist ein neuer Weg begangen worden – hier in den Bergen, etwas weiter im Nordosten, am Jochpass in den Allgäuer Alpen. Das Bild, das jeder mitfahren kann, online, in HD-Qualität, hat seine Fortsetzung gefunden. Für lange Zeit hat es nicht danach ausgesehen.

Der Mandolinenspieler vom Sankt Gotthard – ich nenne ihn wider besseren Wissens einfach so – legt sein Instrument pünktlich um vier Uhr nachmittags zur Seite. Doch sein Wohlklang, der schwingt noch lange weiter. So ist das auch mit den guten Gedanken, die uns zu neuen Wegen führen, die Berge in uns versetzen. Sie bleiben bestehen, auch wenn sie zwischenzeitlich mitgenommen und deformiert werden zu wenig Geistreichem wie dem „Stresslevel-Monitoring“. Ralph und Lena Monschauer werden so etwas nicht zulassen, nur darum gehe ich an ihrer Seite meinen Weg weiter. Sie haben eine genaue Auffassung von dem, was (Kunden-)Motorsport in seiner Ursprungsform sein muss: echt, einfach, authentisch, klar strukturiert. Darin lassen sie sich nicht beirren, und das ist der gemeinsame Nenner mit den Menschen oben auf dem Sankt Gotthard. Niemand von ihnen würde sich von Wechselwählern vorschreiben lassen, wie sie zu sein haben, nicht einmal in der Erwartung all der Segnungen, die „Marketing-Manager“ (ich vergesse diesen Terminus gleich wieder) zu versprechen pflegen. Vor der meist budgetär legitimierten Deformation. Nein, das alles geht nicht. Weder im Fahrerlager von Monza noch 200 Kilometer weiter nördlich unter dem Saum hoher Gipfel, inmitten wild zerklüfteten Gesteins.

Wer diese Reise nach Monza, so weit sie auch gewesen sein mag, nicht unternommen hat, der oder die hat definitiv etwas verpasst! Nicht nur die Formel-1-kompatible Anlage im Königlichen Park, das Flair, die Kulinarik, die Hotellerie, die Kombinationsmöglichkeiten im Radius von 50 Kilometern, das hohe organisatorische Niveau, die Reibungslosigkeit sämtlicher Abläufe – das alles hat nicht überzeugt, das alles hat beeindruckt. Und eben der Transfer durch die Schweiz. Ja, es mag stimmen: Eine Pizza ist im Land der Eidgenossen teurer als in Norditalien, und in der Hocheifel ist man, von der Mitte Deutschlands aus betrachtet, auch etwas eher. Aber kommt es darauf an? Man(n) muss kein bekennender Hedonist sein, um sich zu fragen, ob beides miteinander zu vergleichen ist. Vielleicht sollten diejenigen, die sich diesen Trip gespart haben, im kommenden Jahr einfach ein paar (Reise-)Tage mehr einplanen, ich werde es ganz sicher tun und mir obendrein einen Abstecher zu meinem Traumberg gönnen. Oben auf dem Gotthard war das Matterhorn – ich habe es noch nie gesehen – nur eine zweistellige Kilometerzahl weit entfernt. Die Zeit war nicht reif für das „Horu“ und mich, aber ich hole das nach und werfe denjenigen, die Fahrzeit auf der Rennstrecke und Reisezeit zur Rennstrecke in Relation bringen wollen, einen letzten, gut gemeinten Denkanstoß zu: kalkulatorische Relevanz.

Da gibt es (Erfolgs-)Menschen, die wollen lieber siegen als mit demselben Budget und demselben Auto bestenfalls 35. zu werden. Gut so. Und: Schmecken Erfolge in einem besonderen Rahmen nicht anders, süßer, als dort, wo schon alle anderen sind? Nach dem Konzept der heimlichen Europameisterschaft, die der DMV GTC im Paket mit dem Dunlop 60 zumindest in meiner Wahrnehmung ist, funktionieren auch der Bilster Berg und Events wie Precisely White. Es kommt auf das Gesamtbild an, auf das Drumherum, und nicht bloß auf stumpfes Zehntelsekunden-Bashing. Für mich waren in Monza diejenigen, die genau das verstanden haben – und es waren großartige Rennen, die großartige Bilder lieferten. Sechsmal bin ich an diesem Wochenende live gewesen, auf Sendung, mit sechs verschiedenen Studiogästen. Wir haben die Qualität einer Fernsehübertragung erreicht, zu einem mikroskopisch kleinen Teil der dort üblichen Etats. Und warum das Ganze? Weil der Rahmen ganz einfach passt, und die Sache wird wachsen. In den Startlöchern steht einer der berühmtesten Porsche-Rennställe, geführt von einem klugen Kopf aus Köln. Er musste nicht lange überzeugt werden. Denn auch er weiß: Klienten, die im Wortsinn über den Berg kommen, haben ihre eigene Auffassung von kalkulatorischer Relevanz. Und das ist richtig so. Schon 1995 hieß meine erste große Reportage in „rallye racing“: „Siegen ist ihr Hobby“. Ich hatte mir diese Geschichte, in diesem Monatsblatt, seit 1976 gewünscht. Daran hat sich – Gott sei Dank – nichts geändert.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome