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© Carsten Krome Netzwerkeins

Woran erkennt man ein erfolgreiches Engagement als Sponsor im Motorsport? Mögliche Antworten wären zahlreich zu nennen, doch die wesentlichste muss lauten: an der Langzeitwirkung über das eigentliche Projekt hinaus. Was für Porsche die blau-weißen Rothmans-956 sind und waren, ist für BMW das Erbe der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM). Anfang der Neunziger brachte eine niederrheinische Altbier-Brauerei ihre Hausfarben Grün und Gold in die Tourenwagen-Bundesliga mit ein. Bis zum heutigen Tag profitiert sie vom damals gewonnenen Image. Das weiß auch Carsten Krome. Denn der war 2001 nicht nur Gründungsmitglied der BMW-SCENE-LIVE-Redaktion. Elf Jahre zuvor gehörte er bis zum 23. April 1990 dem MM-Diebels-Team an. Hier ist sein Rückblick auf Grün-Goldene Zeiten.

Wer kennt heute noch Lisa Stansfield? Zu Beginn der Neunziger genießt die brünette Lady den Status einer Pop-Queen. Einer ihrer Erfolgstitel: „You are poison!“, auf Deutsch: „Du bist Gift!“ Günter Murmann gilt zu jener Zeit als einer ihrer größten Fans. Als der damals 36-Jährige Vater einer Tochter wird, tauft er sie kurzerhand auf denselben Vornamen – Lisa. Vielleicht ein Omen. Denn Britanniens Sangeskünstlerin und den Rennstallbesitzer aus München-Trudering verbindet eine merkwürdige Gemeinsamkeit: Sie sind allzu plötzlich wieder verschwunden. Bis zu ihrem Abgang prägen sie die Schlagzeilen, letztgenannter in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM).

Murmann ist das Kunststück gelungen, einen Finanzier für zwei semi-private BMW M3 E30 ausfindig zu machen: die niederrheinische Brauerei Diebels. Der Herausgeber eines Brauereien-Branchendienstes hat den entscheidenden Kontakt zwischen München-Erding und dem Diebels-Stammhaus in Issum hergestellt. Der Rest ist Formsache, und das Echo in der Region ist gewaltig. „Wir werden siegen!“, freuen sich die Mitarbeiter mit ihren Nachbarn. Doch ganz so einfach will sich diese Vorstellung nicht verwirklichen lassen. Denn es sind hochoffizielle Werksteams, die in Deutschlands Tourenwagen-Bundesliga den Ton angeben. BMW vertreibt das eigene Einsatzfahrzeug, den Ende 1989 neu erschienenen M3 Sport Evo, auch an Kundenteams.

Doch was identisch aussieht, zeigt unter der äußeren Hülle kleine, aber rennentscheidende Unterschiede. Alternative Technologien treten ihren Vormarsch an, darunter ein bis zuletzt für undenkbar gehaltenes ABS-System. Spitzenfahrern beschert diese Entwicklung ein Zeitguthaben von bis zu einer halben Sekunde. Pro Runde, wohlgemerkt. Semi-Profis wie Günter Murmann stehen solche Errungenschaften erst einmal nicht zur Verfügung. Das muss Diebels-Vorstand Hans-Joachim Weiss schon früh erkennen. Für die Premierensaison 1990 definiert der Top-Manager eher vorsichtige Ziele: „Wenn wir am Ende des Jahres unter den ersten Zehn sind, wäre das ein ganz toller Erfolg!“

Um es vorwegzunehmen: Seine Einschätzung stimmt bis auf einen Rang – zu seinen Gunsten. Dies ist zwei Leistungsträgern zu verdanken: Frank Schmickler und Johann Randlinger. Der eine steigt etwas verspätet als Vertragspilot ein, der andere zaubert in seiner Freiburger Werkstatt Wundermotoren herbei. Deren Hauptvorteil: angeblich extrem leichte Kolben eines Lieferanten aus der Motorrad-Industrie. Auf der Berliner Avus beweist das Paket seine Schlagkraft. Die langen Vollgaspassagen begünstigen den drehwilligen Vierzylinder und lassen Frank Schmickler Kontakt zum Führungstrio halten. Nach 102,48 Rennkilometern darf sich der Kölner bei seinem Einstand über Position vier freuen.

Zuhause am Niederrhein frohlockt die Diebels-Hauspresse: „Der Joker sticht!“ Prompt nehmen Insider den Kolben-Trick ins Visier. Denn auf dem ähnlich angelegten Flugplatzkurs bei Wunstorf mischt „Schmicki“ während des Zeittrainings abermals an der Spitze mit. Das MM-Diebels-Team bilanziert den neunten Schlussrang in der Mannschaftswertung. Doch der Fall Murmann ist damit nicht vom Tisch. Das zeigt sich im zweiten Jahr des Engagements. Strategisch klug zieht Grün-Gold BMW-Fahrensmann Christian Danner an Land und hofft auf einen Sonderstatus bei der Ersatzteilversorgung. Doch das Gegenteil tritt ein: Die umstrittenen Spezialkolben stehen nun sämtlichen BMW M3 zur Verfügung, das begehrte ABS-System erhalten indes ausschließlich Werksteams. Der Abstand zu den privaten Equipen wächst. Danners PR-trächtiges Versprechen, „ab und zu auf das Siegerpodest“ fahren zu wollen, erweist sich als sehr ambitioniert. Ein sechster Platz in Zolder bleibt das Glanzlicht des einstigen Grand-Prix-Ligisten. Resignierend muss er bald feststellen: „Die lassen mich hier völlig verhungern!“

Und Frank Schmickler? Der scheint den aufkommenden Gegenwind gewittert zu haben, er verabschiedet sich in eins von insgesamt 27 zu vergebenden Cockpits eines Werkswagens und geht zu Opel. An seiner Stelle kommt Otto Rensing an Bord. Dessen Gemeinsamkeit mit dem Vorgänger: Wie Schmickler entstammt er der Formel 3, wo Michael Schumacher herzhaft aufgeräumt hat. Wahrscheinlich könnte nicht einmal der Kerpener aus eigener Kraft mit einem Privatteam in die Punkteränge vorrücken. Denn ohne Hersteller im Rücken geht auf einmal gar nichts mehr. Die Budgets ufern aus. Da sind gute, solide Geldgeber sogar bei Daimler-Benz gern gesehen. Als Diebels zur Essen Motorshow 1991 die neu geschlossene Ehe mit Zakspeed-Mercedes verkündet, hält sich die Anteilnahme in Grenzen. Fortan glänzen zwei Mercedes 190 E 2,5-16 in Grün und Gold.

Günter Murmann ist sich selbst überlassen. Niemand ahnt, dass er Ende 1992 mit unbekanntem Ziel verreisen und erst 1994 wieder auftauchen wird – als ein südafrikanischer Pelzhändler. Später macht er sich rar in Deutschlands Fahrerlagern. Mit wenigen Ausnahmen: Im Jahr 2000, bei der Premiere der neuen DTM auf dem Hockenheimring, zeigt sich Günter Murmann weltläufig wie eh und je. Sein Kurz-Comeback wird nur mäßig beachtet. Auf einem iberischen Eiland vorübergehend sesshaft geworden, dealt er inzwischen mit Motoryachten. Sein Leben endet nach einem Herzinfarkt unter bizarren Umständen. Es gibt nicht immer ein nächstes Mal. Auch für die Privatbrauerei Diebels nicht, zu der das Konzept des Privatteams anfangs so gut passt. Nach zwei Spielzeiten als Partner von Zakspeed-Mercedes fällt mit Ablauf der DTM-Saison 1993 die Zielflagge. Das grün-goldene Farbschema ist BMW-Liebhabern bis heute ein Begriff geblieben.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

Fotografie: Joachim und Carsten Krome

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