Oschersleben, 20. September 1999: Der MLK-flash-Raceline-Vectra – im Volksmund als „Hash-Vectra“ verballhornt, niemand vermag das Logo von „flash OPEL SCENE International“ richtig zu entziffern – fährt unter Heinrich Symanzick unter die ersten Zehn und damit erstmals in die Punkte. Der Sauerländer Rennfahrer, ein Bär von einem Mann, bricht hinter der Ziellinie schluchzend zusammen. „Endlich Früchte!“, stammelt er immer wieder. Noch hat er ein Rennen vor sich, es wird sein letztes sein, und er lebt diesen einen Moment. Schlussendlich ist dieser Augenblick die Quintessenz der Zeit mit „flash OPEL SCENE International“. Da haben sich Menschen aus bloßer Begeisterung für eine gemeinsame Sache zusammengetan und in vielerlei Hinsicht Großartiges auf die Beine gestellt!

Lesen Sie hier die ganze Geschichte, aufgeschrieben von Zeitzeuge Carsten Krome.

Ein medialer Dauerbrenner entsteht.

„Na, dann machen wir mal ein Opel-Magazin!“ Nein – ganz so einfach war es nicht, als der Hertener Medien-Entwickler Arno Rudolf Welke (43) im Spätsommer 1991 das erste Kapitel einer Erfolgsstory aufschlug. flash OPEL SCENE International entstand unter dem Eindruck von Manta-Witzen, Kino-Filmpremieren – und rivalisierenden Opel-Tunern auf der Nürburgring-Nordschleife. Carsten Krome, verantwortlicher Redakteur zur Gründerzeit, erinnert sich an die entscheidenden Wochen vor dem ersten Erscheinungstermin.

Prolog: „Bullenstärke sieben“ und andere wegweisende Beobachtungen.

Es ist ein ganz normaler Samstag im Sommer 1988. An einer Tankstelle in Moers am Niederrhein wird ein Kadett E Caravan gewienert. Dafür gibt es einen Grund. Den teilt Michael Hucks, der Pächter der Zapfanlage und gleichzeitig Besitzer des Opel, den Umstehenden allzu gern mit. „Heute ist Sommerfest beim Helmut!“, hebt er an und fügt wie selbstverständlich hinzu: „Da musste einfach mit!“ Aha!? Da außer dem Fahrersitz noch die vollständige Bestuhlung des Kadett zur Verfügung steht, findet sich nach dem Zufallsprinzip eine Fahrgemeinschaft. Es geht auf die Autobahn A42 in Richtung Oberhausen, und mit dem Gasometer in Sichtweite nach kurzem Aufwärmen aller Betriebsflüssigkeiten auch schon wieder herunter. An der Ausfahrt steht „Oberhausen-Buschhausen“ geschrieben, und auf einer Straße mit der Bezeichnung „Zum Eisenhammer“ stellt Michael Hucks den Motor ab. Für den Verkehr gilt dasselbe: Nichts geht mehr, weder vor noch zurück. Im Gewerbegebiet ist der Teufel los – Sommerfest bei Helmut eben, der mit Familiennamen Kissling heißt. Der Autolackierer, Nissan-Händler und Opel-Tuner in Personalunion hat seine Kunden eingeladen. Die sind dem Ruf gefolgt, und nun bestaunen sie einen elektronischen Bullen, der zur allgemeinen Belustigung aufgebaut worden ist. Der Oberhausener Rennfahrer Heinz-Friedrich „Bimbo“ Peil führt das Gerät vor – und hält sich so lange wie wacker im Sattel. Als er schließlich doch abgeworfen wird, wirbelt seine Minipli-Frisur entgegen der Fallrichtung gen Westen – ein Bild für die Götter. Eigentlich ist Heinz-Friedrich Peil mit einem Kissling-Kadett GSi 16V in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft, der DTM, unterwegs. Opel ist von Anfang an Mitgestalter der Tourenwagen-Bundesliga. Doch bis zum ersten Titelgewinn werden noch acht Jahre ins Land ziehen. Zurück nach Oberhausen, an den Eisenhammer! Es entspinnt sich ein kunterbunter Nachmittag, und eins ist allzu offensichtlich: Wer einen Opel fährt, ist selten allein! Jeder hier fährt einen, und dank Helmut Kissling einen mehr oder weniger konsequent leistungsgesteigerten. Das obere Ende ist bei 270 PS erreicht, die ein Sportmotor im Manta B freisetzt. Bis zu 30.000 D-Mark ist für ein maximal 2,7 Liter großes Aggregat zu veranschlagen – ungeachtet des Preises ist die Nachfrage riesig. Der Schluss liegt auf der Hand: Hier formiert sich eine Fangemeinde von ungeahntem Ausmaß. Und der fehlt ein Sprachrohr, ein Podium. Von Sonderausgaben einmal abgesehen, existiert am Zeitschriftenmarkt nichts Opel-Spezifisches. Bis auf weiteres bleibt es bei dieser Feststellung.

Kampf der Opel-Tuner: folgenreiche Scharmützel auf der Nürburgring-Nordschleife.

Sommer 1991: Das Erfolgsmodell der Saison heißt Kadett GSi 16V Gruppe N. Der seriennah gehaltene Renntourenwagen ist bereits ab 30.000 D-Mark zu erstehen und entsprechend weit verbreitet. Die führenden Opel-Tuner Kissling, Mantzel, Veytal/Sammer, Kreis sowie Mühlner setzen sie in Bataillonsstärke ein. Die bevorzugten Einsatzgebiete des „Sechzehnventilers“ sind die Deutsche Tourenwagen-Trophäe, kurz DTT, und der allseits beliebte Veedol-Langstreckenpokal Nürburgring, in Kurzform VLN. An zehn Samstagen im Jahr wird auf der urwüchsigen Nordschleife „Rackes“ gemacht, und das mit Autos in einer nirgendwo sonst gebotenen Bandbreite. Das Spektrum reicht vom Opel Corsa A mit 1.300 ccm bis hin zum brandaktuellen DTM-Omega 24 V in Evolutions-Ausführung mit Flügelwerk an Front und Heck. Ein ausgeklügeltes Reglement versucht, zwischen den einzelnen Kategorien eine Balance herzustellen. So fließt die Anzahl der jeweiligen Starter innerhalb einer Klasse in die Punktevergabe mit ein. Das System ist denkbar einfach: Je mehr Opponenten sich den Spaß leisten können, desto mehr Meisterschaftszähler werden gutgeschrieben. Die Konsequenz: Wer in der Jahres-Endabrechnung ein Wörtchen mitreden will, muss sich für eine stark frequentierte Wertungsgruppe, etwa die Gruppe N bis 2.000 ccm Hubraum, entscheiden.

Und genau diese Konstellation führt zu einer knallhart ausgefochtenen Partie zwischen zwei ehemaligen Geschäftspartnern. Helmut Kissling und Wolf-Dieter Mantzel sind auch nach ihrer Trennung Nachbarn geblieben. Beide haben ihre Betriebe in Oberhausen, in der derselben Straße: Zum Eisenhammer – dort also, wo drei Jahre zuvor der elektronische Bulle gewütet hat. Inzwischen ist der Kadett GSi 16V die Waffe der Wahl, und es geht hoch her. Im Veedol-Langstreckenpokal sind die Zwillingsbrüder Jürgen und Heinz-Otto Fritzsche die Titelverteidiger. Das Duo aus dem Bergischen Land startet für Mantzel und schickt sich an, die Krone in den Händen zu behalten. Doch da ist René Gassen aus Bad Münstereifel, der Herausforderer im Kissling-Kadett. Es geht um Zentimeter, es geht zur Sache, es geht ums Prestige. Am Ende setzen sich die Fritzsches noch einmal durch, nur zwölf Monate später werden sie zu Kissling abgewandert sein. Die Stimmung ist explosiv, und es liegt auf der Hand: Da fehlt nach wie vor ein Sprachrohr, ein Podium, ein Medium, um über all das zu berichten!

Heute ist es eine historisch begründete Tatsache: Der Zwist der Opel-Tuner gibt den Impuls, das ruhende Schubladenprojekt flash OPEL SCENE International anzugehen. Im August 1991 gibt der in Herten niedergelassene Marketing- und Medienentwickler Arno Rudolf Welke das Startzeichen. Es kann also losgehen, und plötzlich sind sogar die alten Streithähne einer Meinung. Helmut Kissling und Wolf-Dieter Mantzel kommentieren den Anschub unisono mit einem „Endlich“!

Die bunten Seiten des Opel-Lebens: von Eisdielen-Besitzern und ihren Breitbauten.

Dass es in einem Medium, das ausschließlich Opel-Enthusiasten gewidmet ist, nicht ausschließlich um Motorsport gehen soll, erklärt sich von selbst. Helmut Kisslings Sommerfest drei Jahre zuvor hat gezeigt, dass die Straßenszene vielfältig und voller Leben ist. Und wie das Leben so spielt, ergibt sich vieles (fast) von selbst. Auch wenn die nun folgende Geschichte unglaublich zu sein scheint: Der tägliche (Arbeits-)Weg von Moers ins 44 Kilometer entfernte flash-Redaktionsbüro nach Herten ist auch der Weg zur ersten Titelseite! Es ergibt sich zufällig. Die Route führt durch Moers-Meerbeck – am Eiscafé „Leonardo da Vinci“ vorbei. Auf dem Bürgersteig – sprich: Gehweg – parkt ein schwarzer, spektakulär verbreiterter Kadett E. Es stellt sich heraus, dass er Mansueto Busin, dem Betreiber der besagten Eisdiele, gehört. Die gespreizten Formen des Karosseriebauers Lenner sonnen sich im Licht des Spätsommers – dieser extreme Opel drängt sich für eine Fotoserie auf! Im Ladenlokal steht Mansueto Busin hinter der Theke – ein junger, freundlicher Italiener. Sofort ist er gesprächsbereit und verrät, dass ein Freund aus Eschwege einen ganz ähnlichen Breitbau sein Eigen nennt. Der Wagen sei allerdings in Rot gehalten. Und: Am kommenden Samstag, da fände in der Nähe von Köln in der Sporthalle einer Schule ein kleines Opel-Clubtreffen statt. Wieder einer dieser Zufälle – in der Domstadt steht ohnehin ein Termin an. Eingeladen hat die Kölner Familie Anielski, die unter ihrer (privaten) Firmierung „Edeltraut Tuning“ allerlei C-Kadetten modifiziert hat. „CQP“ ist als Typbezeichnung am Heck eines der Coupés zu lesen – Geheimcode einer netten, verschworenen Gemeinschaft, wie sich bald herausstellen wird. Am gleichen Abend lockt noch die Turnhalle, in der Mansueto Busins Über-Kadett ausgestellt wird. „Ich habe meinem Kumpel bescheid gesagt, morgen früh fahren wir nach Dortmund, zum Florianturm. Weist Du – da, wo die ganzen Flamingos sind.“ Ach so, da! – der nächste Tag bringt schönes Herbstwetter, und einen unvergesslichen Augenblick: zwei dicke Kadetten, einer schwarz, einer rot, aufwändig (…) vor dem Florianturm arrangiert. Es macht „Klick!“, einmal, zweimal, zehnmal – und das ist es, das erste Cover-Hauptmotiv! Es entsteht aus der Haltung heraus, dass die schönsten Blüten nur gedeihen können, wenn man sich einfach mal treiben lässt.

Zur Essen Motor Show liefert die Druckerei die ersten 6.000 Exemplare an. Die Titelseite kündet von dem, was sich in den zurückliegenden Wochen tatsächlich ereignet hat. Sie ist kein Kunstprodukt, kein aus der Theorie heraus erdachtes Werk. Wahrscheinlich macht das den Erfolg der Pilotausgabe von flash OPEL SCENE International aus. Wer auch immer sie in die Hand nimmt, spürt, was da zwischen den Zeilen geschrieben stand: für Dich gemacht. Von Menschen, die Opel leben. Wie war das noch gleich mit dem ersten eigenen Auto? Richtig, ein Original-Corsa A aus dem Opel Junior Cup 1985 mit 88 PS, von Thomas Stelberg aus Wuppertal gefahren. Eine tolle (Rappel-)Kiste, mit Matter-Käfig, nach den Regularien der Gruppe A vorbereitet. Die sich anschließenden, privaten Corsa A sind durch die Bank ziviler ausgeführt. Und Gerd Eichenauer, der Käufer des Cup-Corsa, im bürgerlichen Leben Steuerberater, ein bis heute treuer Wegbegleiter.

Epilog. Sieben Jahre bis zur ersten Tourenwagen-Bundesliga: die sagenhafte Entstehung des „Hash“-Vectra.

Osterweddigen im Juni 1999. Im Saal des Hotels „Schwarzer Adler“ vor den Toren Magdeburgs kommt es an einem späten Freitagabend zu einer improvisierten Feierstunde. Das Motto: „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“ Die Anwesenden: Heinrich und Ralf Symanzick, beides Rennfahrer, mit ihren Gattinen, der Soester Motorenmann Dietrich „Bimbo“ Risse und Mitarbeiter, der Kaiserslauterner Opel-Tuner Michael Lenhart, der Marketing-Berater Olaf in der Beek und Carsten Krome, inzwischen Sportchef der flash OPEL SCENE International. Die Korken knallen, weil am nächsten Morgen ein brokatgelber Vectra STW in die ranghöchste Meisterschaft des deutschen Motorsports eingreifen wird. Mit flash-Aufklebern, die größer kaum sein könnten. Das Team hat sich erst zur Saisonmitte gefunden – und wie! Am Vorabend des Flugplatzrennens von Zweibrücken treffen sich in der Kaiserslauterner Fußgängerzone die Herren Lenhart, in der Beek und Krome auf einen Kaffee. Letzterer lockt die anderen beiden völlig überraschend aus der Reserve: „Hey, Leute, morgen könnten wir für ein Trinkgeld ’nen ganzen Vectra in der Supertourenwagen-Meisterschaft bekleben. Da sind zwei meiner Bekannten mit schneeweißen Gebrauchtwagen von Bemani aus der Schweiz eingestiegen, die haben mich im Vorbeigehen angesprochen.“ Über den genauen Betrag – und alle weiteren, die noch folgen werden, wird Stillschweigen vereinbart. Bis heute, und es gebietet der Respekt vor allen Beteiligten, dies zu beherzigen. Es kommt, wie es kommen muss: Am Renntag betritt Michael Lenhart das Teamzelt der Neueinsteiger, und die Sache nimmt ihren Lauf. Was wie ein Sponsoring auf Eintages-Basis aussieht, nimmt zehn Tage später andere Formen an. Michael Lenhart ist am anderen Ende der Telefonleitung, als in einem Hamburger Kongresszentrum das Handy klingelt: „Hast Du morgen Zeit, ich habe da gerade was gemacht!“ 24 Stunden später trifft man sich in einer Bürostadt bei Frankfurt, um die Details einer Teambildung zu besprechen. In Brokatgelb soll der Ex-Bemani-Vectra von Heinrich Symanzick lackiert werden, flash OPEL SCENE International ist als exklusiver Medienpartner – und Anstifter – mit Logos mit von der Partie. Erster Einsatz: Der STW-Lauf im Motopark Oschersleben. Dynamik liegt in der Luft, Aufbruchstimmung, die die große Wirtschaftskrise 2008 für immer zu ersticken droht. Es ist heute noch ein spezielles Gefühl, diese elektrisierenden Tage im Gedächtnis abzurufen!

Nachsatz: Am 20. September 1999 fährt der MLK-flash-Raceline-Vectra – im Volksmund „Hash-Vectra“ genannt, denn niemand vermag das Logo der „flash OPEL SCENE International“ richtig zu lesen – unter Heinrich Symanzick erstmals unter die ersten Zehn und damit in die Punkte. Der Sauerländer Fahrer, ein Bär von einem Mann, bricht hinter der Ziellinie schluchzend zusammen. „Endlich Früchte!“, stammelt er immer wieder und lässt die zurückliegenden Monate Revue passieren. Dass Privatiers wie er in der kommenden DTM 2000 ohne Werksunterstützung bar jeder Chance sein werden, ahnt er bereits. Noch hat er ein Rennen vor sich, es wird sein letztes sein, und er lebt diesen einen Moment. Schlussendlich ist dieser Augenblick die Quintessenz der zwei Jahrzehnte „flash OPEL SCENE International“. Da haben sich Menschen aus bloßer Begeisterung für eine gemeinsame Sache zusammengetan und in vielerlei Hinsicht Großes auf die Beine gestellt. Mit einigem zeitlichen Abstand muss es heißen: Damals, vor dem Millenium, vor annähernd 20 Jahren. Ja, vielleicht tickten die Uhren in den Neunzigern noch anders, vielleicht war der Professionalitäts-, Kommunikations- und Finanzierungsdruck nicht so immens wie heute. Schön war’s, und diese Feststellung ist die wichtigste: Ja, verflucht nochmal, schön war’s!

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

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