Englische Wochen – so nennt die Motorsportbranche Rennkalender, in denen es im Abstand weniger Tage von Veranstaltung zu Veranstaltung geht. Steffan Irmler aus Drebber im Landkreis Diepholz durchlebt zurzeit solche englischen Wochen. Gerade erst aus Donington auf der britischen Insel zurückgekehrt, blieben ihm und seinem wie üblich dreiköpfigen Team nur ein Wochenende zuhause, um sich auf das nächste Highlight zu fokussieren. In Brands Hatch lief es für die deutschen Gäste im Dunlop Saloon Car Cup noch besser als bei den bisherigen beiden Auftritten. 

„Das war das Rennen meines Lebens!“, fasst der 50-jährige Opel-Rennfahrer und Inhaber eines mittelständischen Betriebes für Feinmechanik und CNC-Prüftechnik zusammen. „Ich habe zweimal meine Klasse gewonnen – und nach dem zweiten Lauf zusammen mit dem Vollprofi Michael Lyons auf dem Siegertreppchen der drei Gesamtbesten gestanden. Mehr ist kaum möglich!“ Schon zum dritten Mal in diesem Jahr trat Steffan Irmler mit dem 1998 aufgebauten Irmscher-Opel Vectra STW, den ein Zweiliter-Vierylindermotor antreibt, auf der britischen Insel an. Im Feld des Dunlop Saloon Car Cups starten aber auch mehrere Ford Sierra RS 500 Cosworth, deren Vierzylinder-Turbomotoren schon vor 30 Jahren weit mehr als 500 PS abgaben – fast doppelt so viel im Vergleich zum Opel Vectra, der sich in Großbritannien als Vauxhall Cavalier ungebrochener Beliebtheit erfreut.

Mit Michael Lyons, soeben erst vom 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring mit dem Lamborghini Huracan GT3 von Franz Konrad aus Gütersloh zurückgekehrt, stand auch ein aktueller Berufsrennfahrer am Start. Mit Dave Coyne, der Mitte der achtziger Jahre aus der Formel Ford in die Gruppe C2 aufstieg, pilotierte ein altgedienter Spitzenmann einen weiteren „Cassie“, wie ihn der englische Ford-Performance-Tuner und Ex-Rennfahrer Andy Rouse zur Urzeit einsetzte. Außerdem mischten auch wieder Steffan Irmlers Markenkollegen Tony Absolom und Darren Fielding mit. Das Trio der Opel-Fahrer hatte sich 14 Tage zuvor in Donington einen herzerfrischenden Dreikampf geliefert.

In den Trainings zeigte sich, dass der im Vorfeld des zweiten Laufs in Donington eingeschlagene Fahrwerks-Abstimmungsweg auch auf der Berg- und Talbahn von Brands Hatch funktionierte. „Wir haben in den 14 Tagen zwischen beiden Rennen nur minimale Änderungen vorgenommen“, reflektierte Steffan Irmler, „das passt auch hier ganz ausgezeichnet.“ Bemerkenswert fand er außerdem, „dass die Atmosphäre einfach einzigartig ist – viele Zuschauer lassen sich in den Wiesen und Hängen nieder wie bei einem historischen Festival. Sie bringen ihre Picknickkörbe mit, ihre Decken, und dann genießen sie ganz einfach guten Motorsport. Da spielt es auch keine Rolle, wenn mal ein paar Autos weniger antreten so wie hier.“

Im Qualifying erreichte der Niedersachse beim ersten Auftritt in Brands Hatch den sechsten Gesamtrang. Seine unmittelbaren Konkurrenten in der Kategorie der Zweiliter-Supertourer, Darren Fielding und Tony Absolom, nahmen ihn ins Sandwich. Darren Fielding kam mit dem ehemaligen Entwicklungschassis der einheimischen Tourenwagen-Legende John Cleland als Klassenbester auf den vierten Gesamtrang, auf dem siebten Platz folgte Tony Absolom. Für die ganz große Überraschung sorgte Steve Dance mit einem Ford Capri. „Ein infernalisch gehendes Auto aus der Zeit der Gruppe 1b und der Transeuropa Trophäe“, freute sich Steffan Irmler mit seinem Kollegen aus dem Fahrerlager, „außerdem eine echte Augenweide – wunderschön anzusehen, das Auto!“

Im ersten Rennen kam es zwischen Irmler und Darren Fielding zu einem Karosseriekontakt, der typisch ist für die Fahrweise auf der britischen Insel. „Ich habe ihn tatsächlich umgedreht“, gab der offensichtlich anpassungsfähige Gast aus Deutschland unumwunden zu, „ein bisschen so wie früher auf unserer Kartbahn in Holdorf. Er war mir auch nicht böse, wir haben nach dem 20-Minuten-Sprint offen darüber geredet.“ Steffan Irmler kam zu seinem ersten Klassensieg in der Kategorie ST1, obendrein belegte er den vierten Gesamtrang. Vor ihm klassiert: die drei Ford-Piloten Michael Lyons, Steve Dance und Dave Coyne. Im zweiten Durchgang traten Dance und Coyne nicht mehr an, dafür setzte sich Carey McMahon mit einem weiteren Ford Sierra RS 500 Cosworth an zweiter Gesamtposition hinter dem schier umschlagbaren Michael Lyons in Szene.

Gesamtdritter und abermals Klassensieger: ein überglücklicher Steffan Irmler, der erstmals in seinem englischen Karriere-Abschnitt auf dem Siegerpodium die Ehrungen entgegennahm. „Für mich das Rennens meines Lebens“, jubilierte er, „jetzt wollen wir auch beim vierten und abschließenden Lauf in Oulton Park richtig gut aussehen. Dafür setzen wir alles auf eine Karte und verzichten auf einen eigentlich angedachten Start in der Motorsport Arena Oschersleben Anfang August. Wir wollen nichts riskieren und vor allem unseren sensiblen, bisher aber auch haltbaren Motor nicht gefährden.“ Die Konsequenz: Erst im Oktober wird sich Irmler auf dem Nürburgring noch einmal dem heimischen Publikum zeigen.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

Fotografie: PSP Images