„Nur ein einziges Bild!“ hatte Sabine Kehm, die Managerin von Michael Schumacher, angeordnet – und dieser eine Schuss des ihr Anempfohlenen, der musste einfach sitzen. Zugetragen hat sich diese Szene am 18. Juni 2013, einem Samstag. Schauplatz: der VIP-Bereich von Mercedes-Benz am anderen Ende der Boxengasse des Nürburgrings. Der Anlass: das 41. ADAC Zurich 24h-Rennen auf der Nordschleife. Ein Blog-Beitrag von Carsten Krome.

„Sei in zehn Minuten da!“, hatte es geheißen. Der Anrufer auf dem iPhone der ersten Generation: Michael J. Scholz von der Telekom Deutschland GmbH, ein Mann mit Einfluss und ausgeprägtem Eigenleben. Ich hatte am Vorabend aus dem Bonner Maritim Hotel den Impuls zu einem Workshop-Event auf dem Jochpass gegeben, und das aus keiner Laune heraus: Tags zuvor hatte ich – „aus gutem Grund“, wie man zu sagen pflegt, meinen Job als Chefredakteur der Zeitschrift „Porsche Scene Live“ gekündigt. Es war Freitag, der 17. Mai 2013. Nun stellte ich mich zwangsläufig neu auf und sah mich auch auf dem Nürburgring nach neuen Möglichkeiten um. Trotz einer gewissen Skepsis ließ sich der Absprung aus dem Welke-Haus in Herten vielversprechend an: Die Gespräche vor Ort liefen gut, speziell die mit Michael J. Scholz. Dieser bat mich nun, eine Interviewrunde mit Michael Schumacher, dem Rekord-Weltmeister der Formel 1, und Nico Rosberg, bis 2012 dessen Rennstall-Kollege in der Königsklasse des Motorsports, zu fotografieren. Ich sagte natürlich begeistert zu, meldete den ersten wichtigen Auftrag quasi in Echtzeit nach Hause – und übersah dabei völlig, dass sich der Termin auf die Minute genau mit der Startzeit des 41. ADAC Zurich 24h-Rennens überschnitt! Ich ahnte zwar, dass dieser erste Interessenkonflikt am Tag eins nach meinem schmucklosen Abschied aus dem „Vestischen Medien-Kommunikations- und Dienstleistungszentrum“, kurz: VMKD, mir über den Hügeln der Hocheifel noch die eine oder andere atmosphärische Muffigkeit bescheren würde, dennoch blieb ich bei meiner einmal gefassten Entscheidung.

Am Ort des Geschehens angekommen, war mir schnell bewusst, dass ich richtig entschieden hatte. Nicht nur, dass ich den ehemaligen Skispringer Sven Hannawald, inzwischen ein Rennen fahrendes Testemonial auf Mercedes-Benz, zu Gesicht bekam. Nein, noch vor dem Eingang stehend, erlebte ich diese eine Demonstrationsrunde Michael Schumachers in seinem letzten Formel-1-Rennwagen über die Nürburgring-Nordschleife mit. Sein leuchtend roter Helm stach während der Vorbeifahrt durch den „Hatzenbachbogen“ aus der Monotonie der Silber- und Grautöne genauso hervor wie das hochfrequente Kreischen des Saugmotors. Dann verschwand er unter dem Backfire der gewaltigen Auspuffanlage im Kurvenlabyrinth von „Hatzenbach“, eingetaucht in das Meer der Hunderttausend. Oder waren es Zweihundertausend? Es spielte keine Rolle in diesem Moment, zumal der Champion früher als erwartet. noch dazu in Zivil, in der VIP-Lounge erschien und sofort ein Blitzlichtgewitter auslöste. Da eine Interviewrunde mit Ex-Rennfahrer Patrick Simon, die beiden kannten sich durch den Kartsport der achtziger Jahre, angekündigt war, mogelte ich mich am Rande der provisorisch scheinenden Bestuhlung rechts außen vorbei in die zweite Reihe. Gleich vor mir breitete sich, mehr als spärlich umhüllt von einem transparenten Sommerkleid, der ganze Liebreiz des ambitionierten Jungjournalismus aus. Die rückwärtigen Umrisse der blonden Dame lenkten mich für einen kurzen Augenblick von der Sorge um mein altersschwaches Blitzgerät ab. Mein eigentliches Arbeits- und Leuchtmittel war nach dem Auslaufen vergessener Billig-Batterien vom Discounter außer Gefecht gesetzt. Und schon entspann sich die Talkrunde, und ich fühlte mich um drei Jahre zurückversetzt, als ich ein paar Türen weiter Nico Hülkenberg zu einem Interview traf – auch er ein Protagonist der modernen Formel 1.

Sodann betrat Nico Rosberg die Bühne. 2016 dann ebenfalls ein Weltmeister der Formel 1, ließ der junge Wiesbadener mit finnischen Wurzeln schon auf den ersten Blick jene naturgegebene Aura vermissen, die von Michael Schumacher seit seinem ersten Grand Prix im Spätsommer 1991 ausgegangen ist: da der Maestro, der Erleuchtete, dort der nette Kerl, der Profi vom Scheitel bis zur Sohle. Am Ende der Fragestunde war es Rosberg, einst in den Farben des Musiksenders Viva in der ADAC Formel Junior unterwegs und Schwarm aller Mädchen, der völlig umkompliziert für ein Gruppenbild mit Telekom-Menschen zur Verfügung stand und freundlich lächelte. Bei Michael Schumacher lag die Schwelle eindeutig höher: „Nur ein Foto – eins, habe ich gesagt!“, ordnete Sabine Kehm, die Managerin des Rekord-Weltmeisters an – und ich nickte tonlos, im stillen Gedenken an mein dahinscheidendes Blitzgerät. Und so bezogen sie Position: Michael Schumacher in der Mitte, Michael J. Scholz von der Telekom und André Jurleit von GPS Auge, ein Pionier der Datenübertragung im Motor-Rennsport. Ich musste in diesem Augenblick an den ersten direkten Kontakt mit Michael Schumacher 1989 im Fahrerlager des Avus-Rennens von Berlin denken. Jürgen Dilk, einer seiner frühen Förderer, war von der Idee angetan, mich zu seinem Pressesprecher zu machen. Da gab es bloß ein Problem: Ralf Kelleners, mit dem ich von 1986 an im Formelsport unterwegs gewesen war – ich stand nicht auf der richtigen Seite. Als Michael mich nach einem zufällig gemeinsam verbrachten Testtag mit Formel-3-Monoposti auf dem Hockenheimring im Spätherbst 1988 wiedererkannte, wusste er sofort, in welche Ecke er mich zu stecken hatte: In seinen wachsamen Augen blitzte es ganz kurz auf. Dann war das Gespräch schon nach wenigen Halbsätzen beendet.

Aufblitzen – das tat dann auch mein Methusalem der Marke Nikon, und die ganz große Blamage blieb mir erspart. Sabine Kehm nahm zur Kenntnis, dass ich mich an die Vereinbarung gehalten hatte – so, wie ich das stets zu tun pflege. 19 Jahre zuvor. 1994, hatte ich Michael Schumacher für Radio Essen sehr ausführlich zum Interview gebeten – und hatte, etwas überraschend, eine Autogrammkarte mit Widmung von ihm erhalten. Ich besitze sie bis heute. Als sich kurz vor Weihnachten 2009 wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitete, „unser Michael“ käme noch einmal für drei Jahre zurück in die Formel 1, überlagerte das alles andere. Er war wieder da – er, der im Frühjahr 1990 zuhause, auf der Kartbahn in Kerpen-Manheim, mit seinem Mercedes-Dienstwagen, einem 190er, die regennasse Piste vor dem Start des NRW-Kart-Cups ganz einfach trocken gedriftet hatte. Er, der scheinbar alles so viel müheloser konnte als alle anderen. Er, der von Gott begnadete. Was anschließend mit dem seit heute 51-Jährigen geschehen ist, hätte wirklich niemand auch nur für denkbar gehalten. Es wäre ihm zuzutrauen gewesen, noch mit fünfzig in Le Mans zu gewinnen. Und doch ist es bittere Realität, und so geht der 18. Mai 2013 als das Datum der letzten Begegnung mit Michael Schumacher in meine (Lebens-)Geschichte ein. Keep on Fighting, Champion!

Verantwortlich für Inhalt und Fotografie: Carsten Krome Netzwerkeins