We are the M PEOPLE.

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Fotografie: Mletzko newgen GmbH & Co. KG

Singer, Songwriter. Als im Frühjahr 2011 das Phänomen Singer eine weltweite Backdating-Welle auslöste, sickerte schon bald durch, dass das neue Unternehmen aus Los Angeles im US-Bundesstaat Kalifornien mit dem gleichnamigen Konstruktionsleiter aus der Porsche-Rennabteilung überhaupt nichts zu tun hatte. Vielmehr war Singer ein subtiler Hinweis auf eine Branche. Familie Dickinson war in der (Heavy Metal) Musikszene zu ihrer wirtschaftlichen Schlagkraft gelangt. Bruce Dickinson ist nämlich der Frontmann der Schwermetaller-Formation Iron Maiden, die ihre Konzerte mit eigener Airline anfliegt …

Ein Meisterwerk: Motorenbauer Reinhold Schmirler aus Kirchhaslach im Allgäu konfigurierte den Vierliter-Sauger neu.

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Fotografie: Mletzko newgen GmbH & Co. KG

Es war schon lange an der Zeit, im Stammland der Marke, derer sich Singer Vehicle Design Inc. vor annähernd neun Jahren annahm, ein Äquivalent zu schaffen – und mehr als das. Bis auf ein einzelnes Exemplar, in Wiesbaden stationiert, kam kein einziger Singer-Porsche in den Genuss einer deutschen TÜV-Zulassung. Das rief diverse Einheimische auf den Plan, die von 2012 an mit unterschiedlichstem Aufwand Backdating-Elfer im (relativen) Singer-Stil in Reihe kreierten. Eins schufen die alternativen Anbieter freilich nie: technisch und materiell Gleichwertiges. Familie Dickinson, offenbar in der Situation, ausreichend Budgetmittel in die Hand zu nehmen, um auch prominente Entwicklungspartner wie den Formel-1-Triebwerksbauer Cosworth zu engagieren, legte die Messlatte von Anfang an extrem hoch.

Große Klappe: Von der zentralen Rohbau-Karosse abgesehen, besteht die gesamte Außenhaut aus Karbon – zu den heute üblichen Spaltmaßen. Davon kündet nicht zuletzt der Rotton der aktuellen Neunelfer-Generation 992.

Natürlich wirkte sich das gewählte Leistungsprinzip nicht nur auf die Performance-Daten aus, sondern auch auf die durchaus elaborierte Wertigkeit des Ganzen. So entstand eine Ikone, die sich optisch da und dort vielleicht imitieren ließ. Ihre Aura in Verbindung mit ihrem Hochtechnologie- Konzept: Beide erwies sich als nicht reproduzierbar. Einer in Deutschland sah das so nicht ein, und diese Haltung vertritt er allein schon von Berufes wegen. Korrekter wäre die Formulierung: Er vertrat. Denn Dirk Lührmann legte im Jahr 1992 den Grundstein zu seinem Unternehmen in der festen Absicht, es mit 50 nicht zu schließen, sondern an seine Mitarbeiter zu übergeben. Schon bald beschäftigte er an sechs Standorten in ganz Deutschland 140 Fachleute für die professionelle Vermittlung Einzelhandels-genutzter Gewerbeimmobilien in 1A-Lagen in Fußgängerzonen. Er entwickelte sich zum Marktführer in diesem Segment.

Transfer-Leistung: Von L.A. bis nach Melle im Bundesland Niedersachsen ist es nur scheinbar ein recht weiter Weg.

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Fotografie: Mletzko newgen GmbH & Co. KG

2010 machte der Immobilien-Kaufmann sein Versprechen wahr. Seine Exit-Strategie für die nächsten fünf Jahre: noch ein paar ausgewählte Immobilien umbauen und eine Weile im einstigen Tätigkeitsbereich weiterarbeiten, es langsam auslaufen lassen. 2015 flog er mit einem Freund zu Singer nach L.A. – dieser bekundete Interesse an einem solchen Fahrzeug, Dirk Lührmann begleitete den Freund lediglich. Auf dem Rückflug beschloss der Geschäftsmann, selbst ein Projekt in dieser Gewichtsklasse anzugehen. Da gab ihm der Freund die Zusage, ein Exemplar bei ihm zu kaufen und nicht bei Singer – was er in der Zwischenzeit übrigens auch getan hat. Lührmann wollte das Backdating- Prinzip, hie und da als „Restomod“ kategorisiert, nicht nur auf die Spitze treiben, sondern es auch an die Verhältnisse hierzulande und vor allem an geltende TÜV-Vorschriften anpassen. Seine eigentliche Motivation dabei war eine allzu private, und diese führte ihn zurück in seine frühe Jugendzeit, die er unweit der großen Kreisstadt Osnabrück im niedersächsischen Melle in bescheidenen Verhältnissen verbrachte.

Gänzlich verändertes Erscheinungsbild: Letztlich ist der bewusste Rückschritt bei gleichzeitigem Fortschritt ein (geglückter) Spagat.

Da gab es einen Apotheker am Ort in Melle, der hieß Mletzko, und der fuhr 1973 einen damals nagelneuen Porsche Carrera 2,7 – so einen mit rotem Dekor und dem „Entenbürzel“ am Heck. Dirk Lührmann, zarte dreizehn Jahre jung zu diesem Zeitpunkt, erkannte zwar, dass ein solcher Traumwagen für ihn außer Reichweite sein würde. Aber er schwor sich dennoch, auf eben dieses Ziel – einen klassischen Leichtbau-911 – hinzuarbeiten. Gut 20 Jahre später bescherte ihm die erste größere Maklerprovision einen Neunelfer der Baureihe 964. Heute ist Lührmann, der Endfünfziger mit dem zweiten wirtschaftlichen Leben, von der wegweisenden Kraft beider Faktoren – Apotheker Mletzko und der Neunelfer – überzeugt. Er machte sein großes Vorbild aus Kindertagen ausfindig und sprach ihn auf die Erlaubnis an, seinen guten Familiennamen für ein ambitioniertes Projekt auf Porsche-Basis – einem 964er notabene – nutzen zu dürfen.

Crossover: Standards des heutigen Automobilbaus, verpackt im Gewand eines luftgekühlten Darlings.

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Fotografie: Mletzko newgen GmbH & Co. KG

Apotheker Mletzko zog mit – und erteilte dem Vorhaben seinen Segen. Ein Projektbüro im Herzen von Osnabrück eröffnete – diskret, in zweiter Reihe. Schon bald zierten Skizzen und Entwürfe dessen Wände. Dirk Lührmann zäumte das Pferd ganz anders auf als die meisten seiner zukünftigen Sparringspartner. Er beauftragte die FH Osnabrück mit der Ausarbeitung erster Studien. Zudem baute er ein Lieferanten-Netzwerk vom Kunststoffbauer über die Produzenten verschiedenster Gewerke und den klassischen Motorentuner bis hin zum Teppichdesigner auf. Seine Maßgaben waren simpel: keine Komponenten von der Stange, sondern erstklassige, ausschließlich für sein Projekt realisierte Sonderteile. Das nahm natürlich seine Zeit in Anspruch, unbestritten, andererseits hatte es auch niemand eilig. Oberste Prämisse neben den klaren Qualitätskriterien war der enge und ständige Kontakt mit den Ingenieuren des TÜV.

Anspruchsvollstes Wohnraum-Design: Immer wieder besah und verwarf Dirk Lührmann neue Detaillösungen, bis er schließlich sein Verständnis von Erstklassigkeit erfüllt sah.

Den TÜV-Prüfern sollte kein fertiges Fahrzeug vorgeführt werden, denn die Konsequenz – ein ellenlanges Lastenheft – wäre absehbar gewesen. So wollte Dirk Lührmann nicht vorgehen. Im Gegensatz dazu besprach er jeden nächsten Schritt im Vorfeld, lange vor der Umsetzung, betrieb einen irren Aufwand. Allein die Konstruktion und Nachrüstung zusätzlicher Querträger im Front- und Heckbereich zog intensive Überlegungen nach sich, wie eine schlüssige, saubere Integration ins Gesamtbild denn darzustellen sei. Gleiches galt für die absolut passgenaue Einbindung der Karosserieteile – der ganz große Umfang aus OEM- kompatiblem Karbon – und natürlich für die eigens entworfene Beleuchtungsanlage. Fest stand von vornherein, dass ein späterer Vertrieb der LED- Einzelkomponenten zum Verbau an Serienfahrzeugen ausgeschlossen sein würde.

Niemals ohne Ölklappe im hinteren rechten Seitenteil! Zur authentischen Reminiszenz an das F-Modell der frühen siebziger Jahre gehört unbestritten das ausschließlich 1972 verwendete Stilelement.

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Fotografie: Mletzko newgen GmbH & Co. KG

Der Wiedererkennungswert eines Mletzko-911 sollte unter keinen Umständen, auch nicht um ein paar tausend Euro Umsatz willen, verwässert werden. Für das Anforderungsprofil im Blechbau, nach wie vor stellte ein 1992 ausgelieferter Porsche 911 Carrera 2 der Modellgeneration 964 das Rückgrat, galt dasselbe wie für die Wahl der Farben: ein Crossover aus heute üblichen Standards im Automobilbau mit all den Stilelementen, die weltweit Herzen öffnen: sozusagen ein GT3 RS der zweiten Generation im Gewand eines luftgekühlten Darlings.

Die Bachelor Thesis des Dirk Lührmann: nicht bloß eine kosmetische Umrüstung unter Beibehaltung des alten Look & Feels, insbesondere alter Technik, sondern die Kreation eines umfassend neuen Automobils.

Gebläse-Luftkühlung – das war auch das Stichwort, als es um den Motor ging. Selbstverständlich sollte der weiterhin sechs Zylinder in Boxer-Anordnung, das von Hanz Mezger erdachte Original-Kurbelwellen-Gehäuse und ein Lüfterrad besitzen. Der Rest konnte relativ frei gestaltet werden, und so kam es zum Kontakt mit dem Brüderpaar Reinhold und Gerhard Schmirler aus Kirchhaslach im Allgäu. RS Tuning heißt ihr kleines Unternehmen schon seit den achtziger Jahren. Mit pink lackierten Lüfterrädern, Doppelladern, Schwindel erregenden PS-Zahlen und dem „Turbinchen“ von Jürgen Alzen aus Betzdorf im Westerwald machten sie sich einen wohlklingenden Namen.

Große Marken: Brembo lieferte die Bremssattel-Gehäuse, ATS fertigte die 17-Zoll-Felgen mit Fünfloch-Anbindung im legendären Fuchs-Design, die Reifen schließlich steuert Porsche-Ausrüster Michelin bei.

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Dirk Lührmann wollte das alles nicht, sondern in erster Linie einen hochgradig performanten, gut fahrbaren und zugleich ästhetisch mehr als ansprechenden Saugmotor mit 4.0 statt 3.6 Litern Hubraum. Das alles erhielt er in Verbindung mit einer speziell auf nur diesen einen Treibsatz abgestimmten Abgasanlage aus Edelstahl-Material. Das Ergebnis in schlichten Zahlen: 369 PS Motorleistung bei 398 Newtonmetern maximalem Drehmoment. Eines der zahlreichen Highlights: Anstelle des latent störanfälligen Zündverteilers erfolgt die Zündverteilung wie bei einem modernen High-Performance-Konzept auf elektrischem Wege. Das verbessert Effektivität und Betriebssicherheit. Das Motormanagement übernimmt eine Bosch-Motronic – nicht ohne eine Applikation auf dem Leistungsprüfstand.

Klangkultur der Moderne: von Hand gefertigte Abgasanlage aus Edelstahl-Rohrmaterial mit elektronischer, von der jeweiligen Motordrehzahl abhängiger Klappensteuerung – ein weiteres Highlight der Gebrüder Schmirler.

Die Übertragung der Antriebskraft übernimmt das manuell geschaltete Sechsgang-Getriebe der Modellgeneration 993 – ohne eine Wippensteuerung am Dreispeichen-Lenkrad, alles andere wäre weit über das Ziel hinausgeschossen. Die im Vergleich zur Serien-Schaltbox etwas engere Abstufung bringt vor allem im Teillastbereich ihre Vorteile mit sich, außerdem legt sie die erreichbare Höchstgeschwindigkeit bei 273 km/h neu fest. Sicher wäre bei etwas längerer Übersetzung der sechsten Fahrstufe auch etwas mehr Vmax möglich, darum ging es Dirk Lührmann aber nicht. Er wird nicht müde, seine Denkweise zu erklären: Weder einen Rennwagen habe er schaffen wollen noch ein nahezu zwanghaft an Rekorden und Bestwerten ausgerichtetes Tracktool für eine spitze Minderheit. Vielmehr sind seine Klienten diejenigen, die er bereits in seinem alten Geschäft – dem mit den Gewerbeimmobilien – studieren und in all ihren Facetten kennenlernen durfte: unternehmerische Menschen im Alter zwischen 45 und 65 Lebensjahren. Einer von ihnen bestellte für sich nach der Beschau des ersten Prototypen, der sich in Anlehnung an Herzblut und Pulsschlag „Heartbeat“ nennt und im Rotton der heutigen Neunelfer-Generation 992 lackiert ist, sein persönliches Exemplar. Es wird in einem intensivem Hellgrün lackiert und Ausdruck seiner Selbst sein: „Spirit of O“ nennt der Mann sein Kunstwerk auf 17-Zoll-Rädern im klassischen Fuchs-Design, die mit ATS ein einstiger Player aus der Weltmeisterschaft der Formel 1 in Lizenz herstellt.

Herzschlag ist der Takt: “Heartbeat” heißt das allererste Exemplar, “Spirit of O” das zweite.

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Fünf bis zehn Einheiten jährlich will Dirk Lührmann auf diese für ihn in den Abmessungen 8,5J x 17 ET40 vorn und 10J x 17 ET5 hinten aufgelegten Räder stellen – jede größere Stückzahl würde seiner stringent umrissenen Haltung widersprechen. Er lebt seit 2015, dem Jahr eins der Marke Mletzko, für den besonderen ersten Eindruck – vor allem dann, wenn seinem Gegenüber die Gesichtszüge beim Anblick des geöffneten Motorraums entgleisen: Da verliert sich das keinesfalls geschrumpfte Aggregat in der rot auslackierten Triebwerkskammer, ohne von störenden Nebenaggregaten bedrängt zu werden. „Wie hat er das bloß angestellt?“, fragt sich der staunende Betrachter fast schon unweigerlich. Die Antwort, die stets folgt, zeugt von der gleichen genialen Einfachheit: „Wir haben umplatziert, was wir halt umplatzieren konnten.“ Und so ist Osnabrück in Zukunft nicht nur ob des Karmann-Werks eine wichtige Stecknadel auf der weltweiten Porsche-Landkarte.

Die Botschaft, sie ist angekommen: „We are the M People“. Gab es das nicht auch schon einmal … … in der Musikszene?

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins
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>>> Informationen zur werk1-Sommerausgabe № 001 | 2020 finden Sie hier:

https://www.netzwerkeins.com/2020/07/23/neues-leben-fuer-die-eins-werk1-sports-cars-culture-meldet-sich-zurueck-runderneuert-am-letzten-tag-im-juli-im-gut-sortierten-zeitschriftenhandel/

Sommerausgabe № 001 | 2020 verpasst? werk1 sports | cars | culture (31. Juli 2020).

https://www.netzwerkeins.com/produkt/werk1-ausgabe-nr-001-sommer-2020/