1991 legt die AMG Motorenbau GmbH 17 neue Mercedes-Benz 190 E (W 201) 2.5-16 für den Einsatz in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) auf. Beim Chassis Nummer E201 91 32 handelt es sich um eins der heute am besten erhaltenen Original-Exemplare in einem hervorragenden Original-Zustand. Auch wenn maßgebliche Zeitzeugen diesen Renntourenwagen der Gruppe A-DTM dem Saarländer Rennstall MS-Jet Racing zuordnen, ist der einst im Weiß und Gelb des Teamsponsors Kärcher gehaltene Viertürer eine Hommage an Klaus Ludwig. 1992 sicherte sich der Mercedes-Werkspilot nach 1988 zum zweiten Mal den Titelgewinn in der Tourenwagen-Bundesliga. Farbgebung und Beschriftung entsprechen Klaus Ludwigs Meisterschaftswagen mit dem Chassis Nummer E210 92 43, und das aus gutem Grund. Denn der einstige Siegerwagen des Roisdorfers ist bereits zur Saison 1993 in eine Klasse-1-Ausführung umgebaut worden und seitdem nicht mehr in seinem Ursprungszustand verfügbar. So entsteht direkt bei Mercedes-Benz auf der Grundlage eines authentischen DTM-Einsatzwagens mit allen technischen Spezifikationen der Rennsport-Saison 1991 ein erstklassiges, vollwertiges Ausstellungsfahrzeug, heute auch als Statement Car bezeichnet. Nach einem längeren Zwischenhalt bei einem schwedischen Rennfahrer und Daimler-Enthusiasten tritt dieser mobile Zeitzeuge nun in den deutschen Markt ein.

Sportgeschichtliches

In der DTM-Saison 1991 setzt der Saarländer Rennstall MS-Jet Racing drei neue Mercedes-Benz 190 E (W 201) 2.5-16 für Jörg van Ommen, Frank Schmickler und den Team-Mitinhaber Jochen Mass ein. Als Hauptsponsor tritt Kärcher, ein Hersteller von Reinigungsgeräten und -systemen mit Hauptsitz in Winnenden, Baden-Württemberg, auf. Die drei Einsatzfahrzeuge erhalten die Kärcher-Hausfarben Weiß und Gelb. Während Frank Schmickler nach sieben DTM-Rennwochenenden ins Opel-Team Irmscher wechselt, bleibt Jörg van Ommen MS-Jet Racing treu und erreicht in der Schlussabrechnung der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft 1991 mit 39 Punkten den dreizehnten Platz. Jochen Mass kann nur beim Flugplatzrennen Diepholz am 4. August 1991 eine Platzierung einfahren. Damit sind beim siebten DTM-Termin des Jahres alle drei Teamfahrzeuge im Einsatz, denn auch Frank Schmickler sitzt ein letztes Mal vor seinem Umstieg zu Opel im weiß-gelben Daimler. 1992 wechselt der Formel-1-Veteran Jacques Laffite von der Snobeck S.A. seiner französischen Landsleute zu MS-Jet Racing, zu dieser Zeit in Persson Motorsport umgewidmet. Hintergrund ist die Übernahme des Rennstalls durch ihren bisherigen Chefmechaniker, den aus Schweden stammenden Ex-Rennfahrer Ingmar Persson, der 1988 gemeinsam mit dem schwedischen Malermeister und Rennfahrer-Kollegen Per Stureson nach Deutschland umsiedelt.

Spezifika (1): Innenraum-Lackierung, Fahrgestellnummer, Räder und Radnaben-Aufnahmen

Typisch für die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft ist zu Beginn der neunziger Jahre ein nahezu leidenschaftlich geführter Wettbewerb der Zulieferer auf dem Reifen- und Rädersektor. Die Fahrzeuge der vier führenden Hersteller Mercedes-Benz, BMW, Audi und Opel sind nur oberflächlich betrachtet identisch. Es kommt auf die Details an, und oft entscheiden sie über Sieg und Niederlage. Die AMG Motorenbau GmbH beispielsweise grenzt die eigenen Werkswagen durch die Wahl der Innenraum-Lackierung gegen die extern eingesetzten Fahrzeuge ab. So sind die AMG-eigenen Fahrgasträume grundsätzlich in der Farbe Blauschwarz-metallic gehalten, während die belieferten Teams die Innenraumfarbe Perlgrau-metallic #122 erhalten. Diese Vorgehensweise ist bis heute ein wichtiges Unterscheidungskriterium, denn: Außenlackierungen mögen im Laufe der Zeit durchaus variieren, für Innenraum-Lackierungen gilt das aber nicht – warum sollte man sie ändern? Und so ist das Perlgrau-metallic #122 im Inneren des Mercedes-Benz 190 E (W 201) 2.5-16, Chassis Nummer E201 91 32, ein wertvoller Hinweis auf seinen Status als Team- und nicht als Werksfahrzeug der Einsatzjahre 1991 und 92. Dies unterstreicht anhand der Fahrgestellnummer E201 91 32 auch eine vom damaligen Motoren-Entwicklungschef Bernd Ramler geführte Liste. Ramler lebt heute im Emsland, er ist der historischen Rennsport-Serie „Tourenwagen Legenden“ und deren Ideengeber Thorsten Stadler, einem international anerkannten Experten für DTM-Renntourenwagen von Mercedes-Benz, freundschaftlich verbunden. Mit ihren Hinweisen haben Bernd Ramler, Ingmar Persson und Thorsten Stadler auch zu den hier niedergelegten Ausführungen maßgeblich beigetragen.

Dies gilt auch für die Analyse der Fahrgestellnummer E201 91 32 selbst. Einerseits ist sie dem Nummernkreis der 22 zur DTM-Saison 1991 neu gefertigten Mercedes-Benz 190 E (W 201) 2.5-16 eindeutig zuzuordnen, andererseits bietet die ins Chassis eingeschlagene Buchstaben-Kombination „MS“ auch einen Hinweis auf die Bestimmung dieses spezifischen Chassis. „MS“ steht nicht etwa für „Motorsport“, sondern für „Mass“ und „Schons“ – den beiden damaligen Eignern von MS-Jet Racing. „1991 standen den Teams die gleichen Autos zur Verfügung“, weiß Ingmar Persson heute zu berichten, „wir haben uns dann um den kleinen, feinen Unterschied gekümmert.“

Zurück zu den verschiedenen Räder-Designs: Während die AMG Motorenbau GmbH mit scheibenartig gestalteten Rädern des italienischen Herstellers O.Z. startet – dies betrifft natürlich auch Klaus Ludwigs Einsatzfahrzeug, startete MS-Jet Racing auf offen gestalteten Sechsspeichen-Rädern von Speedline. Die Herkunft der einteiligen Felgen ist auf jeweils einer der sechs Räderspeichen auch heute noch eindeutig zu erkennen und daher bis ins Detail authentisch. Diese Feststellung bezieht sich auch auf die Aufnahmen der Radnaben, die sich zwischen O.Z. und Speedline unterscheiden. Vor einem Räderwechsel hätten auch die Radnaben-Aufnahmen ausgetauscht werden müssen.

Spezifika (2): Flachschieber-Gehäuse, Kupplungs- und Bremszylinder, Servo-Unterstützung, … Außenspiegel-Gehäuse 

Im Vierzylinder-Rennmotor des Mercedes-Benz 190 E (W 201) 2.5-16 kommt anstelle einer Drosselklappen-Steuerung ein Flachschieber zum Einsatz, der effektivere Gaswechsel erlaubt. Das Flachschieber-Gehäuse im Chassis Nummer E201 91 32 ist mit der Gussnummer #91 versehen: ein weiterer Hinweis auf die Richtigkeit des Produktionsjahres 1991. Bremszylinder und Waagebalken-System kommen ohne eine Servo-Unterstützung aus, auch das unterstreicht die Zuordnung der technischen Spezifikation zum DTM-Modelljahrgang 1991. Für den damaligen Entwicklungsstand kennzeichnend war eine Servopumpe, die sowohl die Unterstützung der Lenkung als auch der Bremsanlage übernimmt. Klaus Ludwig ist einer der Treiber der weiteren Evolution der Servolenkung. Als DTM-Titelgewinner des Jahres 1988 und dreimaliger Sieger der 24 Stunden von Le Mans legt er besonders großen Wert auf den jeweils aktuellsten Stand der Technik. Im Ergebnis kommt es im Modelljahr 1992 zu einer Entkoppelung dieser beiden Systeme und darüber hinaus zu einem Update der ABS-Installation. Es gilt in den frühen neunziger Jahren als überaus wichtig, künftige oder bestehende Großserien-Technologien über die DTM-Bühne zu kommunizieren. Damit bietet die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft den an ihr beteiligten Herstellern einen tragfähigen Unterbau in der Konzern-Kommunikation. Das zeigt sich nicht zuletzt anhand der Ausführung scheinbar zu vernachlässigender Kleinigkeiten wie den Außenspiegel-Gehäusen. Diese können, insbesondere auf Hochgeschwindigkeitskursen wie der Avus im Berliner Stadtgebiet, einen Beitrag zur Optimierung der Aerodynamik leisten. So kommen im Modelljahr 1990 zunächst an den Werkswagen der AMG Motorenbau GmbH tropfenförmige Außenspiegel-Gehäuse zum Einsatz, die 1991 auch den übrigen Mercedes-Teams zur Verfügung stehen. Das Chassis Nummer E201 91 32 weist ebenfalls diese ältere Detaillösung auf – älter, weil anschließend eine Umrüstung auf rechteckige Außenspiegel-Gehäuse im Stil von Hochleistungs-Motorrädern erfolgt. Einmal mehr ist es der Meisterschafts-Aspirant Klaus Ludwig, der diese Evolutionsteile zuallererst anfordert und schließlich auch erhält – an seinem Einsatzauto und dem identisch ausgestatteten T-Car gleichermaßen.

Marktrelevanz und Wertentwicklung.

2016 kommen in Deutschland erste Rennsport-Formate für authentische Einsatzfahrzeuge der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) auf, die einen nachhaltigen Boom auslösen. Mit stetig wachsenden Begehrlichkeiten entwickeln sich auch die Marktpreise kontinuierlich weiter. Besonders beliebt: die bei historischen Meetings naturgemäß konkurrenzfähigeren Letztstand-Evolutionsmodelle von Mercedes-Benz und BMW. So erzielen sporthistorisch relevante BMW M3 der Modellreihe E30 in jüngerer Vergangenheit regelmäßig Marktpreise zwischen 250.000 und 320.000 EUR. Mindestens dasselbe gilt für die gleichrangigen Mercedes-Benz 190 E (W 201) 2.5-16, die aufgrund des tendenziell höherwertigen Markennimbus unter Umständen höher abschließen können als der weiter verbreitete BMW M3. Aufgrund seines hervorragenden Erhaltungszustands und der unzweideutigen Dokumentation ist dem Mercedes-Benz 190 E (W 201) 2.5-16, Chassis Nummer E201 91 32, eine Werterwartung in diesem Bereich zu attestieren. Selbstverständlich wären zwei Optionen jederzeit denkbar:

– Rückführung in die 1991er Original-Optik von MS-Jet Racing

– sportlicher Einsatz in der Rennsport-Serie „Tourenwagen Legenden“

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

Mit besonderem Dank an Thorsten Stadler (tst sport + technik), Ingmar Persson, Bernd Ramler und Klaus Ludwig