001_Cover_werk1_012411 Jahre werk1® nine | eleven boxerstories: Bestellen Sie jetzt die Frühjahrsausgabe 01 | 2024 (erscheint am 23. April 2024) online auf netzwerkeins | GO!

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Prolog | erste Worte

Nürburgring 1984: Arbeitsbeginn der Hauptdarsteller. Wie sich das Porsche-Werksteam vor 40 Jahren auf den Heimsieg beim ADAC-1.000-Kilometer-Rennen vorbereitete.

Vor 40 Jahren, am 23. April 1984, legt Porsche-Werkspilot Stefan Bellof (26) den Grundstein zum Gewinn des ersten Fahrer-Weltmeistertitels eines Deutschen auf der Rundstrecke. Gemeinsam mit dem Engländer Derek Bell entscheidet der Giessener das 1.000-Kilometer-Rennen von Monza für sich. Das Einsatzfahrzeug im Königlichen Park: der Porsche 956 mit der Chassis-Endnummer 009. Kurze Zeit später, am 4. Juni 1984, kommt es auf dem Nürburgring zu ersten Testfahrten auf dem soeben erst eröffneten Grand-Prix-Kurs. Die Porsche-Werksmannschaft probt für den späteren Triumph an gleicher Stelle – ein Stück Zeitgeschehen, dokumentiert von einem damals 17 Jahren alten Fan mit eigenem, bunt beklebtem Fotokoffer – und fadenscheiniger Entschuldigung für die Ausfallzeit an einem Moerser Gymnasium.

Samstag, 12. Mai 1984: Von den Zuschauerrängen gellt ein Pfeifkonzert, als Bundesverkehrsminister Werner Dollinger (CSU) den neuen Nürburgring offiziell eröffnet. Die Herzen der Fans hängen der unvergleichlichen Nordschleife nach, als auf dem Grand-Prix-Kurs ein neues Kapitel beginnt. Die 4,5 Kilometer lange Eifel-Rennstrecke nimmt für sich in Anspruch, die modernste und sicherste ihrer Zeit zu sein. Mit einer Veranstaltungswoche – offensiv als „Speedweek” beworben – soll der Betrieb aufgenommen werden. Als vorläufiger Höhepunkt ist am 15. Juli 1984 das ADAC-1.000-Kilometer-Rennen, der deutsche Lauf zur Endurance-Weltmeisterschaft, angesetzt. Das Porsche-Werksteam ist mit zwei 956 in Rothmans-Farben der Favorit und Hauptdarsteller. Die Fahrer: Derek Bell und der erst 26-jährige Giessener Stefan Bellof im Chassis 956.009 sowie Jacky Ickx und Jochen Mass mit dem Fahrgestell 956.010. Insgesamt fertigt die Weissacher Erfolgstruppe zehn 956-Monocoques für den Eigenbedarf, beginnend mit dem 1982 aufgelegten 956.001. Zur Arbeitsweise des Mannschaft unter Peter Falk zählt der Grundsatz, die Laufzeiten der jeweiligen Einsatzwagen so gering wie möglich zu halten. Beim Saisonauftakt 1984 in Monza spricht Falk, ein Urgestein im Entwicklungsdienst von Porsche, im Bezug auf die Vorjahres-Chassis von „ausgeleierten Kisten”. Heute sind sie, ausgeleiert oder nicht, viele Millionen wert.

Dieser Haltung entspricht der Grundsatz, bei Versuchsfahrten die älteren Fahrgestelle aus dem Fundus zu verwenden. So ist es auch am 4. Juni 1984, einem Montag. Porsche reist zu zweitägigen Testfahrten auf dem neuen Grand-Prix-Kurs an – vornehmlich, um Daten zu sammeln. Alle vier Werksfahrer – Stefan Bellof, Derek Bell, Jacky Ickx und Jochen Mass – sind vor Ort, um sich den 1983 eingesetzten 956.005 zu teilen. Bei diesem Vorjahresmodell handelt es sich zufällig um den Siegerwagen des letzten Marken-Weltmeisterschaftslaufs, der auf der Nürburgring-Nordschleife stattgefunden hat. Jacky Ickx und Jochen Mass steuern den 956.005 am 29. Mai 1983 zum Triumph. Bei den 24 Stunden von Le Mans unterliegt der in eine Langheck-Ausführung umgerüstete Werkswagen dem 956.003 unter Vern Schuppan, Al Holbert und Hurley Haywood. Vor der Kontaktaufnahme mit dem neuen Nürburgring erfolgt die Rückrüstung auf die Kurzheck-Version. Bevor die Stoppuhren die ersten Rundenzeiten anzeigen, ist unter Laborbedingungen ein – theoretischer – Optimalwert errechnet worden. Für den Porsche 956 liegt dieser bei 1:35,00 Minuten. Doch der Computer irrt. In Wirklichkeit sind auf Anhieb 1:30,5 Minuten möglich – viereinhalb Sekunden schneller als die Richtzeit. Es geht ruhig und konzentriert zu. Die vier Porsche-Vertragspiloten nehmen sich sogar die Zeit, sich eines Privatkunden anzunehmen. Der Bauunternehmer und Sammler Wolf-Dieter Blatzheim bringt einen Porsche 917/10 mit, der das Interesse der gesamten Truppe auf sich zieht. Ausgerechnet er wird als der erste Unfalltote des neuen Nürburgrings zu beklagen sein. Dem Vernehmen nach aufgrund einer Herzattacke verunglückt er am Mittwoch, den 14. August 1985, mit dem 917/10 ausgangs des „Castrol-S”.

Auch der 956.005 verunfallt. Drei Tage nach Abschluss der Nürburgring-Tests, am Freitag, dem 8. Juni 1984, beschädigt ihn der Porsche-Versuchsingenieur Roland Kussmaul auf dem Prüfgelände in Weissach. Für das bevorstehende ADAC-1.000-Kilometer-Rennen Nürburgring muss daher 956.004 als eiserne Reserve aufgeboten werden. Im Freitagstraining qualifizieren Jacky Ickx und Jochen Mass dieses Chassis in 1:34,820 Minuten. Das wahre Potenzial deckt jedoch Stefan Bellof auf. Mit dem 956.009 rast er in 1:28,680 Minuten zur Trainingsbestzeit. Peter Falks Einstellung, dass die neuen Besen grundsätzlich besser kehren als die alten, bestätigt sich einmal mehr. Am Renntag, dem 15. Juli 1984, zementieren Stefan Bellof und Derek Bell diese These. Sie gewinnen das ADAC-1.000-Kilometer-Rennen, das erste auf dem neuen Nürburgring. Der weitere Weg zum Weltmeistertitel 1984 ist geebnet.

Fußnote: Die Bilder entstehen am 5. Juni 1984. Der Fotograf – und Autor dieser Zeilen – ist damals noch 17-jährig und muss die Schule schwänzen, um seine Yashica FR am Nürburgring benutzen zu können. Das sollte nach 40 Jahren verjährt sein, hoffentlich. Jeder Zusammenhang mit der späteren Nürburgring-Werbekampagne „Meld Dich am Montag einfach krank!“ ist allerdings zu dementieren. Schließlich ist der 5. Juni 1984 ein Dienstag.

Bleiben Sie uns gewogen!

 

 

 

 

Ihr und Euer
Carsten Krome

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