Reaktiviert nach acht Jahren Standzeit: Der 1973er Porsche 911 S 2.4 knüpfte im Oktober 2013 dort an, wo er – fast auf den Tag genau – im Oktober 2005 aufhörte.

Die Vorgeschichte: ein Meisterstück in jungen Jahren – mit einem Porsche-Klassiker, der inzwischen Kultstatus genießt

Samstag, 15. Oktober 2005, Hockenheimring. Beim 35. ADAC-Rheintal-Rundstreckenrennen geht die Porsche Classic Car Kumho Trophy, kurz PCC, in ihre letzte und entscheidende Runde. Noch ist die Meisterschaft nicht vergeben. Die besten Chancen haben zwei Youngster im Feld der Rennen fahrenden Idealisten, Sebastian „Baschdi“ Sommer (23) und dessen jüngerer Bruder Florian (20), genannt „Flori“. Die Sprößlinge einer urschwäbischen Handwerkerfamilie leben den Porsche-Enthusiasmus ihrer Eltern. Mutter Ingrid fährt seit Jahr und Tag – lange vor der später eintretenden Hochpreisphase – ein RS 2.7 Coupé, Vater Manfred einen ebenso zum rechten Zeitpunkt erworbenen RS 3.0. Er ist in der PCC-Trophy von der Geburtsstunde an mit von der Partie. Die Ein-Stunden-Distanz absolviert er solo, ohne die Unterstützung eines zweiten Fahrers. Sommers Söhne hingegen lösen sich jeweils nach 30 Minuten ab – nicht aufgrund zweifelhafter Konstitution, sondern vornehmlich der Fairness wegen. Beide wollen zu gleichen Teilen ins Lenkrad greifen. In Gelb lackiert zeigt sich ihr 911 S 2.4 Coupé, das sie von einem ihrer Mitbewerber übernommen haben. Vom Erlös schafft sich Paul Hunsperger, ein Eidgenosse mit großem Kämpferherzen, ein Cup-Coupé der Generation 964 an. Der „Himmelhund“, wie er im Fahrerlager genannt wird, bewirbt sich ebenfalls um die Trophy-Krone. Uwe Jungkind ist sein Sparringspartner. Wie Hunsperger bewegt auch er einen Cup-964er am äußersten Limit. Oft genug fährt das Duo im Verlauf der Saison 2005 der übrigen, mit mehr PS-Leistung gesegneten Gegnerschaft auf und davon. Mit den Sommer-Junioren tragen die Streithähne obendrein ein Fernduell um die Meisterschaft aus. Zwar starten sie alle innerhalb ein- und derselben Gruppe. Die über Sieger und Platzierte bestimmenden Punkte werden allerdings klassenweise vergeben. Und so begegnen sich die Kontrahenten auf der Rennstrecke allenfalls beim Überrunden, da der 200 PS starke 911 S 2.4 der jugendlichen Titelaspiranten naturgemäß langsamer ist. Dennoch ist es „Baschdi“ Sommer, der nach 60 Minuten den linken Arm aus dem Seitenfenster reckt und damit dokumentiert, es geschafft zu haben. Zu den ersten Gratulanten gehört – Paul Hunsperger! Er mag sich in der Stunde des Triumphes seiner Kunden fragen, warum er seinen 960 Kilogramm leichten Erfolgswagen in andere Hände übergeben hat. Doch für ein tonloses, nach innen zielendes Lamento ist es zu spät. Ganz Tuttlingen – Heimstatt der Gebrüder Sommer – liegt im Freudentaumel. An mancher Stelle wird der Ruf nach einem Aufstieg der Hochbegabten in den Porsche Carrera Cup laut. Da existiert tatsächlich ein Förderprogramm, in das Talente über ein fein ziseliertes Qualifikationssystem hinein gelobt werden. Leider erfolgt die Rekrutierung ohne Ausnahme über die klassischen Nachwuchsformeln. Die PCC-Trophy, ein stumpfes Sprungbrett…

Rückzug ins Berufsleben: Motorsport ist alles andere als Selbstzweck – auf dem weiteren Karriere-Weg fehlen einflussreiche Förderer

Die weitere Geschichte ist schnell erzählt. Das 1973 in Dienst gestellte 911 S 2.4 Coupé wird kein zweites Mal eingesetzt. Der Familienrat kommt zu der Erkenntnis, dass ein auf Anhieb errungener Trophy-Gesamtsieg naturgemäß nicht zu überbieten sein wird. Der von 190 auf 200 PS leistungsgesteigerte, durch den Bremer Manfred Rugen überholte Sechszylinder-Boxermotor verstummt. Eine kleine, überaus diskret geführte Privatsammlung nimmt das 230 km/h schnelle Ensemble auf. Nachdem sich der Vorstoß in den Carrera Cup als schwierig finanzierbar erweist, ziehen sich Sebastian und Florian Sommer in ihr Privatleben zurück. Der ältere Bruder glänzt hin und wieder am Volant des väterlichen RS 3.0, insbesondere beim alljährlich stattfindenden AvD-Oldtimer-Grand-Prix auf dem Nürburgring. Ihm gelingt es regelmäßig, das im Gegensatz zu den Porsche 935 und Carrera RSR bescheiden auftretende „Blechäutole“ inmitten der Wuchtbrummen zu platzieren. Regelmäßige Top-Ten-Resultate und eine Testfahrt im aktuellen Porsche 911 GT3 von Karl-Heinz Teichmann auf der Nürburgring-Nordschleife Ende Oktober 2010 bringen ihm weiterhin Sympathien ein.

Der jüngere der beiden Sommer-Söhne baut sich einen Porsche 944 turbo (Typ 951) für die Straße auf, ehe er sich auf die zwei Jahre währende Renovierung seines Eigenheims und das Tagewerk (O-Ton) „in Zuffähausä“ konzentriert. An offiziellen Rennwettbewerben nimmt Florian Sommer nicht mehr teil. Dabei bliebt es auch, als Sebastian sich um Weihnachten 2008 herum anschickt, einen 911 S/T 2.5 auf die Räder zu stellen. Freilich kein originaler Zeitzeuge für viele, viele hunderttausend Euro, sondern eine authentische Nachfertigung. Auf Anraten eines befreundeten Journalisten orientiert er sich bei der Farbwahl am zwischenzeitlich verwaisten Erfolgswagen aus dem Meisterschaftsjahr 2005. Der 911 S 2.4 steht unterdessen warm und sicher, selbst die in Hockenheim zuletzt verwendeten Kumho-Pneus bleiben aufgezogen. Auf die Marktlage hat der Verbleib der Altreifen keinen Einfluss. Unaufhörlich klettern die Preise weiter, denn die serienmäßig dank 190 PS starker Einspritzmotoren knapp unterhalb des RS 2.7 positionierten Sportcoupés werden auf ihre alten Tage immer beliebter. Dennoch steht ein Verkauf für Familie Sommer nicht zur Debatte. Vater Manfred kommt zu dem Schluss, dass die Kurse nicht wieder fallen werden, auch wenn Beobachter des Geschäfts mit historischer Maschinerie einen „großen Knall“ prophezeien. Grundtenor der Miesmacher: Der seit 2005 anhaltende Aufwärtstrend wird auf Dauer nicht zu halten sein, sondern sich ins Gegenteil verkehren. Bis heute ist diese Weissagung nicht eingetreten. Längst ist die 100.000-Euro-Schwelle für ein Serienfahrzeug überschritten. Insider vertreten sogar die Auffassung, der Vorgänger des legendären Carrera RS sei der Oldtimer der Stunde.

Dauerparker wird Himmelsstürmer: „race2cloud“ – das Rennen zu den Wolken – erlöst den Renner aus dem Ruhestand

Im Juli 2013 gerät das betuliche Dasein des gelben „Zwovierers“ plötzlich in Bewegung. Es soll noch einmal zu Ehren kommen – als Renntaxi auf dem Jochpass. Hoch oben in den Allgäuer Alpen findet – traditionell im Oktober – ein Revival für Motorräder und Automobile, die vor 1979 produziert worden sind, statt. Erstmals bildet die von der Einheimischen Marlene Brutscher im 14. Jahr organisierte Veranstaltung den Rahmen eines Workshops, den die Telekom Deutschland GmbH mit ihren Leistungspartnern durchführt. Inhaltlich geht es um (auto-)mobile Telematik-Systeme. Begleitend sollen die Workshop-Teilnehmer, so der Plan, einen Eindruck von der jahrhundertealten Passstraße „über das Joch“ erhalten. Wie aber soll das mit den Abläufen einer über den letzten Startplatz hinaus ausgebuchten Wettfahrt konform gehen? Die Lösung liegt auf der Hand: Drei historische Porsche, die bereits als Teilnehmer an der Gleichmäßigkeits-Prüfung bestätigt sind, müssen zu Renntaxis umfunktioniert werden. So erklären Sebastian Sommer, Heiner Botz aus Ubstadt-Weiher und Thomas Fersch aus Bad Hindelang, dem Talort zu Füßen der Jochstraße, ihr Einverständnis. Da sie ihre Startgebühr von jeweils 500 Euro bezahlt haben und einen gewissen Wert auf sportliche Stringenz legen, wird ihnen trotz voll besetzter Beifahrersitze die reguläre Wertung gestattet. Mehr noch: Jedes Renntaxi soll fünf bis sechs Fahrgäste – über das Jochpass-Wochenende verteilt – mitnehmen. „Baschdi“ Sommer bereitet sich und seinen soeben erst in Betrieb genommenen 911 S/T 2.5 auf die ungewohnte Aufgabenstellung vor. Auf einmal muss er den Umfang seiner Arbeiten auf einen zweiten Neunelfer ausweiten, denn Heiner Botz sagt überraschend ab. Sein fest zugesagter Startplatz bleibt frei. Was tun in dieser für alle Beteiligten unerwarteten Situation? Die Köpfe rauchen, und bald steht fest: Familie Sommer wird es richten! Ein zweiter Porsche 911 wird dem Aufgebot hinzugefügt, und zwar der seit annähernd acht Jahren kaum noch bewegte 2.4 S. Es sind bewegte Wochen für Sebastian Sommer und seine ehrenamtlichen Helfer, doch am 10. Oktober 2013 melden sie gegen 15.00 Uhr nachmittags: „Wir stehen hier in Bad Hindelang – und es schneit!“

Blitzschnell stellt Thomas Fersch die Waschhalle seines Ford-Betriebes zur Verfügung, um die letzten Handgriffe unter professionellen Bedingungen zu ermöglichen. So muss der Renn-Veteran – übrigens keine „Ölklappe“, da 1973 produziert – noch beklebt werden. Ganz im Sinne eines „Yellow Cab“, einer US-Taxe, sollen schwarz-weiß karierte Zierstreifen über die Seitenwände der nach wie vor unverbreiterten Karosserie führen. Darüber hinaus ist für den oberen Rand der Windschutzscheibe der Slogan „Fully connected cab 2 cloud“ vorgesehen. Frei übersetzt: die voll vernetzte Fahrkarte zu den Wolken. Außerdem gilt es, einen Fahrernamen auf der Tür hinzufügen. Da „Baschdi“ seinen 911 S/T pilotiert und verhindert ist, fällt die Wahl auf einen guten Bekannten aus der Tuttlinger Nachbarschaft: Axel Plankenhorn. Die Le-Mans-Legende kehrt nach einem Gastspiel mit dem Vaillant-Kremer-Porsche 935/77 K2 im Vorjahr gern an den Jochpass zurück.

Epilog. Wer die Herzen der Menschen gewinnen will, muss nicht immer Erster sein – zumindest nicht im Hochgebirge.

Der Auftrag an Axel Plankenhorn ist eindeutig: Er soll seine Passagiere kompetent, schnell und sicher über das Joch chauffieren. Eine bange Frage bleibt am Abend des 10. Oktober 2013 dennoch bestehen: Was passiert, wenn der Schnee liegen bleibt? 72 Stunden später sind alle Bedenken zerstreut. Nachdem am Freitagmittag Tauwetter eingesetzt hat, hinterlassen drei Herbsttage bei strahlendem Sonnenschein bleibende Eindrücke. Im Mittelpunkt steht das fast auf den Tag genau acht Jahre zuvor außer Dienst gestellte Sportgerät der erwachsen gewordenen Sommer-Junioren. Fehlerlos windet es sich immer und immer wieder dem Zielort Oberjoch entgegen. Dasselbe gilt für die zwei anderen Porsche-Zeitzeugen in ihren gelben Lackkleidern. Kein technischer K.O. ist zu verzeichnen, kein Ausrutscher ins Abseits neben der Piste, nicht einmal eine benutzte Spucktüte seitens der Insassen. Alle sind beglückt und froh. Der allgemeine Tenor lautet: „Das gab’s nur einmal, das wollen wir wieder – zumindest so ähnlich!“ Was diese Aussage für den Sommer-Fahrplan 2014 konkret bedeutet, muss sich erst noch herausstellen. Die Köpfe rauchen. Zum wiederholten Mal.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins