Bei der 43. Auflage des AvD-Oldtimer-Grand-Prix auf dem Nürburgring standen nicht nur viele Erfolgsmodelle von einst im Mittelpunkt des Publikumsinteresses, sondern auch ihre damaligen Dompteure, die (Star-)Fahrer. Mehr denn je kamen Motorsport-Romantiker und Autogrammjäger auf ihre Kosten, denn im Fahrerlager des Eifelkurses ging es vom 7. bis 9. August 2015 zu wie bei einem Klassentreffen. Bereits im Frühjahr 2015 begannen für die Redaktion des Sportwagenmagazins werk1 die Vorbereitungen auf das alljährliche Highlight der historischen Szene. Nach dem Großauftritt im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Telekom Deutschland GmbH galt es diesmal, neue und vor allem weithin bemerkbare Akzente zu setzen.

So fiel im Schulterschluss mit Wolfram Mansky, dem Leiter des Sportsponsorings der AvD Beteiligungs GmbH mit Sitz in Frankfurt, die Entscheidung, an zentraler Stelle im vorderen Teil des Fahrerlagers einen Ausstellungsstand zu errichten. Dieser sollte mit zwei Exponaten besetzt werden, die Kremer Racing bereitstellte. Bei dem einen Fahrzeug, fast schon selbsterklärend einem Porsche 911, handelte es sich um ein „Art Car“ des Künstlers Markus Feist in Form einer Hommage an die Unternehmenshistorie des 1962 in Köln gegründeten Porsche-Rennstalls. Beim anderen Ausstellungsstück sollte sich echte Wiedersehensfreude für die werk1-Redaktion einstellen. Denn mit dem silbrig-bunten Rallye-Carrera war erst im Mai 2015 noch eine „Road Story“ – ein emotionaler Test- und Fahrbericht – produziert worden. Das dritte und für diese Aktivität vielleicht maßgebliche Exponat stand freilich nur wenige Meter entfernt am Ausstellungsstand von Steffan Irmler: „Liesal“, 29 Jahre jung und gänzlich beulenlos – ein BMW 325i Gruppe A, aufgebaut für die DTM 1986 und vom Recklinghäuser BMW-Händler Vogelsang eingesetzt. Olaf Manthey war einst der Vertragsfahrer – und damit schloss sich der Kreis: Heute ist der 60-Jährige eine der zentralen Figuren des Porsche-Werksteams Manthey in der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC.

Manthey, der im April 2015 runden Geburtstag feierte und inzwischen seinen Wohnsitz von Meuspath am Nürburgring zurück nach Bad Bodendorf in die Nähe seiner Geburtsstadt Bonn verlegte, ist sich wie kaum ein anderer seiner Wurzeln bewusst. Dies dokumentierte er beim 43. AvD-Oldtimer-Grand-Prix Nürburgring gleich auf mehrfache Weise. Zum einen setzte er sich am Freitag, dem 7. August 2015, noch einmal selbst ans Steuer eines 250 PS starken und 830 Kilogramm leichten Ford Escort RS 1600. Mit dem Nachfolgemodell, dem RS 2000 mit 185 PS, driftete sich der bodenständige Rheinländer zu Beginn der achtziger Jahre in die Herzen vieler Fans und wurde so auf der Nürburgring-Nordschleife zum Favoritenschreck. Dank der Deutschen Produktionswagen-Meisterschaft, dem 1984 ins Leben gerufenen Vorläufer der DTM, schaffte der Mann mit dem Zwirbelbart den Absprung ins Profilager mit dem ersten Werksvertrag bei Austin Rover. Dort kam 1987 auch Marc Hessel, wie Olaf Manthey aus Bonn stammend, an. „Wir beide sind sogar aus derselben Straße – Pützchens Chaussee“, präzisiert Manthey. Die Parallelen sind mit dieser Feststellung noch lange nicht ausgeschöpft: 1987, beim „Bergischen Löwen“, dem zweiten DTM-Lauf jenes Jahres im belgischen Zolder, kamen Marc Hessel auf identischen BMW M3 E30 als Erster und Zweiter ins Ziel. Für Marc Hessel, einem Aufsteiger aus der Formel Ford 1600 und Neuling im BMW-Werksteam, war es der erste – und einzige – Sieg in der DTM. Für Olaf Manthey, der im Privatteam von Heinz Isert einen Platz gefunden hatte, war der zweite Rang im strömenden Regen eine weitere Gelegenheit, sein besonderes Fahrkönnen bei Nässe zu demonstrieren. 1987 sollten sich die zwei noch einmal auf den beiden obersten Stufen eines Siegerpodiums wiedersehen. Auf dem Norisring im Herzen Nürnbergs war die Reihenfolge im Ziel jedoch umgekehrt: Marc Hessel belegte nach unverschuldeter Kollision, die ihn an den Schluss des Starterfeldes zurückbeförderte, trotz einer eingedrückten Beifahrertür Rang zwei. Der neun Jahre ältere Manthey gewann – damals waren Siege noch ohne Werksfahrerstatus möglich, anfangs ein Ankerpunkt im Konzept der neuen DTM.

Erst 1989 war der Professionalisierungsgrad in der DTM so weit fortgeschritten, dass Semi-Privatiers für erste Plätze nicht mehr in Frage kamen. Zu diesem Zeitpunkt war Marc Hessel bereits aus dem Tourenwagen-Geschäft ausgestiegen und in der Formel 3 unterwegs. In der DTM 1987 hatte er bis zu einem hochdramatischen Saisonfinale auf dem Salzburgring zu den engsten Titelkandidaten gehört. Es war sein Teamkollege bei Zakspeed-BMW, der Belgier Eric van de Poele, der sich über den Gewinn der Meisterschaft freuen durfte. Hessel wechselte daraufhin zu AMG-Mercedes, durchlebte jedoch eine schwierige und obendrein unvollendete DTM-Saison 1988. Am 8. August 2015 sahen sich Marc Hessel (51) und Olaf Manthey (60) wieder – unlängst feierten beide runde Geburtstage. Die werk1-Redaktion hatte zu diesem Stelldichein eingeladen und einen Fototermin mit dem 1986er Ex-Manthey-BMW 325i organisiert. Das Fahrzeug, von seinem Erbauer Gotthard „Harry“ Valier einst auf den Namen „Liesal“ getauft, stellte Steffan Irmler zur Verfügung. Selbst seit mehr als zwei Jahrzehnten als Rennfahrer aktiv, brachte der Norddeutsche den neu aufgebauten 240-PS-Hecktriebler mit an den Nürburgring. Mehr noch: Marc Hessel erhielt die Einladung, den Wagen im „Tourenwagen Revival“ zu pilotieren. Auch Olaf Manthey hätte die Gelegenheit zu einem Gaststart mit seinem eigenen Ex-Auto wahrnehmen können – er zog es jedoch vor, sich bei hochsommerlichen Temperaturen auf harte zwei Stunden Fahrzeit mit dem Ford Escort RS 1600 zu konzentrieren. Lohn seiner freiwilligen Selbstkontrolle: Ein sensationeller zweiter Gesamtrang hinter einem Porsche, sehr auch zur Freude seines Teamkollegen Mike Stursberg. Steffan Irmler indes wechselte in seinen zweiten historischen Renntourenwagen, einen Opel Astra Stufenheck nach südafrikanischem STW-Reglement. Dieses Zweiliter-Fahrzeug erfuhr in jüngster Vergangenheit ebenfalls einen umfassenden Neuaufbau.

Sichtlich vergnügt erschienen Olaf Manthey, Marc Hessel, Steffan Irmler und die ebenso fahr-aktive Irmler-Vertragspilotin Tina Annemüller pünktlich um 11.00 Uhr am Samstagvormittag zum Fototreff am werk1-Stand. Für das Redaktionsteam lag in diesem Termin eine unerwartete Herausforderung. Denn aufgrund einer Unwetterwarnung am Vorabend musste das gesamte Equipment noch einmal abgebaut und sturmsicher eingelagert werden – bei den Nachbarn von Skoda, denen ein besonderer Dank gebührt. Der Auflauf, der bei werk1 schließlich entstand, bestätigte einmal mehr, welch starke Anziehungskraft von den einstigen Rennstrecken-Helden ausgeht. Da wurden alte Fotos – manchmal mit zitternder Hand vor lauter Aufregung – gezückt, da wurden Fotohandys gezückt, Fachgespräche geführt, in Erinnerungen geschwelgt. Marc Hessel, der nach seiner Profi-Rennfahrer-Karriere ein abgeschlossenes Architektur-Studium absolvierte und als Event-Manager auch für große Automobil-Konzerne tätig ist, war sich sicher: „Es lohnt sich, an die DTM in ihrer Urform durch mehr Veranstaltungen dieser Art zu erinnern und damit ein Grundbedürfnis vieler Fans zu erfüllen“. Während dessen saß Olaf Manthey mit verschmitztem Lächeln an seinem alten Arbeitsplatz und sinnierte: „Mir fehlte es 1986, im letzten Entwicklungsjahr vor dem BMW M3, eindeutig an Motorleistung. Nur hier am Nürburgring konnte ich einmal aufs Treppchen fahren – darum sitze ich auch mit etwas gemischten Gefühlen in diesem Auto!“ Gleichzeitig klopfte er Steffan Irmler freundschaftlich auf die Schulter und lobte ihn explizit für seinen Einsatz als Restaurateur des BMW 325i, über den werk1 schon einmal im Detail berichtete. „Es ist wichtig, vergangene Zeiten lebendig zu erhalten – heute vielleicht mehr denn je!“

Und so löste sich die illustre Runde (vorerst) wieder auf. 52.000 Zuschauer im weiten Rund des „Rings“ verfolgten das Geschehen bis zum Sonntagabend weiter – unter anderem dank vieler klangvoller Namen in den großen Starterfeldern. So startete WEC-Pilot André Lotterer mit dem 1981 von Bernd Lilier in der Deutschen Rennsport-Trophäe gefahrenen Audi Coupé Gruppe 2 des Mülheimer Tuners Rolf Nothelle. Dessen technischer Kopf war damals der Belgier Henri Lotterer, Vater des heutigen Audi-LMP1-Werkspiloten. Und das ist übrigens auch der Grund, warum André Lotterer am 19. November 1981 in Duisburg zur Welt kam – am Ende des Einsatzjahres jenes Fünfzylinder-Audi Coupés, mit dem er am Nürburgring mitmischte. Nicht nur für den dreifachen Sieger der 24 Stunden von Le Mans auf Audi war das Wochenende im historischen Lager vor allem eins: eine mitreißende, eine spannende, eine lebendige Zeitreise. Das unausgesprochene Motto lautete: Wir sind Helden!

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins