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1974er Porsche 911 Carrera, US-Original-Auslieferung

Als die Sekundenzeiger immer schneller liefen
„Captain Nice“ und der letzte Neunelfer

Leicht patiniert und seit dem Todessturz seines berühmten Erstbesitzers am 17. August 1975 in der Schweiz: Ja, diese schier unglaublichen Auto-Geschichten gibt es wirklich! Die Begegnung mit Mark Donohues letztem Privatwagen, einem 911 Carrera 2.7 in 165 PS leistender US-Version, ruft vielfältige Erinnerungen hervor: an das Gesicht eines pausbäckigen, gescheitelten Rennfahrers, an einen Geschwindigkeitsrekord in Talladega mit dem 917/30-003 und an seinen tragischen Tod nur zehn Tage später. Nach Jahrzehnten unter Verschluss ist zumindest der Motor vom Harz der langen Standzeit wieder befreit worden. Der letzte Neunelfer im Leben des „Captain Nice“ läuft gerade so, als sei die Zeit stehen geblieben.

werk1 tv zeigt - 1974er Porsche 911 Carrera 2.7 - Mark Donohue - Eggenberger Motorenbau - Lyss - CH.

werk1 tv zeigt – 1974er Porsche 911 Carrera 2.7 – Mark Donohue – Eggenberger Motorenbau – Lyss – CH.

„Schrumm!“ Der luftgekühlte Sechszylinder-Boxer im Heck des leicht patinierten Porsche 911 Carrera erwacht bei der ersten Drehbewegung am Zündschlüssel zum Leben. Dabei ist die US-Version mit dem feuerroten Pinstriping auf der unischwarz lackierten Karosserie annähernd 50 Jahre alt – ein Stück Zeitgeschehen, selbst die Spuren der Vergangenheit sind bestens erhalten. Den Mann am Dreispeichen-Volant wundert die Verlässlichkeit des Sportwagen-Klassikers nicht. „Eine Restaurierung wäre eine Sünde gewesen“, erklärt er, „wir haben uns verschiedene Gewerke vorgenommen, um diesen Wagen im Falle eines Besitzwechsels guten Gewissens weitergeben zu können.“ Nachdem Lothar Rothenheber, so der Name des sauber frisierten Volanteurs, kurz vor Fahrtantritt beiläufig einen Geldbetrag in Euro erwähnt hat, steht auch fest, wer bei der Ausfahrt durch das Berner Seeland am letzten Sonntag im Februar 2022 am Steuerrad sitzen wird und wer daneben. Die deutlich mehr als gesichert sechsstellige Zahl beschreibt das Gebot eines Sammlers, der den Neunelfer in seinen Fundus überführen wollte – und trotz seiner großzügigen Offerte scheiterte. Dabei ist das „Entenbürzel“-Coupé kein 2.7 RS mit 210 PS, sondern eine Ausführung mit 165 Pferdestärken aus einem ebenfalls 2.687 ccm großen Sechszylinder-Boxermotor mit Bosch-KE-Jetronic anstelle der mechanisch angetriebenen Sechsstempel-Einspritzpumpe.

Der Nimbus dieses RS, der in Wahrheit keiner ist, geht von seiner Vorgeschichte aus – einer US-amerikanischen „Ownership History“ mit Roger Penske als Leasinggeber. Der heute 80-Jährige ist seit gut fünf Jahrzehnten mit Porsche fest verbandelt. In Zukunft wird der Motorsport-Tycoon die Werkseinsätze der Stuttgarter in der neuen LMDh-Prototypenformel verantworten. Die Testfahrten des kommenden Porsche für die 24 Stunden von Le Mans laufen seit Februar 2022. US-amerikanische Autoren, die firm sind mit dem Zeitgeschehen jenseits des Atlantiks in den siebziger Jahren, reden im Zusammenhang mit Mark Donohue als (Zitat) „Roger Penskes erster Muse“. In der Tat war der pausbäckige Sohn eines Rechtsanwalts aus Summit im US-Bundesstaat New Jersey mehr als ein normaler Rennfahrer. „Captain Nice“ war einflussgebend, prägend, fordernd, zwingend – mehr Ingenieur als Volanteur. Den Porsche 917/30 mit seinem 5,4 Liter großen Zwölfzylinder-Turbomotor und 1.100 PS stimmte Donohue zu einem fahrbaren Rennsportwagen für die CanAm-Serie ab, die er 1973 völlig beherrschte. Nach Änderungen im technischen Regelwerk blieb 1975 eine letzte Bastion, der Geschwindigkeits-Weltrekord auf einer Rennstrecke. Den bestehenden Bestwert hielt A. J. Foyt mit einem Coyote-Ford in 350,53 km/h, diesen durchbrach Mark Donohue am 9. August 1975. In einem abermals modifizierten Porsche 917/30 mit 1.230 PS legte er 355,848 Kilometer als Durchschnittsgeschwindigkeit (!) vor.

Was angesichts der Heldentat im US-Bundesstaat Alabama undenkbar schien, passierte zehn Tage später: Nach einem Unfall im Aufwärmtraining des Großen Preises von Österreich in Zeltweg starb Donohue 37-jährig in einem Krankenhaus in Graz. Was war geschehen? Am Rennsonntag war am March-Cosworth, den Roger Penske in der Formel-1-Weltmeisterschaft einsetzte, ein Reifen geplatzt. Der Unglückspilot durchschlug eine hölzerne Reklametafel und verletzte sich dabei am Kopf. Diese Verletzung blieb zunächst unbemerkt, bis Mark Donohue über zunehmend schlimmer werdende Kopfschmerzen klagte, ins Hospital gebracht wurde und dort ins Koma fiel. Am Dienstag nach dem Unfall starb er, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Ehegattin Eden Donohue verklagte den Reifenhersteller Goodyear daraufhin auf 20 Millionen Dollar Schadenersatz und bekam zumindest teilweise Recht. Goodyear verzichtete darauf, in die Berufung zu gehen und einigte sich mit der Witwe außergerichtlich auf eine Zahlung von 9,6 Millionen Dollar. Zurück blieb ein Porsche 911 Carrera 2.7, mit dem der Verstorbene zu den europäischen Grand Prix der Formel 1 1975 gereist war ( … to be continued … )

Weiterlesen? Sehr gerne: in der kommenden werk1-Ausgabe 02/2022. Schon bald im gut sortierten Zeitschriftenhandel …