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„Porsche 936“ von Jürgen Barth und Bernd DobronzWenn Rennfahrer Bücher schreiben, kann das gründlich schiefgehen. Wenn Jürgen Barth ein Buch vorlegt, dann ist es ein Fest. Dem Fahrzeugtyp, mit dem er 1977 die 24 Stunden von Le Mans gewann, hat er gemeinsam mit Co-Autor Bernd Dobronz eine 368 Seiten umfassende Hommage gewidmet, die penibel dokumentiertes Zeitgeschehen und packender Lesestoff zugleich ist. Carsten Krome, der 2010 zum Rechercheteam des Barth-Buchwerks über den Porsche-Typ 935 gehörte, über ein Suchtmittel zum Blättern und Festbeißen.

Am 12. Juni 1977 um 16.03 Uhr überquerte Jürgen Barth bei den 24 Stunden von Le Mans die Ziellinie als Sieger. Dem Triumph des damals 29-Jährigen Porsche-Werkspiloten waren dramatische Momente vorausgegangen. Umso befreiender war der Erfolg des gebürtigen Sachsen, der in seiner Rennfahrer-Karriere ein besonders wertvoller sein sollte. 16 Jahre später, im Juni 1993, sicherte er sich mit dem Larbre-Porsche 911 RSR 3.8 (Typ 964) an der Sarthe nochmals einen GT-Klassensieg. Dem Spyder mit den berühmten Martini-Streifen hat der Publizist ein überaus empfehlenswertes Buch gewidmet: „Porsche 936″ ist eine Hommage an einen Sportprototypen, von dem nicht mehr als fünf Exemplare gefertigt worden sind. Drei von ihnen fuhren in einem Zeitraum von fünf Jahren erste Plätze in Le Mans heraus, und keins der drei Fahrgestelle konnte dies mehr als einmal erreichen. Der offene, zweisitzige Porsche-Typ 936 ging als kosteneffizienter Rennsportwagen in die Annalen ein. Er hatte auf die Schnelle und mit überschaubaren Budgetmitten auf die Räder gestellt werden müssen, um die Teilnahme an der Sportwagen-Weltmeisterschaft 1976 zu ermöglichen. Die Prioritäten lagen zu dieser Zeit ganz woanders, folglich musste nach dem Baukasten-Prinzip gearbeitet werden. Zum Glück hatten die vier Porsche 908/3, die 1975 im Werk auf 2.14 Liter große Turbomotoren umgerüstet worden waren, den richtigen Weg gewiesen. Dies und Restbestände aus der Ära der CanAm-Porsche 917/10 und 917/30 waren die Grundlagen einer Neukonstruktion. Die Projektleitung hatte der Porsche-Ingenieur Helmut Flegl inne, den Professor Fuhrmann eigens dafür aus der Serienentwicklung abzog. Zu den Schlüsselpersonen gehörte neben Ingenieur Norbert Singer und dem Motorenmann Valentin Schäffer zu einem frühen Stadium auch der heutige Buchautor Jürgen Barth. Bei den 24 Stunden von Le Mans 1975 hatten er, Mario Casoni und Fahrzeugeigner Reinhold Joest mit dem damals fünf Jahre alten Porsche 908/3 mit Dreiliter-Saugmotor den Sieg an der Sarthe infolge einer längeren Reparaturzeit an der Box nur knapp verfehlt. Statt dessen kamen sie an vierter Stelle ins Ziel. Dies führte zu der Erkenntnis, dass vor allem in der Auseinandersetzung mit Renault ein moderneres Konzept notwendig sein würde. Das Ergebnis: Ein Jahr später, bei den 24 Stunden von Le Mans 1976, standen zwei neue Porsche 936 am Start, und Jürgen Barth steuerte gemeinsam mit seinem Freund Reinhold Joest eine dieser beiden Flundern. Er saß jedoch im „falschen“ Chassis 936.001, mit dem am 4. April 1976 auf dem Nürburgring die Weltpremiere stattgefunden hatte. Rolf Stommelen war der Fahrer gewesen. Statt dessen gewannen Jacky Ickx und Gijs van Lennep mit dem zweiten produzierten Fahrgestell, dem 936.002. Ein weiteres Jahr später, immer noch im 936.001, gelang Jürgen Barth zusammen mit Jacky Ickx und Hurley Haywood dann der historische Erfolg an der Sarthe.

Dies und unzählige weitere Anekdoten erzählt der Reglements-Experte und langjährige Koordinator des Porsche-Kundensports erfrischend lebensnah und echt. Nichts an diesem Buch ist aufgesetzt oder aus spürbar dritter Hand wie bei vielen anderen sporthistorischen Bänden, die den Markt zurzeit regelrecht überschwemmen. Das führt im Umkehrschluss leider dazu, dass dieses Buch seinen Leser über Stunden fesselt. Die Genauigkeit, mit der die technische Entwicklung, die Einsätze oder auch die Lebensläufe der einzelnen Chassisnummern aufgearbeitet werden, ist schwer zu überbieten. Dabei sind auch die vier Porsche 908/3 mit 2.14-Liter-Turbomotoren als ideelle Vorläufer des 936 mit einbezogen und manches Mysterium wird aufgelöst. Zentrale Kapitel sind Hermann Dannesbergers Martini Racing Team 1975 mit dem 908.03.006 oder auch den vielerorts durcheinandergebrachten „Neunachtern“ des Eberbacher Dentisten Dr. Siegfried Brunn zugeordnet. Natürlich erhält auch Reinhold Joest, ab 1972 Eigner zweier 908/03 mit den Chassis-Endnummern 008 sowie 0012 und der Prototyp des Sportwagen-Kundenpiloten, seine Würdigung. Mit dem Joest-Chassis 908.03.008 erreichte Jürgen Barth als Partner von Rolf Stommelen am 25. Mai 1980 einen zweiten bedeutenden Erfolg. Das Duo gewann mit dem damals schon zehn Jahre alten Fahrgestell das 1.000-Kilometer-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife. Dies war immerhin der deutsche Lauf zur Marken-Weltmeisterschaft 1980 und in dieser Eigenschaft bestens besetzt. Die Übergangszeit in der Deutschen Rennsportmeisterschaft 1982 kommt ebenfalls zu Ehren, als Joest und die Kölner Kremer-Brüder die Porsche-Fahne hochhielten. Knapp ist die Story des Kremer-936.005 ausgefallen, mit dem der junge Stefan Bellof am 29. August 1982 seinen Einstand im Sportwagen feierte. Bei dieser zuletzt gebauten Langheck-Version mit 1978er Werks-Ersatzkarosserie handelt es sich strenggenommen um eine Nachfertigung. Kremer schweißte den Giitterrohrrahmen aus Aluminium-Rohrmaterial auf der hauseigenen Richtplatte selbst und installierte, ebenfalls aus seinen eigenen Altbeständen, einen 2,8-Liter-Motor aus dem Porsche 935/78. Dennoch nimmt dieses Kuriosum genauso seinen Platz ein wie die insgesamt drei Gruppe-C-Sonderfälle 936C und CK5. Begleitet wird die Sisyphusarbeit, an der einmal mehr Bernd Dobronz beteiligt gewesen ist, durch zahlreiche bislang noch nicht veröffentlichte Fotos. Gerade das macht die Intimität aus, mit der das Autorenteam sein Publikum gekonnt einfängt. Die Bilder der ausgelassenen Siegesfeier am Abend des 12. Juni 1977 am Rande der langen Geraden von Le Mans sind Zeugnisse einer wilden, phantastischen Zeit. Fazit: mit 98 Euro einerseits kein Sonderangebot, dafür allerdings sehr zu empfehlen als eine Pflichtlektüre für alle, die mit Phrasen der Gewichtsklasse „Pionier in Pole-Position“ und verkehrten Überlieferungen nicht viel anfangen können. Aber Vorsicht: „Porsche 936″ ist viel mehr als nur ein Buch. Es ist ein hochwirksames Suchtmittel. Unsere Empfehlung: Legen Sie es sich in Ihr Reisegepäck, aber auf gar keinen Fall in Ihre Bürotasche!

words: carsten krome netzwerkeins
images: © Privatarchiv Jürgen Barth

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Bibliografische Angaben

Titel: Porsche 936
Autoren: Jürgen Barth, Bernd Dobronz
Sprache: Deutsch
Verlag: Motorbuch Verlag
Auflage: 1. Auflage (März 2015)
Umfang: 235 x 269 mm, 368 Seiten, 307 S/W-Bilder, 189 Farbbilder
Format: Gebunden
ISBN-10: 3613037564
ISBN-13: 978-3613037564
Preis: 98.00 Euro
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