Bei den Tourenwagen Classics (TWC) feierte 2018 eine neu formierte Mannschaft ihren Einstand. Zwei Altstars der DTM in ihrer ursprünglichen Form teilten sich einen frisch restaurierten BMW-Renntourenwagen. Marc Hessel (53) und Christian Menzel (46) bildeten das Fahrerteam von 2.0 Automotive aus Düsseldorf. Das Profi-Duo setzte auf einen M3 auf dem Stand der Gruppe A von 1988. Es erwies sich als Vorhut zu mehr. Denn auch die legendären grün-goldenen Zeiten sollen in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens schon bald wiederbelebt werden – in der Original-Besetzung von damals.

Sebastian Küppers, 1981 geboren, war sechs Jahre alt, als er beim „Bergischen Löwen“ im belgischen Zolder eine Schlüsselsituation erlebte. Gemeinsam mit seinen Eltern reiste der Junge vom Niederrhein zum zweiten DTM-Lauf der Saison 1987. Im strömenden Regen kam ein BMW M3 mit Startnummer eins auf ihn zugefahren. Mit hochfrequent drehendem Vierzylinder-Vierventilmotor der Spezifikation „S14“. Dabei handelte es sich um das Zakspeed-Exemplar des 22-jährigen BMW-Juniors Marc Hessel aus Bonn. Mit Motor-Drehzahlen weit oberhalb der 8.500/min gewann der Zweitürer aus München das Herz des kindlichen Rennbesuchers. Heute ist dieser Augenblick die Antriebskraft hinter einem Rennprojekt bei den Tourenwagen Classics, kurz TWC: Christian Menzel (46) – und Marc Hessel, inzwischen 53-jährig, teilen sich das Cockpit eines BMW M3 E30 des Jahrgangs 1988. Sebastian Küppers – an dieser Stelle schließt sich der Kreis – hat das Originalfahrzeug aus dem Fundus des BMW-Werksteams erworben und in den vergangenen fünf Jahren restauriert.

Auf dem Hockenheimring gab sich die neu formierte Mannschaft im April 2018 die Ehre. Als wären keine drei Jahrzehnte ins Land gegangen – so stand der BMW M3 E30 2.3 von Marc Hessel und Christian Menzel da. Inmitten des Fahrerlagers der Tourenwagen Classics richtete sich Sebastian Küppers mit seiner Mannschaft im Teamzelt ein. Der frisch restaurierte Rennbolide der Gruppe A wirkte wie aus dem Ei gepellt. Schneeweiß schimmerte der Neulack aus den Radhäusern – dort also, wo eigentlich Slickreifen rotieren und schmierig-schwarze Spuren hinterlassen. Einen ähnlich blitzsauberen Eindruck vermittelte der Motorraum: Rund um den Reihen-Vierzylinder-Treibsatz erstrahlte ebenso viel leuchtend weiß lackiertes Karosserieblech wie in den Radhäusern. Sebastian Küppers zu den Hintergründen: „Wir versetzen in unserem Düsseldorfer Betrieb automobile Klassiker in den Neuzustand – BMW-Fahrzeuge größtenteils, aber auch Mercedes-Benz und Porsche. Nachdem wir bisher zumindest einen Schwerpunkt im Straßen- und Sammlergeschäft gesetzt haben, bedeutet uns der Aufbau eines DTM-Renntourenwagens natürlich sehr viel. Es ist Herausforderung und Herzensangelegenheit zugleich. Wir haben dieselben hohen Maßstäbe angelegt wie bei einer Restaurierung für einen unserer anspruchsvollen Sammler.“

Dass das gesamte Fahrzeug strenggenommen zweimal existiert – ein zweites Mal in Ersatzteilen oder in montagebereiten Baugruppen – nehmen die beiden Fahrer mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Sowohl Marc Hessel als auch der sieben Jahre jüngere Christian Menzel sind sich des Wertes bewusst, die der 30 Jahre alte BMW M3 inzwischen repräsentiert. Abhängig von der sporthistorischen Relevanz werden am Weltmarkt zwischen 250.000 und 300.000 Euro für ein einsatzbereites Spitzen-Exemplar gezahlt – bei weiterhin steigender Tendenz. „Bei aller Begeisterung – wir wollen nichts kaputtmachen“, beschreibt Marc Hessel seine Eindrücke. „Christian und mir geht es darum, dieses automobile Stück Zeitgeist adäquat zu präsentieren – angemessen bewegt zwar, aber stets mit einem Blick auf die geleistete Arbeit und Investition.“ Neben Sebastian Kippers leistet der österreichische Ex-Fußballprofi Martin Stranzl als Patron und Mitgesellschafter einen unverzichtbaren Beitrag. „Auch wenn wir uns über jeden neuen Sponsoring-Partner freuen“, sagt Sebastian Küppers, „sind wir insgesamt gut aufgestellt – wir setzen auf das einzige rein professionelle Fahrerteam im Starterfeld.“

Dass Marc Hessel und Christian Menzel Mitfavoriten auf die Meisterschaft sein würden, wollten beide nicht gelten lassen. „Von vornherein stand unsere Teilnahme an vier oder fünf Läufen fest, das machte uns allein schon rechnerisch nicht zu Anwärtern auf den Titel“, analysierte Hessel, der 2017 am Rande der Essen Motor Show mit Sebastian Küppers in Kontakt trat. „Christian Menzel hatte 2.0 Automotive schon früher kennen- und schätzen gelernt – auch als Privatkunde. Er war dann am 1. Dezember 2017, dem Eröffnungstag der Essen Motor Show, beim DTM-Legendentalk dabei und stellte die Verbindung her.“ Nach der Wegweisung in der Essener Messe nahm die bereits seit viereinhalb Jahren andauernde Restauration des 1988 vom BMW Team Zakspeed – Marc Hessels Arbeitgeber während der DTM-Saison 1987 – als Testfahrzeug eingesetzten Gruppe-A-M3 E30 2.3 nochmals an Fahrt auf. Zwei Roll-Outs in der winterlich-kalten Eifel – einmal im Fahrsicherheitszentrum am Rande des Nürburgrings, einmal auf dem Eifelkurs selbst, schlossen sich an. Auf dem Hockenheimring erlebte das Team 2.0 Automotive im April 2018 den ersten Einsatz unter Wettbewerbsbedingungen.

Sorgfaltsprinzipien galten für die technische Vorbereitung. Der BMW M3 E30 2.3 von 2.0 Automotive ist in der Klasse 3 für reinrassige Gruppe-A-Fahrzeuge eingeteilt, und das Team nahm diese Klassifizierung von Anfang sehr ernst. „Wir halten uns in allen Punkten exakt an die technische Dokumentation, die uns Peter Zakowski zur Verfügung gestellt hat“, fasste Sebastian Küppers zusammen. „Diesen Aufzeichnungen, die die technischen Entwicklungsstände natürlich beinhalten, sind wir verpflichtet. Sie machen die Identität unseres Tourenwagen-Klassikers aus.“ Sebastian Küppers fügte noch hinzu: „Wir sind echte Typen – unsere Autos und unsere Fahrer in gleichem Maße!“ Zu echten Typen gehört freilich auch ein Eigenleben. Das gilt für Mensch und Maschine. Bei hochsommerlichen Temperaturen zeigte sich auf dem Hockenheimring, dass noch thermische Hausaufgaben im Bereich der Sensorik zu lösen waren. Doch schon beim zweiten Lauf auf dem Lausitzring feierte die durch das Bochumer BMW-Urgestein Dirk Budde verstärkte Mannschaft die erste Zielankunft – Platz zwei in der Klasse 3 (Tourenwagen der Gruppe A) und Gesamtrang acht mit 19 zurückgelegten Runden – ein wichtiger Erfolg für die noch junge Truppe.

Das Highlight schlechthin war jedoch der Auftritt beim Saisonfinale im Oktober 2018 auf dem Hockenheimring. Nach Christian Menzels verletzungsbedingtem Startverzicht gab Frank Schmickler seinen Einstand als DTM-Legendenfahrer an der Seite von Marc Hessel. Bis auf den sechsten Rang brachte das neu formierte Duo den M3 vom 33. Startplatz nach vorne – um in der Schlussrunde mit gebrochenem Gaspedal stehenzubleiben. Dennoch zog Sebastian Küppers ein positives Fazit: „Mehr Neuteile als wir kann man eigentlich nicht einbauen, trotzdem sind uns im Laufe des Jahres die kuriosesten Defekte passiert. Wir können das nur als Wink des Schicksals annehmen – wir haben in diesem Jahr alles Pech der Welt kassiert, um in der kommenden Saison ganz ohne Kuriositäten durchzufahren und um den Meistertitel zu kämpfen. Dass ein anderer Klasse-3-Tourenwagen in der Gesamtabrechnung auf den dritten Rang nach vorn gefahren ist, stimmt uns natürlich zuversichtlich. Fest steht so oder so, dass ich unendlich stolz auf mein Team sein kann, das niemals aufgegeben und in jeder Situation versucht hat, das Unmögliche möglich zu machen. Mit unserem Konzept einer reinen Profi-Fahrermannschaft waren wir die große Ausnahme im Feld der ProAm-Kombinationen, auch das wird sich auszahlen.“ Marc Hessel reichte es in der Schlussabrechnung zum dreizehnten Tabellenplatz, sein Stammpartner Christian Menzel hatte in weniger Rennen punkten können, und so fügte er hinzu: „Wir haben uns exakt an das Reglement der DTM-Gruppe A auf dem Stand von 1988 gehalten und sind immer besser in Fahrt gekommen. Darauf werden wir im kommenden Jahr aufbauen, unsere gesammelten Erfahrungswerte kann uns niemand nehmen!“

Damit nicht genug: Sebastian Küppers ist auf dem besten Weg, sich und seinem Unternehmen von der Grafenberger Allee in Düsseldorf einen weiteren Kindheitstraum zu erfüllen. Er verrät: „Für mich war das MM-Diebels Team in de frühen neunziger Jahren immer etwas ganz Besonderes. Durch meine Eltern kam ich früh mit der Privatbrauerei Diebels in Issum in Berührung. Ich habe mir immer gewünscht, eines Tages einen der drei BMW M3 in Grün und Gold wieder aufzubauen. Natürlich wollte ich den dann auch immer im Rennen einsetzen.“ Schon vor geraumer Zeit nahm er mit Frank Schmickler aus Rösrath bei Köln einen der drei Vertragsfahrer aus der Saison 1990 in sein Team auf. Die anderen beiden – Günter Murmann und Anton Goeser – weilen schon lange nicht mehr unter uns. Darüber hinaus begann er mit dem Aufbau eines historischen Archivs mit zum Teil unwiederbringlichen Unterlagen. Und es ergab sich die Gelegenheit, das ursprünglich von Anton Goeser gefahrene Original-Chassis ausfindig zu machen und möglicherweise auch zu übernehmen. „Letzteres ist recht seit gediehen“, stellt Sebastian Küppers mit einer Mischung aus Vorfreude und Aufregung fest, „aber noch nicht ganz in trockenen Tüchern – wenn wirklich alles klappt, sehen wir Frank Schmickler demnächst einen echten Diebels-BMW fahren!“ Außerdem erwacht in Zusammenarbeit mit Dirk Budde ein weiteres Wahrzeichen des Tourenwagen-Rennsports zu neuem Leben: jener BMW 325i Gruppe A, der 1986 mit Winfried Vogt, Markus Oestrich und Otto Rensing das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring gewann. „Auch diesen legendären Dauerläufer wollen wir am liebsten – von Winnie Vogt leider abgesehen, der 1989 viel zu früh verstorben ist – mit den damals erfolgreichen Originalfahrern zurück auf die Rennstrecke bringen.“ Zusammenfassend sagt er: „Einerseits haben wir viel zu tun. Auf der anderen Seite haben wir die Chance, unsere Träume und vor allem die unserer Kunden zu verwirklichen. Und das ist etwas ganz Einzigartiges, dafür sind wir dankbar!“

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

Fotografie: Sylvia Pietzko

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