1996 kletterte Heinz-Jörgen Dahmen zum vorerst letzten Mal in das Cockpit eines Sport-Prototypen. Sein eigenhändig gebauter Porsche 962 CanAm hatte in der ehemaligen Interserie immer wieder für Aufsehen gesorgt. Als der Umstieg zu den aufwendigen World-Sportscars (WSC) ein Jahr später scheiterte, wurde es still um den Krefelder Privatier. Er zog sich in ein Flusswasserwerk am Rheinufer zurück, restaurierte es unermüdlich. Bis Engländer auftauchten und das Rennmaterial aus vergangener Zeit übernahmen. Was anstellen mit dem Erlös? Die Antwort wurde am 13. November 2003 offiziell. An jenem Donnerstag drückte „Body“ den Startknopf eines nagelneuen 996 GT3-RS aus Weissach. Wie es beim Stapellauf im belgischen Zolder zuging, weiß Augenzeuge Carsten Krome.

Die Sonne strahlt wie im schönsten Frühling. Dabei sollte zu dieser Jahreszeit der Winter anklopfen – Weihnachten ist nicht weit und der erste Schnee ebensowenig. So sei es eben an diesem Donnerstag in Zolder! Früher war der Omloop Terlamen in der belgischen Provinz Limburg zu Terminen wie diesen übervölkert gewesen. Rennställe testeten, was das Zeug hielt. Mitunter missglückte der brisante Dialog zwischen Formelwagen, Trucks und DTM-Boliden. Dann schepperte es gewaltig. Die Arbeit der vergangenen Monate begann für so manchen Betroffenen von vorn. Doch die Zeiten haben sich geändert. Es sind nicht dasselbe Heer Aktiver unterwegs wie früher. Die Rezession hat viele Idealisten in die Knie gezwungen. Für Heinz-Jörgen Dahmen kein Grund zur Trübsal. Er tritt noch einmal an. Nach mehr als sieben Jahren Pause.

1996 hatte der Krefelder Selbstfinanzierer zuletzt im eigenen Porsche 962 CanAm gesessen. Der in Eigeninitiative erdachte und schlussendlich auch hergestellte Sport-Prototyp war vielen ein Rätsel gewesen. So hatte Dahmen jede einzelne Niete im Aluminium-Monococque selbst gesetzt und die Karosserieformen ohne fremde Hilfe erstellt. Grundlage war der bahnbrechende Gruppe-C-962 gewesen. Die Flunder aus Weissach prägte von 1984 an die Sportwagen-Welt. Ab 1982 war der 956 von Sieg zu Sieg geeilt. Doch irgendwann endet jede Ära. Zwar hatten führende Rennställe noch den Umstieg zu den offenen World Sportscars (WSC) versucht. Sie kamen aber zu spät. Fabrikate wie Audi oder BMW drängten massiv in die einstige Domäne der Stuttgarter hinein. Privatiers waren von vornherein chancenlos. Dies bekam auch Heinz-Jörgen Dahmen zu spüren. 1997 versuchte er, den CanAm-Boliden entsprechend zu verwandeln. Der Fahrersitz rückte aus der Mittelachse heraus, um Platz zu schaffen für eine zweite Vollschale. Dies schrieb das Reglement vor.

Gerollt ist Dahmens geniales Werk leider nie. Statt dessen zog sich der Seidenweberstädter zurück in ein Flusswasserwerk an Uerdingens Rheinufer. Wo einst Bundesliga-Fussball gespielt wurde, rodete der Selfmademan ganze Waldgebiete ab. Was ihn schlussendlich nicht so richtig befriedigte. Denn der Gedanke an ein Comeback im schnellen Porsche ließ ihn niemals los. Fast hätte er den Interserie-Einsatzwagen von 1990 wieder flottgemacht. Damit war er Gesamtdritter geworden. Klassenprimus: der junge Bernd Schneider im Kremers Kenwood-962C. Englische Idealisten bauen Schönheiten wie diesen eine Bühne auf Clubsport-Niveau. Sie zogen zum Beispiel eine Schwadron gut erhaltener TWR-Jaguar an. Der Run aus Deutschland jedoch blieb aus. Monetäre Anreize fehlten. Die Zeche allein zahlen wollte niemand. Auch Heinz-Jörgen Dahmen nicht. Damals im ehemaligen Würth-Supercup winkten Antritts- und Preisgelder. Sie milderten die hohen Betriebskosten. Die Konsequenz: Anders als heutzutage konnten pfiffige Amateure die Profis fordern, ohne ihren Bankrott zu riskieren.

Dahmen blieb skeptisch, wartete ab – und setzte das gesamte Material schließlich nach England ab! Der Erlös reichte aus, um in Weissach vorstellig zu werden. Porsches Kundensportabteilung besaß noch einen 996 GT3-RS – das zuallerletzt produzierte Ausstellungs-Exemplar. Wenige Tage nach seinem Geburtstag an Allerheiligen 2003 übernahm der Rückkehrer seine jüngste Eroberung. Die erste erstaunliche Erkenntnis: Der bewährte Transporter aus alten Tagen erwies als zu kurz! Auch sonst musste der Routinier umdenken. Produktionswagen lockten ihn früher nicht besonders. Das ultimative Fahrgefühl seiner Bodeneffekt-Eigenkonstruktion hielt er für nicht steigerungsfähig. Wie man sich irren kann – ein Dreher markierte den Auftakt der Jungfernfahrt von Zolder! Bestaunt worden war der leuchtend weiße Elfer in der Boxengasse. Selbst Le-Mans-Crack Marc Goossens staunte. Er sondierte die Lage, wohl auf Cockpitsuche für die heimische Belcar-Meisterschaft. Einige ihrer Protagonisten chauffierten Marketingmenschen um den Kurs, auf Sponsorenfang für die bevorstehende Saison. Sie stellten einen farbenfrohen Rahmen, mehr nicht. Ernsthafte Vergleiche ließ das Fundraising kaum zu.

Heinz-Jörgen Dahmen bemühte seine Trickkiste, angehäuft seit den siebziger Jahren. Und er bat den Lokalheroen Jaak Janssen hinter das abnehmbare Volant. Der kehrte nach einer einzelnen Runde zurück, eröffnete sichtlich beeindruckt: „Klasse Auto, impulsives Fahrwerk!“ Selbiges galt wohl auch für einen eilends zusammengestellten Satz gebrauchter Reifen. Wie dem auch sei – sechs Wochen vor Weihnachten klebte erster Schmutz in den Radhäusern, verbunden mit einer schönen Gewissheit: Es geht wieder los! Die nächsten fünf Jahre will „Body“ Dahmen im Kreis umherflitzen wie einst im Mai. Als seine Kontrahenten Kelleners hießen, Kannacher oder Schickentanz. Und ein Renn-Carrera RSR insgesamt rundlicher wirkte. Aber was macht das schon? Der Funke glimmt. Darüber dürfte sich das Belcar-Kollegium kaum freuen. Der Gast vom Niederrhein wird ihnen einheizen. Darauf haben er und seine bessere Hälfte Karin sich eingeschworen. Dass Freunde ihn „Body“ nennen dürfen, rührt von ausgeprägter Durchsetzungskraft.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome Netzwerkeins

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