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Sport im Fünften – darauf hatten sich einst vier Hobbyisten und ihre technischen Betreuer eingeschworen. Zwei VW Golf 5 R-TDI mit 210 PS starken Turbodiesel-Motoren standen ihnen zur Verfügung, dazu ein signifikantes Ersatzteilpaket – aber kein unbegrenztes Einsatzbudget. Und so blieb das ursprüngliche Ziel, das einst hinter der Gründung ihres Project Orange Racing Teams stand, unerreicht. Denn eigentlich sollte das 24-Stunden-Rennen Nürburgring in Angriff genommen werden. Glücklicherweise erkannten alle Beteiligten, dass ihnen die Freundschaft viel wichtiger ist als ein Kraftakt, um auf Biegen und Brechen am größten Autorennen des Jahres teilzunehmen.

Orange County – das liegt im US-Bundesstaat Kalifornien. Doch vier Motorsport-Enthusiasten aus dem Osnabrücker Land – Andreas von der Haar, Maik Kruse, Christian Eckstein und Oliver Mix – verlegten es kurzerhand nach Hasbergen-Gaste. Am Ende einer Straße, die ohne Navigation kaum auffindbar zu sein scheint, bezogen sie eine geräumige Halle mit angrenzendem Wohnbereich, den keiner von ihnen dauerhaft nutzt. Dort kommen sie zusammen, um ihre Verbindung zu pflegen, über Pferdestärken und Newtonmeter zu diskutieren sowie Renneinsätze zu beschließen. Oder diese nötigenfalls wieder abzusagen. Zu letzterer Kategorie gehört – ausgerechnet! – das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Es ist die wichtigste Motorsport-Veranstaltung Deutschlands, zwei der vier Niedersachsen – von der Haar und Kruse – haben 2007 als Fahrer daran teilgenommen. Seitdem sind einige Jahre vergangen. 2008 stand einer weltweiten Wirtschaftskrise eine unverhältnismäßige Kostenentwicklung gegenüber. Die Preise – zumindest im Mittelfeld, in dem Großserien-Fahrzeuge mit Turbodiesel-Technologie und Frontantrieb zwangsläufig anzutreffen sind – verdoppelten sich. Die Konsequenzen: immer weniger Volkswagen, die einst das Rückgrat des Langstreckensports auf dem Eifelkurs bildeten. Auch die einstigen Erzrivalen aus dem Hause Opel gehören längst zu den Exoten. Statt dessen bestimmen immer mehr Supersportwagen das Bild. Der Porsche 911 GT3 Cup nimmt inzwischen denselben Stellenwert ein wie einst der Golf GTI: ein Spiel- und Spaßgerät für jedermann – eine verkehrte Welt?

In diesem logisch schwer nachvollziehbaren Trend lag für das Project Orange Racing Team – diesen Namen verlieh sich die eingangs erwähnte Sportgemeinschaft aus Hasbergen-Gaste – ein Dilemma. 2008 ging sie das Abenteuer 24-Stunden-Rennen Nürburgring ernsthaft an und baute eigens dafür eine Infrastruktur auf. Dazu gehörte ein 2006er VW Golf 5 R-TDI, der bei den 24 Stunden von Bahrain und darüber hinaus in der ADAC-Procar-Serie zum Einsatz gekommen war. Dank eines 210 PS leistenden Turbodiesel-Treibsatzes mit vier Ventilen pro Zylinder und 430 Newtonmeter maximalem Drehmoment war der Zweitürer ähnlich gut aufgestellt wie der 2001 von ATS und Speed Lab. in der Grünen Hölle, der Nürburgring-Nordschleife, an den Start gebrachte VW Bora 1,9 TDI. Die Entwicklungshintergründe dieser beiden Selbstzünder waren durchaus vergleichbar: Während der Bora kurz nach der Jahrtausendwende mithilfe des Werks-Kundensports zu Kräften kam und einmal sogar in den Händen des langjährigen VW-Sportchefs Kris Nissen durch die Eifelwälder eilte, entstammte der 2006er Golf 5 R-TDI der Rennsportgemeinschaft Wolfsburg, kurz RSG. 1987 von Michael Dernedde und zwei weiteren Hobby-Motorsportlern gegründet, steht diese privat geführte Mannschaft Volkswagen zumindest räumlich nahe. Der Teamsitz befindet sich im niedersächsischen Croya. Obwohl die RSG niemals ein offizielles Werksteam war, bestand zumindest ein Netzwerk mit wichtigen Instanzen bei Volkswagen, angefangen mit dem betriebsinternen Coaching-Programm für förderungswürdige Nachwuchskräfte.

Da Michael Dernedde als Automobil-Kaufmann es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Teambestand durch An- und Verkäufe regelmäßig aufzufrischen, vermarktete er 2008 den zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alten Golf 5 TDI. “Bei der Tourenwagen-Weltmeisterschaft in der Motorsport Arena Oschersleben haben wir den Handel damals unter Dach und Fach gebracht“, beschreibt Andreas von der Haar. Dernedde lernten er und Maik Kruse als Helfer in höchster Not kennen. 2007 nahm das Duo mit einem Golf 4, den ihnen Traudl Klink und Mario Hebler vermieteten, am 24-Stunden-Rennen Nürburgring teil. Nach einem Getriebeschaden borgten sie sich bei der RSG Wolfsburg Ersatz aus. Weit kamen sie damit allerdings nicht. Im dichten Nebel der Rennnacht, der später zu einer mehrstündigen Unterbrechung führen sollte, rutschte Maik Kruse in die Leitplanken. Dieser Zwischenfall bedeutete zwar nicht das Aus, mehr als ein mittelklassiges Ranking war aber nicht drin – im darauffolgenden Jahr sollte alles besser werden. Die beiden Praktiker – der eine bei Volkswagen in der Entwicklung beschäftigt, der andere Karosseriebauer – verbündeten sich mit Netzwerkern aus anderen beruflichen Welten. Sie alle verband die Liebe zum Motorsport, und heute räumen sie ein, sich ohne ihre gemeinsame Leidenschaft wohl eher nicht über den (Lebens-)Weg gelaufen zu sein. Christian Eckstein hatte sich als multipler Franchise-Nehmer einer Fastfood-Kette bereits als lokaler und regionaler Sportförderer betätigt, Oliver Mix brachte als damaliger Leiter des Osnabrücker Stadtmarketings einen Erfahrungsschatz mit ein. Letzterer stellte 2008 eine Kalkulation für das 24-Stunden-Rennen auf und ermittelte 25.000 Euro Kosten. Damit war es beileibe nicht getan. Um gut gerüstet in den Wettbewerb einzusteigen, war ein halbes Jahr an intensiver Vorbereitungszeit anzusetzen – und die konnte niemand erübrigen. Alle vier Akteure waren beruflich zu stark eingespannt, und niemand hätte dem Vorschlag zugestimmt, externe Dienstleister mit den anstehenden Arbeiten zu beauftragen.

Da sich die Kostenspirale – nicht zuletzt durch Gebühren des Rennveranstalters – immer schneller zu drehen begann, fiel eine mutige Entscheidung. Statt einen Kraftakt zu wagen und die 24-Stunden-Teilnahme mehr oder weniger zu erzwingen, schaffte das Quartett lieber einen zweiten Renndiesel und darüber hinaus ein signifikantes Teilepaket an. Mit dem Bördesprint sowie der Rundstrecken-Challenge auf dem Nürburgring, kurz RCN, fanden sich sportliche Alternativen. Das Problem lag jedoch darin, dass sich in beiden Serien keine vier Fahrer ein Auto teilen konnten, sondern nur zwei. Zudem erwies es sich bei den Trainingseinheiten als hilfreich, wenn sich die im Renngeschäft weniger routinierten Teammitglieder an den vorausfahrenden Vorderleuten orientieren konnten, als nur daneben zu sitzen und jede Anweisung mit einem Nicken zu quittieren. Dieses intensive Heranführen an Brems- und Scheitelpunkte, an Rutschgrenzen und den “Speed“, dieses individuell verschiedene Erleben von Geschwindigkeit, zeigte in vielerlei Hinsicht Wirkung. Nicht nur Fahrspaß und Erfolgsaussichten stiegen, auch der einstige Anlass zur Formierung des Project Orange Racing Teams, das 24-Stunden-Rennen Nürburgring, geriet allmählich in den Hintergrund. In ihren ausgewählten Rennserien fühlten sich die Frontantriebs-Spezialisten wohl, und inzwischen charakterisierten sie Oschersleben – wohlgemerkt den dortigen Rundkurs – als ihr zweites Wohnzimmer. Auf dem Eurospeedway Lausitz setzten sie gleichfalls Ausrufezeichen, wenn nicht sogar Glanzlichter. Auf der Nürburgring-Nordschleife kam Maik Kruse in der Rundstrecken-Challenge zu Meisterehren bei den Diesel-Fahrzeugen bis zwei Litern Hubraum, und eine drei- bis vierköpfige Mechanikercrew – unter ihnen ein Bundesmeister auf dem Gebiet der Mechatronik – zieht mit den Volanteuren an einem Strang.

Zusammenfassend sagt Oliver Mix: “Vier Menschen unterschiedlichen Alters, aus unterschiedlichen Berufen und mit unterschiedlicher Lebenserfahrung, haben sich darauf eingeschworen, zusammenzuhalten und auf den anderen zu vertrauen. Das macht die Qualität unserer Renngemeinschaft aus.“ Und Christian Eckstein ergänzt: “Für mich ist Freizeit ein hohes Gut, denn ich habe viel zu wenig davon zur Verfügung! Wenn ich aber den Motor unseres Team-Transporters anwerfe und der LKW auch nur ganz leicht ruckelt, dann beginnt für mich der Urlaub. Das meine ich ernst!“ Einmal im Jahr führt die Route von Hasbergen-Gaste nach Hilter-Borgloh – mehr oder weniger ein Kurztrip in die Nachbarschaft. Dann erweisen die vier Mitglieder des Motorsportclubs Osnabrück ihrem heimischen Bergrennen die Ehre. Mit Gölfen, Teamzelt und Catering im Zeichen des goldenen Buchstaben M mischen sie sich unter die mächtigen Dodge Viper, die von Lokalheroen wie Daniel Schrey oder der Skateboard-Legende Titus Dittmann aus Münster gesteuert werden. Andreas von der Haar, Maik Kruse, Christian Eckstein und Oliver Mix setzen ihre Renner auch als Renntaxis ein. So gestatten sie Seiteneinsteigern Einblicke in das, was zu ihrer Welt geworden ist. Und wer dann weitergehendes Interesse bekundet, wird auch schon einmal nach Hasbergen-Gaste eingeladen – ins Orange County, ihrer ganz besonderen, ausschließlich privaten Sonderform eines Vereinsheims.

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